Einfach mal die Klappe halten.

Louisa Dellert ist, nach eigener Beschreibung, "Aktivistin für das Gute", eine Influencerin, die sich in sozialen Netzwerken für Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit einsetzt. Louisa, 29, hat einmal als Fitnessbloggerin angefangen, nach einer Herz-OP durchlief sie jedoch einen Lebenswandel. Heute trifft sich mit Politikerinnen und Politikern, ist in Talkrunden zu Gast oder unterhält ihre Follower, indem sie in ihren Videos in eine Haarbürste singt. 

Was sie mit Werbung für nachhaltige Produkte verdient, reicht allerdings ihren eigenen Worten zufolge nicht aus, um weiterhin durch das Land zu fahren und sich für die Themen einzusetzen, die ihr wichtig sind. 

Am Dienstag startete Louisa Dellert deshalb einen Aufruf und bat um Spenden. 

Lange habe sie darüber nachgedacht, erklärt sie in einem Video, und wolle es nun einfach mal probieren. 

Es folgte: ein Shitstorm. In privaten Nachrichten wurde sie beleidigt, auf ihrem Handy bekam sie Anrufe von unbekannten Nummern. Die Belästigungen gingen so weit, dass sie sich dazu entschloss, sich für einige Tage zurückzuziehen. Den Spendenaufruf hat sie mittlerweile gelöscht, auch für ein geplantes bento-Interview stand sie deshalb nicht mehr bereit. 

Die Wut, die Louisa abbekommt, speist sich vor allem aus dem Eindruck, sie würde betteln. Es sei "eine Frechheit, womit man mit gutem Aussehen durchkommt". In Kommentaren wird ihr geraten: "Geh arbeiten". Oder: "Such dir einen Job wie normale Menschen auch." 

Doch was Louisa Dellert macht, ist Arbeit.

Wenn sie sich im Bundestag mit Philipp Amthor (CDU) trifft und ihm vor laufender Kamera die Fragen ihrer Community stellt, informiert sie ihre 380.000 Follower. In ihrer Story erklärt sie auch mal die Zusammenhänge aktueller Politik oder regt eine Diskussion über eine Ökosteuer fürs Fliegen an. 

Inhalte, die professionell produziert werden, müssen irgendwie bezahlt werden. Man stelle sich das einmal in einem anderen Zusammenhang vor: Ein Restaurant macht eine Umfrage unter seinen Gästen, wie viel sie bereit wären, für ein Steak zu zahlen. Der Koch findet sein Steak sehr gut, aber es müsste teurer werden, damit man es auf die Karte nehmen kann. Sinnvollerweise kann man als Gast da sagen: "Nichts, ich mag kein Fleisch, danke". Oder "Nein, ich esse so was nur, wenn ich es geschenkt kriege". Oder eben auch einen Betrag nennen. Die Pöbler aber motzen: "Was willst du von mir, ich sehe kein Steak, geh doch erst mal arbeiten." Eine absurde Vorstellung.

Dabei sind auch die Kanäle, auf denen "das Steak" nichts kostet, für die Follower natürlich nicht umsonst. Sie zahlen mit Aufmerksamkeit. Auf Social Media geschieht das häufig durch Werbeeinnahmen – mit Werbepostings oder monetarisierten Videos auf YouTube. 

Auch Louisa wirbt auf ihrem Instagram-Kanal für faire Mode, ein Bambusfahrrad oder Veggie-Produkte. Im Vergleich zu Influencerinnen mit ähnlicher Reichweite sind es allerdings nur wenige Posts. Aus ethischen Gründen könne sie auch nur bei wenigen Kooperationsanfragen zusagen, sagt sie – Stichwort Glaubwürdigkeit. Deshalb reiche der Verdienst davon auch nicht aus, um ihre Arbeit zu finanzieren.

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Vielen vielen vielen Dank an alle, die meinen Aufruf vor zwei Tagen nicht negativ aufgefasst haben und mir vertrauen. Ich will euch natürlich über die nächsten Schritte auf dem Laufenden halten. Mit den 7.300€ werden folgende Dinge bezahlt: eine BahnCard100 mit welcher ich ausschließlich zu Terminen fahre wie Schulbesuche, Recherchearbeiten oder Interviews wie z.B. mit der Verpackungsindustrie. Parallel habe ich weiterhin meine BahnCard 50 für private Reisen. Im Herbst sind die Landtagswahlen. Bereits gestern habe ich mich mit zwei tollen Menschen zusammengesetzt, weil wir eine Kampagne auf die Beine stellen möchten. Wie dafür das Geld genutzt wird, zeige ich dann transparent. Mit dem restlichen Geld wird ausschließlich für politische Themen ein Kameramann bezahlt was Zugfahrten oder Übernachtungen, das Filmen und schneiden angeht, wenn wir z.B. in Brandenburg vor Ort Aufnahmen machen. Außerdem war ich heute bei meiner Steuerberatungsgesellschaft und werde mir Ende des Jahres einmal ganz offiziell auswerten und testieren lassen, was von eurem Geld bezahlt wurde. Das wird dann auch veröffentlicht. Nochmal: damit bezahle ich keine Miete, Versicherungen oder ähnliches. Ich habe ja glücklicherweise schon noch 1-2 andere Jobs im Monat mit denen ich das bestreiten kann. Viele von euch sagen, dass diese politische Arbeit mein Hobby ist. Ja, vielleicht ist sie das, wenn ihr das so seht. Aber dann stehe ich gerne zu 100% dahinter, dass ich für dieses Hobby nach finanzieller Unterstützung gefragt habe. Jetzt habe ich die Möglichkeit da noch mehr Arbeit reinstecken zu können. Also Danke! Auch die Frage, was ich mit dem Geld mache, dass jetzt nach den Projekten übrig bleibt, kann ich verstehen. Und wenn ich damit ein Politik- Event für euch als Dankeschön auf die Beine stelle oder eine Schulklasse nach Brüssel einladen kann, um ihnen die EU näher zu bringen. Ich verwende dieses Geld NICHT, um mein „Influencer“ Dasein zu finanzieren. Und zum Schluss: ich finde es schade, dass wir besonders hier in Deutschland so misstrauisch, böse und skeptisch „neuen“ oder Dingen die anders sind, gegenüberstehen. ✌🏽

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In den USA sind Modelle, in denen Content-Produzenten im Internet von ihren Fans finanziell unterstützt werden, bereits Alltag. Hinweise auf Spende-Plattformen wie GoFundMe oder Patreon finden sich unter Tausenden Videos auf YouTube – und das, obwohl viele der Produzenten bereits mit Werbepartnerschaften Geld verdienen. Einen Shitstorm bekommt dort niemand ab. 

Millionen Menschen folgen auf Instagram Influencern, deren Feeds zu großen Teilen aus Werbung bestehen. Niemand zwingt sie, diesen Accounts zu folgen und Werbeinhalte zu liken. 

Genauso wenig wird jemand gezwungen, Louisa finanziell zu unterstützen. Aber wer ihre Inhalte gut findet und mehr davon sehen möchte, kann dafür bezahlen. 

Ohne eine Gegenleistung zu bekommen, spendet natürlich kaum jemand: Vor etwa einem Monat startete ein deutsches Influencer-Paar eine GoFundMe-Kampagne mit dem Ziel, eine Reise zu finanzieren. Die negativen Reaktionen waren absehbar. Trotz internationaler Aufmerksamkeit sind bislang mickrige 800 Euro zusammengekommen – statt des Spendenziels von 10.000 Euro. (Welt)

Bei Louisa ist das anders: Am Tag nach ihrem Aufruf hatte sie eigenen Angaben zufolge bereits 7300 Euro gesammelt. Offenbar gibt es also doch einige Menschen, die bereit sind, für ihre Arbeit zu zahlen. Wofür sie das Geld ausgibt, das will Louisa transparent machen – die Spenden sollen ausschließlich in ihre Arbeit fließen, erklärte sie. Zunächst einmal soll es eine Bahncard 100 sein, außerdem will sie einen Kameramann einstellen, der sie auf Termine begleitet. 

Wenn jetzt noch ein paar Leute, die nicht gern für ihre Inhalte zahlen wollen, einfach mal die Klappe gehalten hätten, es wäre ein guter Tag gewesen für Louisa Dellert. 


Gerechtigkeit

Immer noch nicht vereint? Liebe Wessis, integriert uns Ossis endlich!

Als im Mai ein neues EU-Parlament gewählt wurde, gaben in den neuen Bundesländern verhältnismäßig viele ihre Stimme der AfD (Bundeswahlleiter). Der Tenor danach: 

Was bitte, ist im Osten los? Warum leben da nur noch Nazis?

Ich ahne schon: Wenn im Herbst in Sachsen, Brandenburg und Thüringen Landtagswahlen stattfinden, dürften die gleichen Fragen wiederkommen. 

Die Antwort darauf hat viel damit zu tun, dass wir Deutschland bald 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch nicht als Einheit begreifen.