In Berlin steht ein einsamer Automat

Egal ob Berghain oder ein Haus voller Graffiti: Der Berliner ist Schlange stehen gewöhnt. Und lässt die Tortur auch mehr oder weniger geduldig über sich ergehen – wenn es sich denn lohnt.

Vor dem Automaten in Berlin-Mitte, an dem es die Snapchat-Brille seit Freitag zu kaufen gibt, ist keine Schlange. Dabei ist es die einzige Möglichkeit, in Deutschland sofort an die Spectacles zu kommen.

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Die Snapchat-Brille nimmt auf Knopfdruck 10 Sekunden Video auf und funkt sie ans Handy, damit man direkt Snapchat füttern kann. 200 solcher Aufnahmen passen auf die Brille. 150 Euro kostet eine Brille.

Beim Verkaufsstart in den USA im November standen Menschen stundenlang in langen Schlangen.

In Berlin stehen nur drei Promomenschen von Snapchat neben der knallgelben Säule, an der ebenso knallgelbe Ballons hängen. Der Automat sitzt etwas verloren in einem fancy Kletterpark herum, ganz in der Nähe der Gedenkstätte Berliner Mauer.

Ein großes rundes Auge auf dem Bildschirm blickt sich suchend nach Kundschaft um.

"Also seitdem ich hier Schicht habe, habe ich da noch niemanden gesehen. Und mein Kollege vorher auch nicht", sagt der junge Mann am Einlass des Kletterparks.

Die Idee, dass sich Snapchat-Jünger aus dem ganzen Bundesgebiet in Scharen auf diese kapitalistischen Schnitzeljagd machen, ist offensichtlich nicht aufgegangen.

Vielleicht auch deswegen, weil man die Brille im Online-Shop bei Snap bestellen kann. Lieferzeit 3 bis 5 Werktage. Dafür ohne nerviges Schlangestehen, aber auch ohne Event-Charakter und ohne das tolle Gefühl, zu den Super-Earliest-Adoptern zu gehören.

"Es ist noch zu früh. Unsere Zielgruppe ist noch in der Schule", sagt einer der drei Snapchat-Menschen, die zur 3:1 Betreuung des Automaten (so einen Schlüssel müsste es in einer Kita geben) abgestellt wurden. Und es stimmt ja: Ein Uhr mittags zeigt die Uhr.

Weiße Anführungszeichen
Ich bin zu early dran.

Ich kaufe. Eine Brille für die Redaktion. Eine für mich. Und plötzlich steht doch noch ein Mensch hinter mir – ein Mann, Mitte vierzig, mit Anzug und Stoffhose. Er gehört nicht zur Zielgruppe. "Nicht für mich", sagt er, ein wenig entschuldigend, und greift sich die Brille, die von lustigen Piepsgeräuschen begleitet in die mundförmige Ausgabeklappe fällt. 

"Als Überraschung für meine 16-jährige Tochter, die hat morgen Geburtstag." Dann huscht er schnell davon.

Das Automatenauge blickt ihm sehnsüchtig nach.

Musik

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