Bild: Snapchat
Tschüss, Spaß!

Es gibt Snaps, die mich um 6.30 Uhr morgens auf dem Klo zeigen, mit Zahnbürste im Mund und geknülltem Toilettenpapier in der Hand. Ich trage einen Zipper voller Chips-Fettflecken, hauche in die Kamera. Schriftzug: Mundgeruch!

Snaps, die ich irgendwann mal einer Freundin geschickt habe. Morgeeen, wollte ich damals sagen. Und das danach schnell vergessen.

Meine Freundin hat die Snaps empfangen, einen Lach-Brüll-Emoji zurückgeschickt, dann war der Moment verpufft. Wie charmant: Videos, die das Grauen des Morgens angemessen zusammenfassen – und danach allerhöchstens auf dem eigenen Telefon weiterleben, außerhalb dessen jedoch verschwinden.

Doch jetzt sollen Snapchat-Nutzer solche Momente noch einmal schicken. Im Telefon gespeicherte Bilder und Videos lassen sich hochladen und versnappen – also Dateien, die ursprünglich gar nicht mit der Absicht erstellt wurden, sie für Snapchat zu nutzen.

Das, was immer schon bei WhatsApp und Instagram geht, kann jetzt auch Snapchat: Sorgsam inszenierte und auf Hochglanz polierte Fotos und Videos verbreiten. Wie Mainstream!

Auf Snapchat konnte man mal betrunken "Ich liebe dich" in die Kamera grölen, nur in diesem einen Moment, vorbei. Jetzt steht dort dieser Memories-Knopf und schreit mich an:

Du! Musst! Dich! Von keinem Moment verabschieden!
Abspeichern, dafür gibt es ja sonst keine Apps!(Bild: Snapchat)

Während ich meiner heißgeliebten Verpuffungsmöglichkeit hinterherheule, gewöhnen sich Leute, denen ich folge, so langsam an den neuen Knopf. Snapchat ist jetzt nicht mehr nur die Leichtsinnigkeit, einfach mal einen Schnipsel seines Lebens an irgendjemanden herauszuknallen – Snapchat ist jetzt auch ein Kühlschrank mit vorgekochten Portionen, die wir bitte gerne nochmal aufwärmen sollen.

Eine Bloggerin, die ich sehr mag, hat vor ein paar Minuten eine Snap-Story von vor sechs Monaten gepostet. Thema: Mein Urlaub auf den Kanaren. Für alle, die neuerdings erst folgen, schrieb sie dazu. Und: Sie sei zwar mit dem Typen nicht mehr zusammen, aber ihr gefalle der Lippenstift von damals sehr.

Hallo? Ich will dich nicht früher sehen, ich will dein Heute!

Ich dachte, der Trend geht zur Authentizität! Die uneingeschränkte Nähe ohne Zusatzoptionen war es doch, die gut war. Memories, wie wär's mit Gegenwart? Oder soll ich den nur damals echten Klo-Snap jetzt wieder versenden? Der Witz ist alt.

Ich hatte mich gerade daran gewöhnt, jeden Abend im Bett zu liegen und dabei das echte Leben anderer zu suchten. Jetzt darf ich nochmal durch das Fotoalbum von einst blättern. Genau das cleane Album übrigens, das auch schon bei Instagram existiert.

Jetzt – wo wir uns gerade mit dem Gedanken vertraut gemacht hatten, dass Spontanität entzückend ist. Und total 2016.

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  • Nike auf Snapchat: schnikischnuck
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