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Die Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation ist umstritten.

Eine Nacht vor dem Computer, in einer virtuellen Welt Feinde bekämpfen, Punkte sammeln und Highscores knacken: Videospiele zocken ist für viele einfach ein Hobby. Doch daraus kann auch eine gefährliche Abhängigkeit werden.

Davor warnt jetzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die am 18. Juni die sogenannte "Gaming Disorder" in ihren neuen Katalog der Krankheiten aufnimmt. Damit wird das exzessive Spielen von Computer- und Videospielen offiziell als Krankheit anerkannt.

Was bedeutet das?

Ärzte und Krankenkassen orientieren sich am Diagnosekatalog der WHO, dem ICD 11. Krankenkassen können dann zum Beispiel Kosten für die Behandlung einer Person übernehmen, die ein Arzt als "spielgestört" einstuft. (Berliner Morgenpost)

Bereits Anfang des Jahres hatte die WHO angekündigt, "Gaming Disorder" als Krankheit anzuerkennen. (Westdeutsche Allgemeine Zeitung)

Anhand von drei Kriterien lässt sich laut WHO normales Spielen von einer Krankheit unterscheiden: 

  • Entgleitende Kontrolle etwa bei Häufigkeit und Dauer des Spielens,
  • wachsende Priorität des Spielens vor anderen Aktivitäten und
  • Weitermachen auch bei negativen Konsequenzen.
"Gaming Disorder" als Krankheit? Die Entscheidung der WHO ist umstritten.

Christoph Möller ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychatrie im Krankenhaus "Am Bult" in Hannover. Er unterstützt die Entscheidung der WHO. Endlich werde ein Problem in den Diagnosekatalog aufgenommen, das er an seiner Klinik schon lange kenne.

Wir behandeln seit Jahren Jugendliche, die eine Abhängigkeit von Computerspielen entwickelt haben. Bisher konnten wir aber keine adäquate Diagnose stellen.
Christoph Möller

Das "Gaming Disorder" nun als Krankheit eingestuft werde, erleichtere die Behandlung der Patienten, die oft auch unter psychatrischen Störungen wie Depressionen, sozialen Phobien und Angststörungen leiden würden.

Felix Falk vom Verband der deutschen Games-Branche "game", hält die Entscheidung der WHO für falsch.

Für eine solch weitreichende Entscheidung fehlt die notwendige wissenschaftliche Basis.
Felix Falk

Das sei auch der Grund, warum sich massiver Widerstand unter Wissenschaftlern gebildet habe. Sie vermuten, dass exzessives Spielen eher die Folge einer anderen psychischen Erkrankung wie Depression sei. (The Conversation)

"Durch so eine vorschnelle Entscheidung ohne belastbare Studienergebnisse droht die Gefahr zahlreicher Fehldiagnosen und der Stigmatisierung der Nutzer", sagt Falk.

Dass digitales Spielen in bestimmten Lebensphasen eine besonders große Bedeutung habe, sei nicht ungewöhnlich. Der Beschluss der WHO könne zu Fehldiagnosen führen, fürchtet Falk. "Ernsthafte psychische Erkrankungen werden womöglich nicht erkannt und die Behandlung ausbleiben", sagt er.

Spieler bei einem Turnier im polnischen Katowice(Bild: imago / CTK Photo)

Christian Stöcker ist Professor für Digitiale Kommunikation an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hamburg und ehemaliger Leiter des Netzwelt-Ressorts von SPIEGEL ONLINE. Auch er fürchtet vorschnelle Rückschlüsse auf eine Erkrankung, vor allem von Eltern auf das Verhalten ihrer Kinder.

"Insbesondere innerhalb von Familien gibt es viele Konflikte ums Computerspielen", sagt Stöcker.

In dem Moment, in dem Eltern selbst entscheiden, ihr Kind jetzt als "krank" zu betrachten, werden solche Konflikte sicher nicht einfacher.
Christian Stöcker

Für den Mediziner Christoph Möller besteht diese Gefahr nicht. Dafür seien die Kriterien für eine Diagnose im Katalog der WHO genau definiert.

"Nur weil man mal ein Wochenende durchspielt, ist man nicht direkt krank. Das machen die Kriterien deutlich", sagt Möller. Bedenklicher findet Möller den eSports-Trend:

Junge Videospieler spielen auf großen Turnieren für viel Geld stundenlang Videospiele, werden gesponsert und gefeiert wie Popstars.

"Jugendliche sehen dadurch, dass sich mit Videospielen tatsächlich Geld verdienen lässt. Und das sogar ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung", sagt Möller. Ähnlich wie beim Hype um einen Fußballstar könne auch das gefährlich werden, wenn die Begeisterung für eSports das Interesse an anderen Dingen verdränge.

Für die einen Hobby, für andere Profi-Sport(Bild: imago / CTK Photo)

Ganz anders sieht das Felix Falk vom Verband der deutschen Games-Branche. Insbesondere der ansteigende Erfolg von eSports sei der perfekte Beweis dafür, dass die Entscheidung der WHO problematisch sei:

"Selbst eSports-Athleten, die Spiele wie 'League of Legends', 'Counters-Strike' und Co. täglich viele Stunden trainieren, haben keinerlei Probleme mit exzessivem Spielen." Stattdessen würden jetzt weltweit Eltern in Sorge versetzt, dass ihre Kinder ernsthaft krank sein könnten, sagt Falk.

Die WHO selbst schreibt auf ihrer Website zu "Gaming Disorder", dass die Zahl der Gamer, die tatsächlich eine Abhängigkeit entwickeln, extrem gering sei. Der Begriff "Sucht" wird von der WHO ebenfalls nicht genutzt, sie spricht von einer "disorder", also einer Störung.


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