Bild: Anonymous Hamburg
Überholspuren statt gleiches Internet für alle.
Worum geht es?

Das EU-Parlament hat am Dienstag über Netzneutralität abgestimmt. Dahinter steht eigentlich die Idee, dass im Internet alle Daten gleich behandelt werden müssen - Spotify-Musik soll nicht Vorfahrt vor YouTube-Videos haben. Das Netz soll neutral sein, was die übertragenen Daten angeht.

Provider wollen aber zusätzliches Geld verdienen und gegen Geld eine schnellere Übertragung anbieten. So könnte Netflix zum Beispiel zahlen, damit die Streams in HD nicht ruckeln. Beschlossen wurden jetzt Regeln, die genau solche Überholspuren erlauben. Wo Netzneutralität draufsteht, ist also das Gegenteil drin. Änderungsanträge wurden allesamt abgelehnt.

Warum ist das wichtig?

Wenn Daten im Internet prinzipiell gleich schnell übertragen werden müssen, haben alle dieselben Chancen. Wenn eine kleine Firma anfängt, Videos anzubieten, werden die so schnell übertragen wie die Videos von YouTube.

Tatsächlich haben Unternehmen mit mehr Geld schon jetzt schnellere Angebote: Sie können Server über die ganze Welt verteilen und dichter an die Kunden heranbringen - ganz so einfach ist es mit der Netzneutralität also nicht.

In den USA hat sich die Politik nach einem heftigen Lobbykampf für die Netzneutralität ausgesprochen: Zumindest im Ansatz sollen die Chancen für alle gleich sein.

Was passiert ohne Netzneutralität?

Provider könnten zum Beispiel YouTube zur Kasse bitten, damit die Videos auch schnell bei den Nutzern ankommen. Ein Beispiel aus Deutschland: Die Telekom hat einen Deal mit Spotify. Wer über die Telekom Kunde bei Spotify ist, kann Musik übers Mobilfunknetz streamen, ohne dass das vom Datenvolumen abgezogen wird. Anbieter anderer Musikdienste sind im Nachteil, es sei denn, sie schließen auch einen Deal mit der Telekom.

Zunehmend wollen Provider auch selbst Inhalte anbieten. Die Telekom hat zum Beispiel Fernsehangebote - und könnte diese ohne festgeschriebene Netzneutralität bevorzugt behandeln, während Netflix ruckelt und stottert, weil Netflix keinen Deal mit der Telekom hat.

Die Folge: Tarif-Wirrwarr, geheime Deals hinter dem Rücken der Nutzer, womöglich steigende Kosten, die beim Verbraucher landen.

Sind die Provider geldgierig?

Nicht unbedingt. Die Provider sehen aber, dass über ihre teure Infrastruktur - das Verbuddeln von Kabeln und Aufstellen von Funkmasten kostet richtig Geld - andere Unternehmen gute Geschäfte machen. Also überlegen sie, wie sie wieder mehr Geld verdienen können. Der Netzausbau will schließlich finanziert werden (und die Aktionäre wollen Rendite sehen).

Während die Provider-Lobby die Netzneutralität bekämpft oder zu ihren Gunsten umdefiniert, will die Mehrheit der Nutzer ein neutrales Netz: Laut einer aktuellen Umfrage sind drei Viertel der Deutschen dafür.

Erklärvideo

Die Aktivisten von Anonymous Hamburg sind für Netzneutralität - und haben ein Video erstellt, in dem das Prinzip genauer erklärt wird.

Noch mehr Infos
  • Die EU entscheidet am Dienstag über die Netzneutralität: Was können wir gegen eine schlechte Entscheidung tun? (Netzpolitik)
  • Europa rüttelt am Prinzip des Internets (SPIEGEL ONLINE)