Bild: Imago
Ein Streit auf dem Balkan ist der Auslöser.

Es klingt kurios: Erst gibt es Streit um Strommengen auf dem Balkan, die zwischen Ländern hin- und herfließen. Einige Wochen später dann gehen europaweit Radiowecker und Uhren an Elektroherden bis zu sechs Minuten nach. Doch genauso hat sich der Weckergate laut dem Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) abgespielt.

Radiowecker und andere stromnetzgespeiste Uhren haben oft keine eigenen Taktgeber. Stattdessen messen sie den Ablauf der Zeit über die Schwingungen des Wechselstroms aus der Leitung. Das erspart die Kosten für eine Quarzsteuerung. Die Frequenz des Stroms liegt bei 50 Hertz, also 50 Schwingungen pro Sekunde. Solange dieser Wert gut eingehalten wird, gehen die daran gekoppelten Uhren zuverlässig.

Doch seit Mitte Januar wurde diese Zahl kaum mehr erreicht, wie die Netzbetreiber nun mitteilen.

  • Die Frequenz lag stattdessen bei etwa 49,95 Hertz.
  • Die Abweichung zu 50 Hertz erscheint klein, aber sie hat sich über zwei Monate zu rund sechs Minuten Zeitunterschied addiert.
  • Ursache seien Abweichungen in den Stromnetzen von Kosovo und Serbien.
  • Es gebe politischen Streit zwischen den zuständigen Behörden beider Länder, teilte der Netzbetreiberverband mit.

Die Netzfrequenz sinkt, sobald zu wenig Energie ins System eingespeist wird. Üblicherweise wird dann kurzfristig zusätzliche Energie zur Verfügung gestellt – und das Problem verschwindet.

Bei den Netzen von Serbien und Kosovo ist dies aber offenbar über mehrere Wochen nicht geschehen. Mit den bekannten Auswirkungen für Stromnetze in 25 europäischen Ländern – von der Türkei über Polen, Deutschland und die Niederlande bis nach Spanien.

Laut Jutta Hanson von der TU Darmstadt wäre das Problem nicht aufgetreten, wenn die europaweiten Vereinbarungen für den Netzbetrieb eingehalten worden wären. Doch die Leistungsungleichgewichte im Bereich Serbien-Montenegro-Mazedonien seien nicht ausgeglichen worden.

Technisch bedeutet dies, dass über weite Zeiten ein Leistungsdefizit dieser Regelzone aus dem europäischen Verbund gespeist wurde.
Jutta Hanson von der TU Darmstadt

Die nun beobachtete wochenlange Abweichung bei der Netzfrequenz sei so noch nie aufgetreten, erklärte der Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber. Der Streit müsse dringend gelöst werden, damit die vorgesehenen Werte wieder erreicht werden.

Dass die Frequenz der Netzspannung leicht schwankt, ist normal. In der Regel gleichen sich die Abweichungen aber aus. Mal ist die Frequenz zu niedrig, mal zu hoch, im Mittel dann bei den anvisierten 50 Hertz.

Wer die aktuelle Netzfrequenz wissen möchte: Der Schweizer Versorger Swissgrid zeigt sie in Echtzeit an und auch die momentan erreichte Zeitverzögerung von fast 360 Sekunden, also fast sechs Minuten.


Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Future

Ananas, Schal, Lauch – was ist der Plural?

Ananas, Lauch oder Kiosk: Wörter, die wir alle kennen und häufig verwenden. Schwierig wird es allerdings, wenn wir davon mal mehr als eins meinen – und unsere Deutschkenntnisse auf einmal an ihre Grenzen stoßen. Denn was ist bloß die Mehrzahl davon?

Formulierungen wie "Kauf doch bitte einen Lauch. Und dann noch einen" können zwar kurzfristig Abhilfe schaffen, sind auf Dauer aber keine befriedigende Lösung.