Bild: Sebastian Maas
Wir bleiben zu Hause – aber feiern wollen wir trotzdem.

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Heute: Die Video-Party

Was ist es?

In Zeiten des Coronavirus kommen Trends nicht aus Berlin, sondern aus der Not heraus. Deswegen vergnügen sich Menschen derzeit nicht im Berghain, sondern dort, wo echte Viren keine Chance haben – im Internet. Und tun das, was sie auch sonst jeden Freitag- und Samstagabend (oder für Studierende: Montag-, Dienstag-, Mittwoch-, Donnerstagabend) gemacht haben: zusammensitzen und trinken. 

Wo geht das?

Bei Zoom, bei Skype, bei Google Hangouts, bei WhatsApp und – für alle, die noch nicht genug mit ihren Arbeitskolleginnen abgehangen haben – bei Microsoft Teams oder bei Slack. 

Wie läuft das ab?

Im Grunde genommen wie jede andere Party auch.

Es gibt einen Gastgeber, der endlich mal wieder Grund hat, feucht durchzuwischen beziehungsweise sich die Haare zu bürsten. Der eröffnet die Videokonferenz – und wartet. Denn natürlich schaffen es die anderen auch dann noch, zu spät zu kommen, wenn die Party im Internet stattfindet. "Muss noch den Laptop hochfahren" löst gerade "Hab den Bus verpasst" als häufig bedienteste Ausrede ab. 

Wenn dann endlich alle online sind und verstanden haben, wie sie ihr Mikrofon aktivieren, geht es los – und eigentlich ist es gar nicht so viel anders als sonst: Es gibt gesalzene Nüsschen, Drinks und Gespräche. Pärchen, die süß nebeneinandersitzen und kuscheln ("Hören die auch, wenn ich dir was zuflüstere, Schatz?"). Irgendwer schlägt vor, ein Spiel zu spielen, darauf folgt eine halbstündige erhitzte Diskussion. Zwischendurch prostet man der Webcam zu. Weil immer nur einer auf einmal reden kann, ist man ziemlich schnell angeschickert.

Macht aber nichts – schließlich muss man nur noch nach nebenan ins Bett kriechen und läuft dank sozialer und geografischer Distanz nicht einmal Gefahr, On-and-Off-Affäre Malte dorthin mitzunehmen. Und wer einen polnischen Abgang machen will, kann es ganz bequem auf die Technik schieben.

Für wen ist das was?

Für alle. Denn Ansammlungen von mehr als zwei Personen sind seit Montag endgültig untersagt – außer für Familien, und wenn nur deine Verwandten da sind, gilt es nicht als Party. Wer also noch irgendwie Geselligkeit erleben will, muss förmlich auf den Videochat ausweichen.

Besonders freut der neue "Place to be" diejenigen, für die tendenziell jede Aktivität eine Hürde darstellt, wozu man das Haus verlassen müsste.

Und die, deren Freunde alle in unterschiedlichen Städten wohnen – und die auf einmal merken, dass man auch über die Entfernung einen netten Abend miteinander haben kann.

Außerdem ist die Videoparty der beste Ort für Freundeskreise, die am Raucher/Nichtraucher-Graben zu entzweien drohten: Wer rauchen will, raucht halt, und kann alle sozialen Vorteile des Rauchens (cool aussehen) ohne die Nachteile (Freunden durch Passivrauchen Krebs machen) genießen. Nicht so gern gesehen hingegen übrigens: den Chat mit aufs Klo nehmen.

Was muss man bei der Videoparty beachten?

Essenziell ist die Auswahl der Gäste. Hier gilt: Bloß nicht zu viele auf einmal, sonst gibt's Rückkopplungen und die Videofenster werden so unübersichtlich, dass man vielleicht nicht mitbekommt, dass Mareike, über deren neuen Freund man sich gerade amüsiert, schon vor fünf Minuten dem Chat beigetreten ist.

Jeder Partygast sollte sich zudem gut überlegen, wo in seiner Wohnung er oder sie sich platziert. Zur Auswahl stehen beispielsweise das Sofa (spießig), die Küche (bodenständig), das Bett (verrucht) oder die Toilette (völlig wahnsinnig). 

Und genau wie bei beruflichen Videokonferenzen gilt: Unterbekleidung ist nicht verpflichtend, aber ratsam – spätestens, wenn man aufsteht, um sich die nächste Flasche Wein zu holen.

Wird sich dieser Trend halten?

Solange wir alle drin bleiben und solange das Netz es durchhält, werden wir uns auch weiterhin im Internet treffen. Wahrscheinlich wird es sogar immer mehr Videopartys geben – wenn man die sonntägliche Kafferunde bei Opa Ernst als Party bezeichnen möchte. Obwohl, gesoffen wurde da auch schon immer. 

Und vielleicht werden manche Freundeskreise auch nach Aufhebung der Kontaktsperre weiterhin lieber im Videocall als in der Kneipe abhängen. Denn irgendwie ist es ja auch ganz nett, wenn man bei einer Party zwischendrin einfach die Kamera ausschalten kann – oder den Ton.


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