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"Ein Supermodel hat um Sex mit mir gebettelt"

Für seine Kritiker ist Tinder zum Synonym für eine oberflächliche Hook-Up-Kultur geworden, in der menschliche Beziehungen zu einer Art Mobile Game verkommen sind. Wer diesen Standpunkt teilt, vermutet hinter den Machern der App wahrscheinlich einen Haufen spätpubertärer Bros, die ihr Hobby – oberflächlichen Sex – zum Beruf gemacht haben.

Tinder-Chef Sean Rad trägt nicht unbedingt dazu bei, diesen Eindruck zu zerstreuen. Ein Interview mit der britischen Gratiszeitung "London Evening Standard" strotzt nur so vor unangenehmen Passagen, in denen der Gründer des Dating-App-Unternehmens wie das Klischee des tumben Tinder-Süchtigen wirkt. Eine Auswahl:

Die Interviewerin fragt Rad, mit wie vielen Frauen er in seinem Leben geschlafen hat: "Darf ich ihr das sagen?", fragt der 29-Jährige seine Pressesprecherin. "Nur, wenn es eine schön niedrige Zahl ist", antwortet die, ein Desaster vorausahnend. "Ist 20 niedrig?", fragt Rad zurück. Der anschließende Versuch des Tinder-Chefs, das Bild des oberflächlichen Stechers wieder einzufangen, scheitert spektakulär: Er erzählt, ein "Supermodel, jemand wirklich, wirklich Berühmtes" hätte um Sex mit ihm "gebettelt". Er habe aber Nein gesagt. Die Dame habe ihn dann als prüde verspottet.


"Nennt man das Sodomie?"
Tinder-Chef Sean Rad

Noch nicht genug? “Die Frau ist eine der schönsten, die ich je gesehen habe", fährt Rad fort. "Das bedeutet aber nicht, dass ich ihr die Kleider vom Leib reißen will." Er würde eher Leute daten, die seine Freunde für "hässlich" hielten. "Das klingt wie ein Klischee und total unglaubwürdig, wenn ein Mann das sagt, aber es ist wahr. Ich brauche eine intellektuelle Herausforderung.”

Dabei wirkt Rad in dem Moment schon ausreichend intellektuell herausgefordert: Es gebe ein Wort für seine amouröse Vorliebe, sagt Rad, das ihm dann aber nicht sofort einfällt.

"Nennt man das 'Sodomie'?", fragt Rad. ("I want to say 'sodomy'")

'Sapiosexuell' ist das Wort, das Rad suchte. Wirklich keines, das man jederzeit parat haben muss. Aber Sodomie? Seine Pressesprecherin schreit auf: "Das reicht. Wir werden alle gefeuert!"

Das vielleicht nicht, schließlich wurde Rad erst vor wenigen Monaten als Chef des Unternehmen zurückgeholt, das er mitgegründet hat. Er war Ende 2014 entlassen worden, vorher hatte ein Rechtsstreit mit der einzigen Mitgründerin, Whitney Wolfe, Details über sexuelle Anzüglichkeiten in dem Dating-Start-Up öffentlich gemacht. (Forbes) Wolfe gründete danach Bumble, eine Dating-App, die Frauen besser vor billigen Anmachen schützen soll. (bento).

Dennoch kommt das Interview zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt für Tinder: Das Start-Up geht heute an die Börse, als Teil der Match.com-Gruppe, zu der auch andere Dating-Plattformen wie OkCupid gehören. Insgesamt glaubt Match.com, 2,9 Milliarden Dollar wert zu sein. Tinder gilt als beste Hoffnung auf künftiges Wachstum und Einnahmen für Match, aktuell schätzen Analysten, dass 80 Millionen Menschen die Plattform nutzen.

Damit sich Tinder langfristig behaupten kann, muss es wohl mehr werden als die App für schnellen, oberflächlichen Sex. In Interviews betonten die Gründer deshalb gerne, für wie viel mehr sie selbst Tinder nutzen. (SPIEGEL ONLINE).

Nach Rads Interview hat man da so seine Zweifel.

Viele Apps machen das Tinder-Prinzip nach. Swipe dich durch die abgefahrensten Kopien.