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Was Apps wie Momox und Medimops über unseren Zeitgeist aussagen

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Heute: Online-Bücher-Flohmärkte wie "Momox" und "Medimops"

Was ist es? 

Momox ist die App gewordene Resterampe für ungeliebte Bücher, die man seit drei Umzügen mitschleppt, als historisch gebildeter Deutscher aber ungern wegschmeißen würde. 

Mit Momox lassen sich alte Medien einscannen und für mindestens 15 Cent an das Unternehmen verkaufen. Wer für mindestens 10 Euro einscannt, darf kostenlos versenden – oder einem Hermes-Paketboten sadistisch den Feierabend ruinieren und abholen lassen.

Wo sieht man es? 

Auf Smartphones von frisch zusammengezogenen Paaren über 30, bei gerade exmatrikulierten Literatur-Studentinnen aus Hildesheim und Leipzig. Und in der sonntäglichen Insta-Story von Menschen, die sagen, dass sie zum Anfang des neuen Jahrzehnts "einfach mal Ballast abwerfen" wollen.

Was muss man beim Gebrauch beachten? 

Auch auf Momox möchte kein Mensch zehn Jahre alte Ken-Follett-Bücher kaufen ("Die Tore der Welt": 0,16 Euro). 

Gut erhaltene Pferde-Ratgeber machen einen dagegen oft geradezu reich und stellen nach OECD-Angaben eine der wahrscheinlichsten Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs in Deutschland dar ("Übungsbuch Natural Horsemanship", Nachfrage hoch: 15,43 Euro und "Sprachkurs Pferd", Nachfrage sehr hoch: 12,78 Euro). 

Wer sich noch nicht sicher ist, ob die monatliche Momox-Rendite bereits für einen ETF-Sparplan reicht, vergleicht bei "bonavendi.de" vorher die aktuellen Gebrauchtpreise.

Was ist am Hype überraschend?

Vor wenigen Jahren galt "das aktuelle Harari-Buch", eingeklemmt zwischen Macbook und Achsel, noch als Inbegriff des Weltbürgertums in allen Mensen und Flixbussen. Heute fährt die Jugend Lime-Scooter und hat offensichtlich keine Möglichkeit mehr, Bücher unter den Arm zu klemmen. Dass jetzt alle ihre Bücher scannen, in Kisten wegsperren und in die Ferne schicken, zeigt einmal mehr, dass Popkultur immer auch Vergänglichkeit bedeutet. 

Vielleicht ist das Aussortieren von Büchern aber auch nur eine Strategie, um entsprechend den guten Vorsätzen den Ressourcenverbrauch noch einmal schnell zu verbessern und "vergessene" Weihnachtsgeschenke beim nächsten Elternbesuch gar nicht erst mitnehmen zu müssen (Stichwort Flixbus). Als Faustformel für Kenner gilt: zehn Potter-Bände sind eine Taxifahrt.

Warum gerade jetzt?

Wer will Büchern vertrauen, wo doch schon der dreiseitige Mietvertrag kaum noch Sicherheit bietet? In Zeiten, in denen die Samwer-Brüder ("Zalando") ihr Internetgeld in Immobilien stecken und sogar Ärzte auf die Straße setzen ("Berlin"), bleibt Minimalismus erste Bürgerpflicht. Was man nicht hat, kann einem schließlich auch niemand mehr wegnehmen. 

Wissen bleibt wichtig, aber seitdem Literaturkritiker Denis Scheck Bücher lustvoll die Rampe runterwerfen darf, wünschen sich auch Normalverbraucherinnen und -verbraucher eine solche Möglichkeit. Die bange Frage "Würde Momox das noch nehmen?" zeigt letztlich auch dem schönsten Phaidon-Kunstbuch, dass es seinen Purpose im Billyregal immer wieder neu erkämpfen muss ("Atlas of Brutalist Architecture", Nachfrage hoch: 38,62 Euro). 

Das geschieht ihm ganz recht. Soziales Kapital ist schließlich nur dann eins, wenn man damit auch Geschäfte machen kann.

Bleibt der Trend oder verschwindet er?

Dass man Paypal-Guthaben nicht essen kann, werden die Deutschen erst lernen, wenn das letzte Ottolenghi-Kochbuch gescannt ("Jerusalem", Nachfrage sehr hoch: 14,83 Euro) und der letzte Zahnpflege-für-Hunde-Ratgeber verschickt ist. Zum Glück gibt es mit "Medimops" noch einen Momox-Ableger, der den eingeschickten Schund gleich wieder in einem Onlineshop anbietet. Kreislaufwirtschaft, die funktioniert – mit diesem Konzept ist das Berliner Unternehmen inzwischen immerhin der weltweit größte Anbieter auf dem "Amazon Marketplace". 

Der Trend mag vielleicht zum Zweitbuch gehen, alles darüber hinaus landet jetzt aber bei Momox.

Laut einer repräsentativen Momox-Studie haben 80 Prozent der Unter-35-Jährigen bereits gebrauchte Medien erworben. Auch sonst scheinen die Deutschen gescannte, von Apps bewertete und neuverkaufte Second-Hand-Literatur zu schätzen. "Unterschiede bei Alter, Gehalt und Geschlecht gibt es hierbei nicht", behauptet die Studie. In Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung ein wohltuender Befund. Der ewige Kreislauf aus Kaufen und Verkaufen scheint für deutsche Flohmarktfreunde die bislang schönste Form des Buddhismus.


Uni und Arbeit

Hilfe von der WG-Therapeutin: "Meine Mitbewohnerin will die Nebenkosten nicht zahlen"
Wer entscheidet, wann die Geschirrspülmaschine läuft und ob das Licht an bleibt?

Lia* schreibt:

"Ich wohne seit drei Monaten mit einer Freundin in einer WG. Ich habe die Waschmaschine, Geschirr und einen Toaster mit in die WG gebracht, unsere Geschirrspültabs gekauft und für alles kein Geld von ihr verlangt. 

Heute morgen habe ich die Geschirrspülmaschine angestellt, weil sie voll war. Eine Stunde später bekam ich eine patzige Nachricht von meiner Mitbewohnerin, dass das Geschirr schon sauber war und sie es nicht einsehe, die Nebenkosten zu bezahlen, wenn ich so verschwenderisch bin. Außerdem würde ich immer das Licht anlassen.