Ich verlasse das Haus und schaue bei Google Maps nach, wann die nächste Straßenbahn zur Uni fährt. Es läuft Spotify auf Shuffle, während ich meinen Kommilitonen auf WhatsApp schreibe, dass ich etwas zu spät zur Statistik-Vorlesung komme.

So ähnlich beginnt heute jeder meiner Tage. Bis vor kurzem war das allerdings anders.

Denn ich habe zweieinhalb Jahre ohne mobiles Internet gelebt.

Ich bin 21, das Internet ist mein Zuhause. Warum sollte ich also darauf verzichten?

Zugegeben: Begonnen hat das Ganze nicht freiwillig. Kurz vor einer langen Reise kaufte ich mir ein neues Smartphone. Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn das Handy erkannte die SIM-Karte nicht.

Da war ich also, im Himalaya und auf Borneo – ohne die Möglichkeit, nach Hause zu telefonieren oder unterwegs nach der Route zu schauen, so wie alle anderen Reisenden es mit ihren Urlaubs-Tarifen machten. An meine Reise stellte das ganz neue Anforderungen: Plötzlich musste ich mich durchfragen, wo es zum Hostel geht, und mich viel mehr auf meinen Orientierungssinn verlassen.

Aus dem anfänglichen Schreck wurde für mich bald eine Challenge. Und ich merkte auch, dass ich meine Umwelt ganz anders wahrnahm: Der Druck, alle Eindrücke sofort mit der Welt teilen zu müssen, fiel weg. Statt Schnappschüssen mit dem Handy habe ich in dieser Zeit fast 20.000 Fotos mit meiner Digitalkamera geschossen.

Reisen ohne Internet? Diese Tipps habe ich:

Du bist bald im Ausland und willst ohne Internet reisen? Diese Tipps helfen dir garantiert, dich trotzdem zurechtzufinden.

  • Du brauchst die richtigen Apps. Viele bieten eine gute Alternative zum Onlineangebot: "Maps.me" zum Beispiel basiert auf Open Source und lässt dich Offlinekarten für die ganze Welt herunterladen. Die "Lonely Planet"-App hat viele gratis Reiseführer im Angebot und Wörterbuch-Apps wie "dict.cc" bringen dich dort weiter, wo du mit Englisch nicht weiterkommst.
  • WLAN-Hotspots gibt's mittlerweile (fast) auf der ganzen Welt. Du brauchst wirklich dringend Internet, um deinen Freund anzurufen? Cafés und Hotels mit WLAN lassen sich in jeder Stadt finden. Frag einfach mal nach!

Zurück in Deutschland habe ich mir trotzdem keine Daten-Flat gekauft. Das war vor zwei Jahren.

Zuhause hatte ich WLAN, aber unterwegs war ich vom Internet losgelöst. Alles, was ich machte, sah und hörte, fand entweder offline oder in der Realität statt. Das blieb auch außerhalb des Urlaubs ein befreiendes Gefühl.

Sobald ich das Haus verließ, musste ich nicht mehr andauernd aufs Handy schauen – da passierte schließlich wenig. Stattdessen war ich genötigt, mich mit anderen Dingen als Facebook-Diskussionen und Instagram-Posts zu beschäftigen.

Dabei habe ich vor allem folgende Dinge gelernt:

1. Je weniger ich aufs Handy schaue, desto mehr nehme ich meine Umgebung wahr – und andersherum.

Ohne Handy sieht man die Welt mit anderen Augen. Wenn ich auf Konzerte gehe, ins Kino, an den See, habe ich mein Handy manchmal gar nicht dabei – oder es bleibt den ganzen Tag in der Hosentasche.

Insta-Storys gab's deshalb nicht. In Zeiten des medialen Daten-Überfluss muss ohnehin vielleicht nicht auch noch jeder sehen, an welchem Strand ich heute liege oder wie Wolken aus dem Flugzeugfenster aussehen.

2. Ich führe bessere und interessantere Gespräche.

Wenn mein Handy in der Tasche bleibt, lasse ich mich nicht mehr von Gesprächen ablenken. Natürlich kommt es hier auch ein bisschen darauf an, ob die Gesprächspartnerin das auch macht. Ihr spendet euch dann gegenseitig eure komplette Aufmerksamkeit. 

Und das trifft nicht nur auf Freunde und Familie zu. Wenn ich nicht aufs Handy schaue, sprechen mich Fremde häufiger an. Sei es nur die Wegbeschreibung zum nächstem Supermarkt oder eine ganze Bahnfahrt lang – viele interessante Gespräche hätte ich mit dem Handy in der Hand nie gehabt.

In Iran blieb mein Handy einen Monat lang tagsüber in der Hosentasche. 

(Bild: Moritz Barthoff/bento)

Klar, manchmal möchte man gar nicht mit anderen reden und schotte mich bewusst ab. Aber es schadet nicht, aus dieser Gewohnheit ab und zu auszubrechen.

3. Musik spielt eine viel größere Rolle in meinem Leben.

Musik war mir schon immer wichtig. Aber unterwegs nur auf die Offline-Sammlung Zugriff zu haben, hat meine Liebe zur Musik noch weiter vertieft.

Welche Lieder kenne ich noch nicht? Welches neue Album wollte ich schon lange mal hören? Diese Fragen musste ich mir plötzlich vor der Fahrt zur Uni stellen. Ich musste bewusst wählen, was ich hören möchte. Das macht die Musik von bloßem Hintergrund-Soundtrack zu einem richtigen Erlebnis: Auf einmal kann ich präzise erklären, wie Frittenbude sich mit jedem neuen Album steigert, während das neue Von Wegen Lisbeth-Album Mist ist.

Klar, es gibt auch Komplikationen, wenn man heutzutage ohne mobiles Internet lebt.

Aber vor 30 Jahren kamen wir auch noch alle ohne mobiles Internet und Telefonvertrag aus – warum sollte das heute nicht mehr möglich sein? Und: Für jede Schwierigkeit gibt es auch eine Lösung.

Meine Freundin hat es zum Beispiel – zu Recht – gestört, wenn ich spontan noch länger als geplant unterwegs bin und vorher nicht Bescheid sagen kann. Ich rief dann eben über das Telefon eines Freundes an.

Nach zweieinhalb Jahren ist jetzt aber Schluss mit dem mobilen Internet-Entzug.

Vor kurzem habe ich mein Handy zur Reparatur gebracht. Das Ganze hat gerade mal zehn Minuten gedauert, es war nur ein kleines Kabel eingeklemmt. Und ich habe jetzt wieder eine Datenflat – die mit dem kleinsten Volumen allerdings. 

Darüber freuen sich vor allem meine Eltern, die es toll finden, dass ich mal erreichbar bin. Und ich, weil ich meiner Freundin regelmäßiger schreiben kann.

Trotzdem hat die Internet-lose Zeit Eindruck hinterlassen: Mein Handy bleibt unterwegs weiterhin fast immer in der Hosentasche. Denn so habe ich einfach mehr von meiner Umwelt.


Gerechtigkeit

Erdogan am Ende? Wie junge Türkinnen und Türken jetzt die Zukunft planen

Die Türkei steht vor einer möglichen politischen Wende – und das wegen einer Bürgermeisterwahl. In Instanbul waren die Wählerinnen und Wähler am Sonntag aufgerufen, einen neuen Stadtchef zu bestimmen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte gehofft, der Kandidat aus seinem Lager würde den Posten ergattern. Doch gewonnen hat mit großem Abstand Ekrem Imamoglu – der Erdogan-Kritiker. (SPIEGEL)

Das ist in Istanbul eine kleine Sensation – und für die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan von größter Bedeutung.

In Istanbul leben rund 16 Millionen Menschen, ein Fünftel aller Türkinnen und Türken. Was in der Metropole passiert, beeinflusst das ganze Land. Eigentlich fand die Wahl schon im März statt, doch Erdogan ließ das Ergebnis annulieren und nun – mitten in der Ferienzeit – noch mal wählen.

Damals hatte Imamoglu etwa 14.000 Stimmen Vorspruch auf Erdogans AKP-Kandidaten. Nun sind es nach vorläufigen Ergebnissen mehr als 730.000 Stimmen. Und auf den Straßen Istanbuls wurde die ganze Nacht gefeiert: