Was macht Sex in der virtuellen Realität mit uns?

​Michael Madary

39 Jahre alt, geboren in New Orleans, hat Anfang 2016 einen Ethikkodex zum Thema virtuelle Realität veröffentlicht. Der Mainzer Wissenschaftler entwarf dabei mit seinem Kollegen Thomas Metzinger Regeln, die ihrer Meinung nach für Forscher und Privatnutzer in der virtuellen Realität gelten sollten. Für das EU-Projekt "Virtual Embodiment and Robotic Re-Embodiment" (VERE) beschäftigt sich Madary seit 2010 intensiv mit Körperillusionen. Sein Buch "Visual Phenomenology" über visuelle Wahrnehmung ist bei MIT Press erhältlich.

Herr Madary, was genau reizt Menschen an Virtual-Reality-Sex?

Sex war immer eine der ersten Anwendungen jeder neuen Technologie. Romane beschreiben Sexszenen, frühe Versionen der Fotografie zeigen sexuelle Darstellungen. Und der Film hat die Pornobranche hervorgebracht. Der Mensch hat ein starkes Bedürfnis nach Sex: Und Technologie ermöglicht es, dieses Bedürfnis zu befriedigen, ohne sich mit den Unannehmlichkeiten echter Beziehungen befassen müssen.

Sie beschäftigen sich mit Fragen der Ethik in der virtuellen Realität. Könnte man zum Beispiel in Sachen VR-Sex nicht einfach sagen: Was in der Realität richtig oder falsch ist, ist es auch in VR?

Das ist eine gute Grundregel, wir sagen auch in unserem Ethikkodex: Was du in der echten Welt nicht tun würdest, das tue auch nicht in der virtuellen. So eine Regel würde aber auch viele Einschränkungen für VR-Erlebnisse mit sich bringen.

Warum?

Wir würden in der echten Welt nie über eine tiefe Schlucht balancieren, an einem Krieg teilnehmen oder gegen Zombies kämpfen. In der virtuellen Realität ist das alles aber machbar. Auch beim Thema Sex müssen wir uns fragen, ob und wann es okay ist, diese Regel zu brechen.

Und, ist es okay?

Selbst wenn wir eine liberale Haltung gegenüber Sex haben, gibt es in Bezug auf VR-Sex immer noch Dinge, über die man sich Sorgen machen kann. In den Medien und in der wissenschaftlichen Literatur gibt es etwa immer mehr Berichte darüber, dass der einfache Zugang zu Pornografie eine negative Auswirkung auf das Sexleben junger Männer hat. Und wenn ein Teil junger Männer schon wegen Online-Pornografie unfähig oder unwillig ist, auf traditionelle Weise Sex zu haben, dann lässt sich vermuten, dass die VR-Technologie, die immer realistischere Erlebnisse bietet, diesen Effekt noch verstärkt.

Die Schädlichkeit von Pornografie ist jedoch umstritten. Wieso sollten VR-Erlebnisse eine noch stärkere Wirkung haben?

Es gibt zwei starke Illusionen, die VR besonders machen. Die eine nennt sich die "Place Illusion": das Gefühl, an einem anderen Ort zu sein. In der echten Welt laufen wir herum, drehen unsere Köpfe und was wir sehen, verändert sich entsprechend. VR-Technik imitiert das, indem sie unsere Bewegungen nachverfolgt und den visuellen Input anpasst. So haben wir das Gefühl, wirklich an einem anderen Ort zu sein.

Was ist die zweite Illusion?

Die nennt sich die "Illusion of Embodiment": Es ist das Gefühl, einen Körper, der einem nicht gehört, zu besitzen und zu kontrollieren. In kommerziellen Anwendungen findet man das noch nicht so oft – da hat man zum Beispiel oft nur Hände. Aber das wird in Zukunft anders.

Blick von der anderen Seite: Das Headset wird mit einem Leap-Motion-Controller ergänzt, der erfasst die Hände des Brillenträgers und übertragt sie ins Spiel.(Bild: SPIEGEL ONLINE)
Viele VR-Apps kommen sehr pixelig daher: Lassen sich unsere Gehirne wirklich so leicht austricksen?

Neuere Forschung zeigt, dass es keine superhochauflösende Grafik braucht, um diese Illusionen zu erzeugen. Es scheint, als fühle sich eine Erfahrung vor allem dann echt an, wenn das Verhältnis von Bewegung und visuellem Input stimmt.

Welche Folgen hat es für die Gesellschaft, wenn wir theoretisch jede Frau, aber auch jeden Mann in der virtuellen Realität zum Sexualobjekt machen können?
Michael Madary
Sex ist etwas sehr Intimes. Darf man sich überhaupt in das Sexleben von Menschen einmischen?

Wenn man fragt: "Ist etwas moralisch falsch?", hängt die Antwort von der jeweiligen Sicht auf Sexualität ab. Eine andere Frage wäre: "Ist etwas gesund?" Das können wir untersuchen und erforschen. Und es gibt Hinweise, dass es gesundheitlich und psychologisch schädlich sein kann, die Technologie zu benutzen. Dass sie zum Beispiel einen negativen Einfluss auf das Sexualleben haben kann. Und nicht nur der Nutzer kann Schaden nehmen. Es gibt feministische Positionen, laut denen schon die Existenz von Pornografie Frauen schadet. Man kann sich also auch fragen: Welche Folgen hat es für die Gesellschaft, wenn wir theoretisch jede Frau, aber auch jeden Mann in der virtuellen Realität zum Sexualobjekt machen können?

In der App "La Douche" übernimmt der Spieler die Rolle eines Voyeurs.
Weil man sich theoretisch einen Avatar zum Beispiel seiner Nachbarin bauen könnte, um in der virtuellen Realität Sex mit ihr haben zu können. Wäre das so verwerflich?

Es ist witzig, dass sie von der Nachbarin sprechen. Die Bibel sagt ja: You shall not covet your neighbour's wife – du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Aus religiöser Sicht wäre es also natürlich verwerflich. Fragen wir aber wieder utilitaristisch: "Wem schadet es?" Dann kann man sagen, dass sich zumindest das Risiko erhöht, dass jemand zu Schaden kommt. Denn es ändert Ihre Beziehung zu Ihrer Nachbarin in der echten Welt, wenn Sie in der virtuellen mit ihr Sex haben. Sie machen Ihre Nachbarin selbst zum Objekt Ihrer Lust, nicht nur ihren Avatar.


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Aber das geschieht doch auch jeden Tag in der Fantasie der Menschen, wenn sie sich vorstellen, mit Nachbarn, Kollegen oder Bekannten Sex zu haben. Die Gesellschaft ist noch nicht untergegangen.

In der virtuellen Realität ist es sehr viel realistischer. Sie haben die "Place Illusion", die "Illusion of Embodiment", es wäre keine Fantasie. Es würde sich anfühlen, als wären Sie dort. Die VR-Technologie trickst unser Gehirn aus und gibt uns das Gefühl: Was in der virtuellen Realität passiert, passiert wirklich.

In der Sex-App FemDomination geht es um Sklave-Domina-Rollenspiele.
Auch bei den ersten Filmaufnahmen dachten Leute, was auf der Leinwand passiert, wäre echt. Das hat sich aber schnell gewandelt.

Unser Gehirn kann sich sehr gut an die Umwelt anpassen. Es kann also sein, das VR mit der Zeit keinen so großen Effekt mehr hat und wir es wie jedes andere Medium nutzen können. Ich glaube aber nicht, dass das in den nächsten zehn Jahren passiert. Einige Forscher beschäftigen sich seit Jahren mit VR und sie berichten dasselbe: Die Illusion bleibt.

Was wir in VR machen, fühlt sich real an. Heißt das auch: Was uns in der virtuellen Realität angetan wird, fühlt sich auch echt an?

Man stößt immer wieder auf Berichte über sexuelle Übergriffe in der virtuellen Realität. Kürzlich etwa ging es um das Spiel "QuiVR". (Guardian) Diese Berichte werden oft abgetan mit dem Argument, dass es eben nicht real gewesen sei. Aber alle Forschung bestätigt uns: Was wir in der virtuellen Realität erleben, fühlt sich echt an. Deswegen müssen wir solche Berichte sehr ernst nehmen.

Was lässt sich gegen Belästigung in VR-Spielen tun?

In dem besagten Fall haben die Spieleentwickler schnell reagiert und eine Art Sicherheitsblase programmiert, die sich mit einer speziellen Geste aktivieren lässt und die andere Spieler nicht durchdringen können. Wir können aber nicht immer warten und erst reagieren, wenn etwas geschehen ist. Idealerweise antizipieren wir schlimme Dinge, die passieren könnten, und versuchen, sie zu verhindern, bevor sie geschehen.

Männer, die wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurden, wurden in den Körper einer jungen Frau versetzt und dann in der virtuellen Realität von Männern verbal angegriffen.
Michael Madary
Das klingt alles wie eine besonders schlimme Folge "Black Mirror", als könnte die Technik uns nur schaden. Kann VR nicht auch positiven Einfluss auf uns haben?

VR wird häufig eine "Empathie-Maschine" genannt. Die Technologie erlaubt es uns, den Körper eines anderen zu besetzen und die Welt aus dessen Perspektive zu sehen. In der Paartherapie zum Beispiel könnte man dank VR die Welt durch die Augen des Partners sehen. VR wurde auch schon zur Behandlung von psychischen Störungen verwendet, die eine gestörte Körperwahrnehmung mit sich bringen.


Das Spiel VRGirlz Lucid Dreams II. In dieser VR-App kann man sich 3D-Scan-Modelle von Frauen anschauen.
Kann VR also auch bessere Menschen aus uns machen?

Es gibt Experimente mit Straftätern. Männer, die wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurden, wurden in den Körper einer jungen Frau versetzt und dann in der virtuellen Realität von Männern verbal angegriffen. Das Ziel des Experiments war es, ihre Empathie zu erhöhen. Und das Erlebte scheint tatsächlich einen positiven Effekt zu haben.

Dürfte man Leute dazu zwingen, solche Erlebnisse zu haben – zum Beispiel Pädophile?

Unsere Haltung, die wir im Ethikkodex niedergeschrieben haben, lautet: So etwas sollte grundsätzlich freiwillig sein. Aber wir sagen nicht, dass es immer generell schlecht sein muss, es bei Straftätern einzusetzen. Entscheidend wäre, dass ein solches Programm an eine Psychotherapie gebunden ist. Es kommt auch darauf an, wie stark die Illusionen sind, denen man die Leute aussetzt. Aber eins muss klar sein: VR sollte als Mittel der Therapie eingesetzt werden, nicht als Strafe oder Folter.


Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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