Keine Chance für Tweet-Deleter

Twitter ist weltweit für Politiker zu einem unverzichtbaren Instrument geworden: Sie tragen Meinungsverschiedenheiten mit dem politischen Gegner öffentlichkeitswirksam aus, zelebrieren Besuche im Wahlkreis und teilen ab und an auch mal etwas Privates mit den Followern.

Oft genug schießen Politiker dabei auch über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus, lassen gute Umgangsformen vermissen oder äußern Standpunkte, die später dann so doch nicht mehr öffentlich nachzulesen sein sollen - schnell ist der eine oder andere Tweet wieder gelöscht.

Mehr Transparenz in der öffentlichen Debatte

Um mehr Transparenz zu wagen, hatte sich die Plattform Politwoops bereits vor Jahren das Ziel gesetzt, eben diese gelöschten Tweets von Politikern zu archivieren - für alle frei zugänglich und nachvollziehbar. In mehr als 30 Ländern war Politwoops aktiv.

Überraschend kappte Twitter dann im August 2015 der Plattform Politwoops die Verbindungen zur Twitter-API, die diese Archivierung ermöglichte. Die Empörung war groß und mündete in einem offenen Brief von mehr als 50 Menschenrechtsorganisationen an Twitter.

Das laute Entsetzen ist nun mit einem halben Jahr Verzögerung doch noch erhört worden: Die Open State Foundation darf weiter gelöschte Tweets von Politikern über die Twitter-API sammeln und auf einer Plattform abbilden.


Twitter begründet den Schritt damit, eine wichtige Rolle bei der Schaffung von Transparenz in der öffentlichen Debatte spielen zu wollen. Das klingt sehr freundlich, keine Frage.

Es darf allerdings auch nicht außer Acht gelassen werden, dass Twitter mit Blick auf stagnierende Nutzerzahlen und ewige Debatten über das Führungspersonal massiv in der Krise steckt und somit ein wenig positives Echo gut gebrauchen kann. Auch um eventuell schwelende, unnötige Konflikte auszuräumen, bevor es in die Verkaufsgespräche mit potentiellen Übernahmekandidaten geht.

Wir sind natürlich auch auf Twitter:

Noch mehr Twitter