Bild: Apple (bento-Montage)
Warum die Emoji-Alternative so gut in unsere Zeit passt.

Gelbwesten, Blindenhunde und Männer mit blonden Locken – die früher kleine, bunte Welt der Emojis ist längst zu einem Universum geworden, das mit jedem Update weiter wächst. Es gibt fast nichts, das sich mit den Bildern nicht ausdrücken lässt.

Doch die Hegemonie der Emojis wird derzeit herausgefordert – Memoji heißen die neuen Zeichen der Zeit. 

Das klingt ähnlich und ist doch ganz anders: Statt auf die Abbildung gesellschaftlicher Vielfalt setzen die Memojis auf das eigene Gesicht. Die Nutzerinnen und Nutzer stellen sich eigene Avatare zusammen, die sie anschließend mit verschiedenen Gesichtsausdrücken verschicken können. Das klingt zunächst simpel, bis vor wenigen Wochen konnten die Memojis ohnehin nur mit neuesten iPhones verschickt werden. 

Doch seitdem Apple die Funktion auch auf ältere Geräte und zu Messengern wie Whatsapp gebracht hat, ploppen die Memojis weltweit in Familienchats auf wie Deutsche zu den Osterferien in den Bergen. Jung gebliebene Großmütter freuen sich über die Vielfalt der Ohrringe für das eigene Memoji, Väter winken dem Nachwuchs zum bestandenen Staatsexamen und Millennials lachen ihre Eltern mit täuschend freundlicher Miene im Gruppenchat aus.

Es klingt nach Alltag im Internet – und steht doch für einen Bewusstseinswandel.

Wo Emojis mit Menstruations- und Rollstuhlsymbolen die Welt immer vielfältiger abbilden, geht es bei den Memojis nur noch um Selbstoptimierung. 

Hässliche Memojis gibt es nicht. Wer die Sticker nutzen will, muss sich an die eigene Nase fassen – und dann entscheiden, welche der drei Varianten von "süß und stupsig" es sein soll. Zinken oder Höckernasen gibt es nicht. Für das Alter hat man ebenfalls lediglich drei Optionen zur Auswahl. Dafür stehen 117 Frisuren, 25 verschiedene Augenbrauen, 18 Piercings und 36 Brillen zur Auswahl. 

Daraus das perfekte Ich zu formen, ist eine Fleißaufgabe, die durchaus dauern kann. Doch vielen Nutzerinnen und Nutzern erscheint die Selbstherrichtung als eine Aufgabe, die in Zeiten von Selfcare und Achtsamkeit durchaus auch Freude bereiten kann. Endlich eine kleine Nase – ganz ohne Ausflug in eine Schönheitsklinik. Am Ende gibt es für die Mühen 24 unterschiedliche Gesichtsausdrücke, die an bekannte Emojis erinnern: Lachen, Zwinkern, Lieben, Weinen, Schnarchen. Fürs Fluchen gibt es hingegen nur noch einen schwarzen Balken vor dem Mund. 

Schlechte Laune, digitaler Protest und Streit sind in der Welt von Apples Memojis nicht vorgesehen. 

Auch das Gesicht von Donald Trump lässt sich, so die Erkenntnis eines Selbstversuchs, als Memoji nicht nachbauen – Solarium-Augenringe, tiefhängende Backen und fliehendes Stirnhaar fehlen selbstverständlich. Selbst der dollste Versuch einer Karikatur erinnert am Ende höchstens an das Halloween-Kostüm eines gut gelaunten 13-Jährigen.

Im Idealfall, so ist wohl die Hoffnung, färben die immer freundlichen Memoji-Gesichter auch auf die Stimmung in den Chats ab, in denen sie verschickt werden. "Proteus-Effekt" nennt die Wissenschaft das Phänomen, wonach sich die Wirkung eines selbstgebauten Internet-Avatars angeblich auch auf das eigene Verhalten auswirkt. 

Doch trotz des familienfreundlichen Gesichtsausdrucks sollten die Zeichen nicht als reine Blödelei abgetan werden. Die Figuren, die Oma, Lily und Hans-Peter da zusammengebastelt haben, sind schließlich immer noch die öffentlich gemachte Version des eigenen Selbstbildes. Im Mindesten verraten sie einem also eine Menge über ihren Ersteller.

Für psychoanalytische Untersuchungen in Masterarbeiten reichte das bislang noch nicht, für politische Kommunikation hingegen schon: Die niedersächsische Europaministerin Birgit Honé (SPD) gehörte dabei ebenso zur Memoji-Avantgarde wie die frühere Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt und der Linken-Vordenker Benjamin-Immanuel Hoff, die ihre Memojis auf Twitter veröffentlichten. 

Auffallend: Alle drei gehören zum links-liberalen Lager – von AfD-Vertretern hat man Memojis trotz aller Social-Media-Affinität bislang noch nicht gesehen. Die fröhlich-freundliche Kuschelwelt ist wohl nicht ihre.

Dass gleich zwei der Memoji-freudigen Politiker in Thüringen politisch verwurzelt sind, erscheint kein Zufall, ringt das grüne Herz Deutschlands doch seit Wochen um eine neue Regierung. Der Ton war bisher rau. Fehlte es den Verhandlungen an ein paar einander freundlich gesinnten Gesichtern? Falls es demnächst zu einer Verständigung kommen sollte, könnten im Hintergrund ein paar passiv-lächelnde Memojis daran mitgewirkt haben.


Fühlen

Blau gegen grün: Wir haben einen Drogenfahnder bei der Arbeit begleitet
Um die Frage zu beantworten: Sollte man Gras vielleicht einfach legalisieren?

Kanada hat es kürzlich erlaubt, Südafrika auch, Uruguay und viele Bundesstaaten der USA sowieso. Luxemburg ist auf dem besten Weg dorthin, Mexiko bereitet es vor, Neuseeland will 2020 ein Referendum dazu abhalten. Wovon die Rede ist? Dem legalen Verkauf von Cannabis zum Freizeitgebrauch.

Deutschland ist noch nicht so weit. Die ehemalige Drogenbeauftragte, Marlene Mortler (CSU), sagte 2017 zu dem Thema: Cannabis sei verboten, "weil es eine illegale Droge ist" (Tagesspiegel). Trotzdem konsumierten 3,7 Millionen Deutsche laut Schätzungen im Jahr 2018 Cannabis (Ärzteblatt).

Nachdem Marlene Mortler Mitte 2019 ins EU-Parlament gewählt wurde, befürchteten Hanfbefürworter von ihrer Nachfolgerin Daniela Ludwig (ebenfalls CSU) eine Fortsetzung ihres Umgangs mit dem Thema Legalisierung. Doch zumindest rhetorisch scheint sich die neue Drogenbeaftragte für andere Ansätze zu öffnen und den Dialog zu suchen. (SPIEGEL)