Bild: Patrick Pleul/dpa
Für die einen ist es harter Job, für andere nur ein Spiel

Ein Traumtor aus 25 Metern bei "Fifa" oder Staub im Gesicht nach einem Wüstenritt in "Red Dead Redemption": Videospiele machen Spaß, wenn sie möglichst unrealistisch sind. Wenn wir über uns hinauswachsen und zu unerschrockenen Helden werden. 

Es soll aber auch Leute geben, die freiwillig zwei Stunden im Stau standen – beim "Eurotrucksimulator". Oder sich hoffnungslos mit einer Pistenraupe verfahren im "Skigebietssimulator". Also viel Zeit in Spiele stecken, die möglichst realistisch eigentlich langweilige Tätigkeiten abbilden. 

Jetzt gibt es ein Spiel, das so realistisch ist, dass man es eigentlich gar nicht spielen will: einen Kundendienst-Simulator.

Im Videospiel "Tech Support: Error Unknown" spielt man einen Callcenter-Mitarbeiter.

Das Spiel beginnt mit unserem ersten Arbeitstag bei Quasar. Was diese Firma genau macht, weiß niemand. Ist eigentlich auch egal, wichtig ist nur, dass sie eine Kundenhotline für Technik-Notfälle hat. Aber statt Callcenter-Feeling gibt es schon zum Start die volle Härte der Gig-Economy: Wir müssen von zu Hause arbeiten. Keine Kollegen, keine klingelnden Telefone um uns herum. Stattdessen setzt das Unternehmen kostensparend aufs Home Office.

Während andere Menschen ihre Freizeit mit Freunden verbringen, beim Sport oder immerhin mit Netflix, gehe ich gleich nochmal zur Arbeit.

Ich sitze am Computer und starre auf einen Desktop. Unsere Vorgesetzte Kamala begrüßt uns mit einer E-Mail. Sie behauptet, ich würde eine "großartige Unterstützung für das Team werden".

Ich bedanke mich mit einer vorgefertigten E-Mail: Es sei eine "großartige Chance" und eine "Ehre" für dieses Unternehmen zu arbeiten, und ich sei sicher, "den Unterschied" ausmachen zu können. Es gibt keine andere Möglichkeit, als diese E-Mail abzuschicken.

Für mich ist es nur ein Spiel. Callcenter kenne ich nur von der anderen Seite. Ich habe mich schon schrecklich über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geärgert, wobei ja völlig klar ist, dass sie meist nichts für die Regeln und Vorgaben ihrer Auftraggeber können.

Gleichzeitig vermute ich, dass sich irgendwo auf der Welt jemand genau jetzt solche Sätze abringen muss für einen ganz realen Callcenter-Job. Was der wohl über mich denken muss? 

Im Spiel ist es jetzt kurz nach acht Uhr. Nachdem mir Kamala das System erklärt hat, wird es ernst.

Der erste Kunde wird durchgestellt.

Am anderen Ende der Leitung sitzt Keith. Keith erzählt, dass er vor kurzem 70 Jahre alt geworden ist. Sein Sohn habe ihm "eines dieser Mobiltelefone" zum Geburtstag geschenkt und er sei noch ein bisschen unsicher damit.

Wir können ausschließlich mit einer der vorgefertigen Fragen antworten: Wo liegt das Problem? Wie kam es dazu? Haben Sie versucht, sich selbst anzurufen? Wie geht es Ihnen?

Diesen Job könnte ein Roboter erledigen. Aber natürlich versuche ich, dem älteren Herren zu helfen, so gut es eben geht. Schließlich war er in Vietnam. Erzählt er. Ungefragt. Über mehrere Minuten. Und er war Lehrer. An einer Grundschule. Damals gab es nämlich noch gar keine Handys.

Es dauert bis zur fünften Nachfrage, bis Keith feststellt, dass er den Grund für seinen Anruf vergessen habe und auflegt.

Der nächste Anrufer ist Renee. Das Display seines Smartphones ist zersprungen, als es ihm runtergefallen ist. Ich empfehle ihm, das Display zu wechseln. Das will er aber nicht. Wir drehen uns im Kreis.

Dann die rettende Idee: Ich verbinde ihn mit einem anderen Kollegen. Soll sich doch jemand anderes sich mit dem Kunden herumschlagen. Es geht hier offenbar gar nicht darum, Menschen zu helfen, sondern einfach nur ums Überleben bis zum Feierabend.

Schon soll es 17 Uhr sein. Ein Tag ist in ein paar Minuten verstrichen. Feierabend, der erste Tag ist geschafft.

Tag zwei beginnt. Der Homebutton von Ermas Smartphone funktioniert nicht mehr. Sie gerät in Panik, hyperventiliert. Ist das Smartphone für immer verloren? 

Natürlich nicht. Ich bin ja da und kenne alle Tricks. Also empfehle ich ihr den heiligen Grahl der Gerätereparatur. Den Porsche unter den Tech-Heilungen:

"Haben Sie versucht, es aus- und wieder einzuschalten?"

Tatsächlich funktioniert es. Mein bisher erstes Erfolgserlebnis. Im Überschwang schließe ich versehentlich mein E-Mail-Fenster. Kurze Zeit später ruft Kamala an. Das Schließen des E-Mail-Accounts sei verboten. Ich bekomme eine Abmahnung. 

Noch bevor das Spiel richtig losgeht - im Verlauf soll man einen Datenskandal aufdecken - resigniere ich. Die Arbeit im Callcenter hat mich jetzt schon zermürbt.



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