Wir brauchen mehr Let’s Plays und weniger Frank Plasberg

Auf den ersten Blick sah es aus wie eine normale Talkshow: vier Menschen auf Designer-Stühlen, ein großer runder Tisch, in der Mitte Flatscreens. Doch spätestens beim Blick auf die Bildschirme dürften klar geworden sein sein, dass die Runde mit den klassischen Politshows im Fernsehen wenig gemeinsam hatte – denn dort lief Mario Kart. 

Zwei junge EU-Abgeordnete trafen sich am Dienstagabend zum Zocken und redeten nebenbei über das von der EU geplante Leistungsschutzrecht. Und zwar mit Menschen, die davon tatsächlich betroffen sind. Julia Reda von der Piratenpartei und Tiemo Wölken von der SPD spielten in einem Livestream auf der Gaming-Plattform Twitch eine Partie "Mario Kart" mit den beiden Let's Playern P4wnyhof und Pala. Dabei erklärten sie den geplanten Artikel 13, wegen dem viele Menschen die Einführung von Uploadfiltern fürchten. 

Reda und Wölken brachen das eigentlich sehr trockene und schwierige Gesetz sehr einfach herunter und zeigten damit, wie mögliche Uploadfilter jeden Social-Media-User direkt betreffen würden. Nebenbei flitzen Mario, Toad und Donkey Kong über die Bildschirme und trudeln über Bananen.

Ein Polittalk? Mit Mario Kart? Auf Twitch? Kann das gut gehen?

Kann es! Dieser Talk war der Beste, den ich seit Monaten gesehen habe. Reda und Wölken brennen für das Thema und es ist ihnen offenbar egal, wenn sie ab und zu mal böse werden.

So antwortete Reda auf die Frage, wer denn überhaupt auf die Idee gekommen sei, die Reform vorzuschlagen:

Das war Günther Oettinger, ein deutscher Abgeordneter. Einer von den Leuten, die noch in den 1990ern leben.
Julia Reda, EU-Abgeordnete für die Piratenpartei

Eine kleiner Diss gegen den CDU-Politiker, der zeigt: Reda und Wölken sind nicht die klassichen Establishment-Politiker in Brüssel. Und die beiden sprachen genau das aus, was viele junge Leute denken:

Die Politiker, die sich diesen Schwachsinn ausgedacht haben, haben keine Ahnung, wie das Internet funktioniert.

Für die meisten "alten Herren" sei YouTube eh nur eine Streamingplattform, auf der Musik illegal hochgeladen werde, sagte Reda. Dass viele YouTuber Klickzahlen erreichen, von denen viele TV-Sender nur träumen können, interessiere in Brüssel offenbar niemanden.

Leistungsschutzrecht

Das Leistungsschutzrecht ist eine Idee aus Deutschland: Firmen wie Google sollen dafür zahlen, dass sie kleine Auszüge aus Artikeln in ihren Produkten nutzen – zum Beispiel die Anzeige von Suchtreffern bei Google News. Das Gesetz existiert seit 2013 und sollte Verlage eigentlich an den Gewinnen von Techkonzernen beteiligen. Es ist gescheitert. Weil Google nicht zahlen will, geben die meisten Verlage ihre Inhalte nun freiwillig ohne Vergütung für die Suchmaschine frei.

Artikel 13 macht das Hochladen jedes YouTube-Videos potenziell strafbar.

Wie schnell ein Streamer sich strafbar machen kann, erzählte der Let's Player Pala aus eigener Erfahrung. Vor ein paar Monaten habe er die Box eines Videospiels zugeschickt bekommen, um es zu testen, sagte er. Bei einem Livestream auf YouTube habe er einen Tag vor dem Release des Spiels die Box in die Kamera gehalten, um seinen Followern zu zeigen, worauf sie sich freuen könnten. Ergebnis: Ein Urheberrechtsvestoß – sein YouTube-Account sei 24 Stunden gesperrt worden. 

In diesem Fall sei der Spieleproduzent selbst auf ihn aufmerksam geworden und habe das Video gemeldet, in Zukunft könnte diese Funktion ein Algorithmus übernehmen. Bei jedem vermeintlichen Urheberrechtsverstoß, in jedem Video, selbst wenn nur eine Spielfigur als Dekoration im Hintergrund steht.

Wölken sagte ganz klar: Das kann gar nicht funktionieren. Woher soll der Algorithmus harmlose Gegenstände im Hintergrund erkennen? Und wie erst Ironie – wie Scherze? 

Das Gesetz könnte alles am Internet zerstören, was gut ist, so der Tenor von Reda und Wölken.

Durch einen Polittalk, der sich an diejenigen richtet, die vom Gesetz tatsächlich betroffen wären, habe ich zum ersten Mal verstanden, wie ernst die Lage ist. Kein Gelaber von "Verwertungszwecken" oder "Anpassung eines integrierten Binnenmarktes für Rechte des geistigen Eigentums", wie der Befürworter des Gesetzes, Axel Voss von der CDU es nennt.

Es geht darum, Streamern ihre Kunst zu verbieten, aus Angst, an jeder Ecke einen Urheberrechtsverstoß zu begehen. 

Der Talk zeigt auch: Junge Menschen interessieren sich für das Thema.

Kurz vor Ende des Streams hatte er mehr als 25.000 Zuschauer. Viele kommentierten, hatten Fragen an die jungen Abgeordneten, zu Streams, Gaming, zum Gesetz selbst und auch zu ihrem Leben. Reda und Wölken beantworteten alles. 

  • "Ihr wollt uns erreichen? Ruft uns einfach an oder schreibt uns auf Twitter."
  • "Ihr wollt euch einbringen? Geht zu Demos in eurer Stadt."
  • "Wo bekomme ich Infos über das Thema? Guckt euch diese drei Blogs an."

In TV-Talkshows wirken Politikerinnen und Politiker selten so nahbar und sympathisch.

Vielleicht ist es der Start für eine neue Generation von Polittalks. Von jungen Leuten, für junge Leute. Warum nicht auf Twitch? Warum nicht beim Zocken? Warum nicht von YouTubern interviewt werden? Der Talk von Reda und Wölken zeigt: Das funktioniert. Auch wenn manche älteren Leute wahrscheinlich wenig verstanden hätten.

Aber für die war Stream schließlich auch nicht gedacht – die öffentlich-rechtlichen Talkshows geben sich ja auch nicht viel Mühe, sich speziell an junge Menschen zu wenden. Der Mario-Kart-Talk war eine direkte Leitung zu Leuten, die sich mit Streams, YouTube und Gaming auskennen. Genau diejenigen können das Gesetz nun noch verhindern.

Denn – so die Botschaft von Reda und Wölken – Artikel 13 kann noch gestoppt werden.

Wie zuletzt 2012, als ein ähnliches Gesetz nach Straßenprotesten fallen gelassen wurde. Junge Menschen könnten nun wieder beweisen: Auch unsere Stimmen zählen in der EU!


Gerechtigkeit

Mit diesem Entschuldigungsschreiben hilft Martin Sonneborn den protestierenden Schülern
Du darfst nicht fürs Klima streiken? Kein Problem.

Zehntausende Schülerinnen und Schüler demonstrieren gerade in ganz Europa für besseren Klimaschutz. Und dafür, dass die Politik endlich den Klimawandel ernst nimmt. Was antworten viele Politikerinnen und Politiker den Klimaschützern? "Kindergeht lieber wieder zur Schule!"

Natürlich lehnen nicht alle Politiker den Klimastreik ab, manche unterstützten die Jugendlichen aktiv.

Doch einer geht nun besonders weit: Martin Sonneborn stellt einfach Entschuldigungsschreiben für die Jugendlichen aus. 

Denn die Schülerinnen und Schüler gehen immer freitags auf die Straße – zu einer Zeit, in der sie eigentlich in der Schule sitzen müssten. Die Idee dahinter: Wenn wir nicht schwänzen, nimmt uns keiner wahr.

Martin Sonneborn sitzt für die Satirepartei "Die Partei" im EU-Parlament. Und mischt sich gerne mal in aktuelle Debatten ein – halb mit Augenzwinkern, halb mit ernstem Hintergrund. Am Dienstag hat er auf Twitter ein vorgefertigtes Schreiben veröffentlicht, das jeder verwenden könne, der am Klimastreik teilnehmen will. Und dafür eine Ausrede braucht: