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Das Anti-Smartphone

Handys sind langweilig geworden: großes, ultrascharfes Display, 47-Megapixel-Kamera, Octo-Tetracore-Dragonsnapper-Prozessor, lächerliche Batterielaufzeit. Im Prinzip alles dasselbe. Seit 2007 das erste iPhone vorgestellt wurde, gibt es ständig immer noch bessere Versionen derselben Idee von verschiedenen Herstellern.

Handy: abgehakt, durchentwickelt, so spannend wie Autos. Die unterscheiden sich auch nur noch in Nuancen, sehen alle gleich aus und verrichten sehr vorhersehbar ihren Job.

Wichtiger sind die Apps. Sex, Liebe, Arbeit, Unterhaltung, alles in Apps organisiert und über Datenwolken zusammengehalten. Zufrieden swipen, forcetouchen und shaken wir App-gesättigten Handynutzer uns durchs Leben. Doch dann liegt da plötzlich ein Paket aus der Schweiz in der Redaktion. Ein neues Handy. Punkt.

Punkt ist das Gegenteil davon. Ein Handy aus schwarzem Plastik zum Telefonieren und SMS-Schreiben. Mit echten, großen, runden Tasten. Das Display zeigt vor allem schwarz und weiß an, nur manchmal gibt es etwas grau dazwischen. In Ausnahmefällen sogar einen Tupfer rot.

Es gibt keine Datenverbindung, keine Apps, garantiert kein Candy Crush. Theoretisch könnte man Twitter über SMS nutzen, nur bietet Twitter diese Funktion in Deutschland nicht an. Also auch kein Twitter. Ein Handy für Facebook-Verweigerer und digital Enthaltsame. Das Nokia 3210 aus dem Jahr 1999 hatte mehr Funktionen.

Dafür ist das Punkt schnell. Zack, zack, zack. Ich fühle mich gleich entschlossen und kompetent. Das Punkt ist ein Werkzeug: präzise, aber unflexibel. Dahinter steckt kein aufgeblähtes Android oder ähnliches: Das minimalistische Interface wurde extra entwickelt und läuft auf einem Betriebssystem namens MediaTek.

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Die Bedienung eines iPhones ist dagegen wie die Reise auf einem schwerfälligen Kreuzfahrtschiff: Die Zeit steht still, ständig gibt es Entertainment, und eigentlich ist es völlig egal, wo das Schiff mit einem hinfährt, Hauptsache Captains Dinner.

Entworfen hat das Punkt der britische Designer Jasper Morrison, ein Verfechter des “Super-Normalen”. Morrison hat unter anderem der Stadtbahn in Hannover ihr super normales Gesicht gegeben. Langeweile als Design, die tollen Features verstecken sich. Beim Punkt sind das die robuste Farbe, mit der auch Fotoapparate angemalt werden, sowie kratzfestes Gorillaglas vor dem Display.

Natürlich hält der Akku ewig. 20 Tage Stand-by verspricht der Hersteller, knapp fünf Stunden telefonieren am Stück. Tatsächlich liegt mein Testgerät meistens formschön herum. Während auf meinem eigentlichen Telefon ständig Nachrichten von Freunden hereintröpfeln, bleibt das Punkt vor allem stumm.

Also rufe ich jemanden an. Wir sprechen ein paar Minuten, die Verbindung ist super, der Ton bestens. Wir lachen über einen Facebook-Eintrag, verabreden uns zum Skypen, schicken uns parallel noch ein Google-Doc und legen auf.

Das Punkt ist so dermaßen Punk, es erfordert einen neuen Lebensstil: Die Abkehr von der vernetzten App-Gesellschaft. Punk muss man wollen: Der Gesellschaft den Rücken kehren, die Komfortzone gegen den Bahnhofsvorplatz austauschen, die Föhnfrisur gegen Zuckerkleister. Oder eben bunte App-Vielfalt gegen fast monochromatisches Monotasken. Das liegt nicht jedem.

Wer das Telefon-Icon auf die zweite Seite des Smartphone-Screens geschoben hat wie ich, für den ist das Punkt ganz offensichtlich nicht gemacht.

Auch nicht für Menschen mit dem dringenden Bedürfnis nach Wegwerf-Handys. Dafür ist das Punkt mit 295 Euro viel zu teuer. Es gibt deutlich günstigere Alternativen.

Wer soll das Punkt dann kaufen? Vielleicht genügt schon das Wissen um seine Existenz. Es gibt dieses Telefon, als Ausdruck einer stillen Sehnsucht nach einer weniger komplexen, weniger vernetzten Zeit. Es ist ein bisschen wie der alte Braun-Taschenrechner, den Dieter Rams entworfen hat und der als Vorlage für das iPhone herhielt.

Den braucht heute eigentlich auch keiner mehr, weil jeder Computer sieben oder mehr Taschenrechner eingebaut hat. Aber schön ist er.

Gut zu wissen
  • Das Punkt funkt im GSM-Netz und damit fast in jedem Land der Welt. Jedenfalls noch, der alte GSM-Standard wird in Japan und Südkorea oft schon nicht mehr unterstützt. Aber mit LTE/4G kann das Punkt so viel anfangen wie mit Apps: gar nichts.
  • Bis zu 1000 Nachrichten lassen sich speichern, danach ist Schluss.
  • Kontakte können mit einem Computer synchronisiert werden.
  • Das Punkt wiegt 88 Gramm - leicht im Vergleich zu herkömmlichen Smartphones. Dafür ist es deutlicher dicker als etwa ein iPhone.


Bei aller Begeisterung
  • Zum Laden des Punkt muss man erst die Verschlusskappe des USB-Anschlusses öffnen. Das nervt, auch wenn man das Telefon nicht so häufig aufladen muss. Allerdings funktioniert auch die mitgelieferte Freisprecheinrichtung über den standardmäßig verschlossenen USB-Port.
  • Die Batterie lässt sich nicht austauschen.
  • Die seitliche Taste, mit der die Tastensperre aufgehoben wird, ist gleichzeitig der An- und Ausschalter. Hält man sie zu lange gedrückt, verabschiedet sich das Gerät.
  • Die Schrift auf den Tasten unseres Testgeräts ist gut lesbar und beleuchtet. Aber der im Display angezeigte Font ist einen Tick anders. Merkwürdige Inkonsistenz.

Punkt × bento

Für diesen Test haben wir von der Firma Punkt Tronics in der Schweiz ein Testgerät angefordert. Die Zoll-Gebühr haben wir übernommen. Es bestehen keinerlei geschäftliche Beziehungen zum Hersteller. Nach unserem Test schicken wir das Gerät natürlich zurück. Mehr über unsere journalistischen Grundsätze in den FAQ.