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Welche Auswirkungen die Sucht nach den Zahlen haben kann – und wann es Sinn ergibt, sich selbst zu monitoren.

Treppe oder Lift? Ich stehe im Erdgeschoss eines Parkhauses. Normalerweise würde meine Faulheit siegen. Ich hatte immerhin einen langen, anstrengenden Tag. Aber meine Smartwatch kann ich nicht belügen – und sie erwartet von mir 10.000 Schritte pro Tag. Der Witz ist: Ich bin in der dazugehörigen App mit niemandem verbunden. Keiner außer mir würde also bemerken, wenn ich nur 3000 Schritte laufe. Trotzdem gehe ich die Treppe. Warum?

Mit sportlichem Ehrgeiz hat das wenig zu tun, auch wenn ich mich durch das schlechte Gewissen am Handgelenk mehr bewege. Klar, der Effekt ist schon auch, dass ich meinen inneren Schweinehund überwinde. Aber führen die Protokolle nicht auch dazu, dass ich das Gefühl für meinen Körper verliere? Ich muss mir keine Gedanken mehr machen, wie es mir geht – der Tracker sagt mir, wie ich mich fühle, wie ich geschlafen habe, wie gesund ich bin. 

Manche Smartwatches können sogar ein EKG anfertigen. Zwar ungenauer als im Krankenhaus, doch das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Uhren Vorhofflimmern, die häufigste Form von Herzrhythmusstörungen, erkennen können. Nun wird eine Nutzung für die Überwachung von Risikopatienten in Betracht gezogen.

Neben Smartwatches gibt es inzwischen fast alles als intelligente Version. Gabeln zum Beispiel: Sie messen das Essverhalten und ermahnen einen, wenn man die Spaghetti zu schnell in sich hineinschaufelt. Für richtige Profis gibt es dann noch das smarte Kondom. Der Name ist irreführend, denn mit Verhütung hat es nichts zu tun. Es ist ein Ring, der beim Sex um den Penis getragen wird und Kalorienverbrauch, Geschwindigkeit und Dauer misst. Die Frage "wie war ich" bekommt so eine neue Bedeutung und die Selbstvermessung lässt die letzte Grenze hinter sich.

Warum lieben es Menschen so sehr, sich selbst wie eine Laborratte zu beobachten und die eigenen Daten aufzuschlüsseln?

Vivien Suchert, 29, ist promovierte Psychologin und widmet sich dieser Frage in ihrem Buch "Das vermessene Ich". Im Interview erzählt sie, was die permanente Vermessung unseres Lebens mit uns macht.

bento: Warum wollen Menschen sich vermessen?

Vivien Suchert: Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Selbsterkenntnis. Das hat historisch schon immer eine Rolle gespielt – früher in Worten, heute in Zahlen. Schon in der Antike beschrieben Philosophen wie Markus Aurelius Vorgänge des Körpers oder der Psyche. In tagebuchähnlichen Einträgen, ganz ohne Zahlen, stellten sie Zusammhänge zwischen der Qualität ihres Schlafes und ihres gesundheitlichen Zustandes her. Heute haben wir die technischen Möglichkeiten, Einblicke in körperliche Vorgänge zu bekommen, die wir sonst gar nicht oder nur schwer wahrnehmen könnten. 

Dazu kommt die Vergleichbarkeit. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der sich gerne mit anderen vergleicht und durch die Datensammlung Kontrolle über sein Verhalten gewinnt. 

bento: Woher kommt dieser Wunsch nach Kontrolle?

Vivien: Die Welt ist in vielerlei Hinsicht komplexer und unübersichtlicher geworden. Das kann überfordern. Mit der Beobachtung des Ichs holen wir uns zumindest in dieser Hinsicht Kontrolle zurück. 

Auch der Vergleich mit anderen ist in der digitalen Welt viel stärker ausgeprägt. Durch Social Media kann ich mich austauschen und sehe, wie andere sich verhalten. Dadurch kann auch das Bedürfnis entstehen, das eigene Verhalten zu optimieren.

bento: Es klingt ein wenig so, als wären wir unsere eigenen Versuchskaninchen. Ist das nicht gefährlich?

Vivien: Ja, klar. Inzwischen können uns smarte Produkte Gesundheitsdaten wie Blutwerte oder Aufzeichnungen von Herzströmen zur Verfügung stellen. Es gibt aber einen Grund, warum Mediziner eine lange Ausbildung haben, denn solche Zahlen müssen interpretiert werden. Ein normaler Nutzer ist damit potentiell überfordert. Wenn die Geräte eine Anomalie aufzeigen, die auch bei gesunden Personen durchaus vorkommen, kann das beispielsweise zu Angst führen oder eine hypochondrische Neigung verstärken.

bento: Welche psychologischen Risiken birgt die Aufschlüsselung unseres Verhaltens?

Vivien: Es kann eine Entfremdung des Selbst entstehen. Wer den Daten mehr glaubt als sich selbst, kann das Vertrauen in die eigenen Empfindungen verlieren. Wenn ich meinem Smartphone die Entscheidung über meine Nahrungsaufnahme überlasse, verschwindet möglicherweise das Gespür, wie viel Essen mein Körper braucht. Oder wenn ich in der Stadt unterwegs bin, vertraue ich eher Google Maps anstatt meiner Intuition.

Dieser Vertrauensverlust findet auch auf einer anderen Ebene statt. In unserer Gesellschaft wird alles in Zahlen umgewandelt – alles wird bewertet: der Film, der Arzt, das Essen. An diesen Bewertungen richten wir unser Verhalten aus. Dann vertrauen wir womöglich kaum noch jemandem, ohne vorher die Datenlage zu checken, denn Vertrauen kann nur dort geübt werden, wo eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist. Wie Julia Zeh sagt, kann die Selbstvermessung als das Gegenteil von Selbstvertrauen angesehen werden.

bento: Jetzt haben wir viel über die negativen Aspekte gesprochen. Gibt es auch positive?

Vivien: Ja, denn mit Hilfe smarter Geräte und Apps lassen sich besonders erfolgreiche Strategien zur Verhaltensänderung umsetzen. Beispielsweise das Self-Monitoring, wie die Selbstüberwachung in der Psychologie genannt wird. Man überwacht sich selbst, bekommt eine Rückmeldung und kann sein Verhalten entsprechend anpassen. Spiel- und Belohnungskomponenten können diese Motivation noch weiter erhöhen. 

Früher musste man dazu ein Ernährungstagebuch führen oder das Training sehr genau dokumentieren. Heute macht das ein Gerät für uns nebenbei.

bento: Gibt es ein gesundes Maß, das man einhalten kann?

Vivien: Es gibt Wege, die Geräte zu nutzen, die wirklich förderlich sind. Wichtig ist es dabei, ein konkretes Ziel zu haben, sonst wird das Messen zum Selbstzweck. Wenn ich mich mehr bewegen will, dann reicht es beispielsweise, meine Schritte zu zählen – welche Herzfrequenz ich in dem Moment hatte, ist nicht relevant. 

Das Messen all dieser Daten verselbstständigt sich schnell und sehr bald versucht man, alles zu überwachen.

bento: Du sprachst von einer Entfremdung von sich selbst. Wie kann man dem entgegenwirken?

Vivien: Ich bin mir nicht sicher, ob diese Geräte der Grund für die Entfremdung sind oder ob wir den Zustand schon vorher hatten und uns deswegen so genau beobachten. Vermutlich bedingen sich die beiden Faktoren wechselseitig.

Zu empfehlen sind aber Achtsamkeitsübungen, um sich selbst wieder mehr zu vertrauen: Brauche ich mehr Bewegung? Schlafe ich genug? Für die Antworten darauf kann man in sich selbst hineinhören, anstatt nur auf die Zahlen der Geräte zu vertrauen. Dafür muss man sich allerdings Zeit nehmen und kurz innehalten.



Grün

Ausstieg aus dem Konsum: Mimi besitzt nur noch das Allernötigste
Im Interview erzählt sie, wie der minimalistische Lebensstil gelingt.

Fünf Jahre ist es her, dass Mimi* beschlossen hat, etwas in ihrem Leben zu verändern. Weil sie sich nach Klarheit in ihrem Innern sehnte, begann sie, um sich herum Ordnung zu schaffen und auszumisten, bis ihre Wohnung fast leer war. Mimi lebt seitdem minimalistisch. Heute teilt die Dreißigjährige ihre Erfahrungen unter ihrem Künstlernamen "Minimal Mimi" auf YouTube und schreibt ein Buch über Minimalismus.

*Mimi heißt eigentlich anders. Sie möchte aber mit ihrem Spitznamen angesprochen werden. 

Mimi lebt mit ihrem besten Freund in einer Wohngemeinschaft in Berlin. Radikal minimal. Warum sie das macht und wie es sich anfühlt, aus dem Konsum ausgestiegen zu sein, erzählt sie im Interview.