Bild: Delia Baum
Toyah Diebel will das zeigen. Wir haben mit ihr über die Aktion gesprochen.

Eine Hand hält den Kopf an die Brust, am Mund läuft etwas Milch vorbei – eigentlich eine normale Szene, Mutter und Kind halt. Doch hier wird kein Kleinkind gestillt, sondern die 29-jährige Bloggerin Toyah Diebel. 

Das Bild ist Teil einer neuen Aktion, mit der sie gegen Kinderfotos im Netz vorgehen will. 

Sie und der Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht haben sich in Situationen fotografieren lassen, in denen sonst nur Bilder von Kindern veröffentlicht werden: weinend, schlafend oder nackt auf der Toilette. 

Unter den Fotos steht: 

So ein Bild von dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht.

Über die Website deinkindauchnicht.org können Menschen jetzt mit eigenen Bildern mitmachen.

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Toyahs Kampf gegen die Babybilder begann vor einem Jahr – zunächst als Spaß-Aktion: Sie montierte ihr Gesicht in die Fotos von Mama-Bloggerinnen mit ihren Kindern. Die Reaktionen waren extrem: Sie wurde angefeindet, Mütter beschimpften sie, Instagram sperrte kurzzeitig ihren Account (Watson).

Die gleichen Frauen, die die Bilder der Öffentlichkeit preisgegeben hatten, ärgerten sich nun über den Verlust der Kontrolle. 

Seither hat Toyah das Thema nicht mehr losgelassen. Wir haben mit ihr gesprochen: über das Recht auf Privatssphäre und die Gefahr, das eigene Bild nicht kontrollieren zu können.

Mit den Bildern willst du zeigen: Kinderfotos gehören nicht ins Netz. Warum nicht? Instagram ist Teil unseres Lebens und genauso sind Kinder Teil des Lebens von Eltern. Warum sollten sie dort also nicht vorkommen?

Ich finde es einfach unfair, dass man Kindern keine Wahl lässt. Dass man ausgerechnet die Menschen, die keine Stimme haben und sich noch nicht über die Konsequenzen bewusst sind, für die eigenen Zwecke ausnutzt. Instagram ist eine Fake-Welt voller Selbstdarstellung. Ich weiß nicht, was Kinder da zu suchen haben. 

Du bist doch selber Teil von Instagram und nutzt die Aufmerksamkeit und die Likes – warum findest du, dass du Eltern so etwas sagen darfst?

Die Frage impliziert ja dass sich niemand der auf Instagram aktiv ist, für oder gegen Sachen engagieren darf, weil man dadurch sonst nur eigennützig handeln würde. Ich mache auf das Thema aufmerksam, weil uns der Schutz der Privatsphäre alle etwas angeht – nicht nur Mütter und Väter. Wir Erwachsenen haben das Internet erschaffen, also müssen wir es auch sicher machen, besonders für Kinder. 

Und: Wenn es mir damit nur um Aufmerksamkeit und Likes ginge, hätte ich mir sicherlich ein Thema ausgesucht, das weniger Gegenwind erzeugt.

Wie hat es sich angefühlt, diese Fotos zu machen?

So unangenehm! Ich finde es zum Beispiel immer schrecklich, Bilder von mir zu sehen, auf denen ich schlafe. Deshalb habe ich auch dieses Motiv für das Shooting ausgewählt. Man hat in dieser Situation keine Kontrolle über die eigene Mimik, dadurch ist es sehr intim, auch wenn es für den Betrachter vielleicht nur schön oder niedlich aussieht.

Wilson ist es zwar als Schauspieler gewohnt, sich in Situationen zu bringen, die im Alltag merkwürdig wären – aber sich nackt aufs Klo zu setzen, war selbst für ihn unangenehm. Niemand möchte in dieser Situation fotografiert werden. Ich gehe ja nicht mal aufs Klo, wenn mein Freund daneben steht.

Unter dem Hashtag #InstaKids gibt es auf Instagram mehr als 18,6 Millionen Beiträge. Was sind die heftigsten Kinderbilder, die du gesehen hast?

Es gibt zwei Kategorien, die ich besonders schlimm finde. Erstens: Motive, die die Privatsphäre des Kindes verletzen – das Kind wird gestillt, schläft, oder weint. Wenn dann auch noch ihre Zimmer gezeigt werden, ihr Zuhause und das ganze Umfeld hat das Kind keinen Rückzugsort mehr. Immer kann es fotografiert und gepostet werden. 

Zweitens: Motive, die sexualisiert werden können. Wenn Kinder im jüngsten Alter schon in lolitahafte Posen gesetzt werden – Brust raus, Hintern raus – oder die vielen Bilder von Kleinkindern in Strapsen oder Netzstrumpfhosen. Auf Instagram! Nicht in irgendwelchen dunklen Ecken des Internets, sondern von den Eltern selbst gepostet. 

Es ist ja okay, wenn Eltern irgendwelche Outfits cool finden, aber es gibt genug Leute mit pädophilen Neigungen und für die ist das super. Eltern vergessen, dass Internet und Realität nicht zwei grundsätzlich verschiedene Dinge sind.

Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger hat in einem Interview mal gesagt, dass sich Straftäter im Netz mehr trauen als in der Realität. Auf dem Spielplatz droht die sofortige Sanktion durch Eltern oder Polizei, wenn jemand sich dem Kind nähert oder Fotos macht – im Netz nicht.

Genau. Wie willst du mitkriegen, wenn ein Screenshot gemacht wird? Es gibt eine tolle Doku vom WDR: "Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht". Da wird gezeigt, wie viele Server es gibt, auf denen Kinderbilder gesammelt werden, die für uns harmlos erscheinen, die aber in einen sexuellen Kontext gestellt werden. 

Hier kannst du die Doku ansehen:

Was glaubst du: Warum ist gerade die kindliche Unschuld ein so beliebtes Fotomotiv?

Vermutlich ist es mit Menschenbabys genau wie mit Welpen oder Kätzchen. Etwas Süßes guckt man sich gerne an. Außerdem hat es sicher viel mit Stolz zu tun. Eltern möchten ihr Kind gerne präsentieren – das kennt man ja auch aus Gesprächen mit Eltern: Das Kind ist sehr oft Thema. 

Ich glaube auch, dass der Mensch an sich gerne ein stiller Beobachter ist, vor allem in Situationen, die eigentlich sehr intim und privat sind. Davon leben schließlich Promi-Magazine: Was passiert, wenn die Kameras aus sind?  Instagram erlaubt uns oft einen sehr privaten Einblick in das Leben anderer Leute. Das Problem bei Kindern ist nur, dass Menschen davon betroffen sind, die selbst kein Mitspracherecht an diesem System haben. 

Manche antworten darauf, man könne die Kinderfotos auch wieder löschen – zum Beispiel, wenn das Kind älter wird.

Lösch' du mal ein Bild aus dem Internet! Woher willst du wissen, wer das schon heruntergeladen hat? Und was ist das für ein Gedanke, ein Bild erst zu veröffentlichen und dann zu sagen: "Wenn es dich stört, kann ich es wieder löschen."

Wir nehmen in Kauf, dass Kinder die Posts später mal ätzend finden könnten. Wie ist es für das Kind, wenn es das Internet später aktiv nutzt? Es lernt seine eigene Identität im Netz kennen und kann sich gar nicht mehr aussuchen, wie es sich selber dort darstellen möchte. 

Gerade in der Phase, wo man auf der Suche nach der eigenen Identität ist.

Richtig. Wir alle wissen, wie schlimm es im Teenie-Alter ist, wenn irgendwelche alten Bilder auftauchen und dass andere Kinder sich darüber lustig machen: "Guck mal, hier wirst du gestillt, deine Mutter hat hässliche Titten, haha."

Ich finde es sehr wichtig, dass Frauen offen mit dem Stillen umgehen können und von mir aus auch Bilder davon posten. Aber sobald das Gesicht des Kindes zu erkennen ist, finde ich es unfair ihm gegenüber. Es ist ein sehr intimer Moment zwischen Kind und Mutter und da müssen beide entscheiden dürfen, ob sie diesen Moment teilen möchten. 

Sonst nimmt man dem Kind die Möglichkeit, zu entscheiden, ob es die eigene Kindheit mit Hunderten oder Tausenden fremden Menschen teilen möchte. Es ist zu spät. 

Kennt man von Partyfotos mit Freunden...

Es gibt genug Bilder von mir selber – zum Beispiel im Teenie-Alter, wo ich vollgekotzt in der Ecke liege, weil ich zum ersten Mal eine Bierbong gesoffen habe. Dieses Bild kursiert dann und wird immer mal wieder ausgepackt. Das kriegst du nicht wieder weg. 

Ich fühle mich meiner Rechte beraubt, wenn Leute etwas ins Netz stellen, was ich nicht möchte – so geht es sicher vielen Menschen. Selbst wenn es ein harmloses Bild ist oder irgendeine Information: Wenn ich diese Information nicht preisgeben möchte, dann ist es ein Unding, dass jemand anderes sie veröffentlicht. Da sind wir bei Erwachsenen komischerweise streng, aber bei Kindern nicht.  

Was wünschst du dir von jungen Eltern?

Ich fände eine Art Internet-Führerschein wichtig, in dem man lernt: Wie nutze ich das Internet sicher? Welche Daten sollte ich preisgeben, welche nicht? 

Denn auch Kinder müssen ab einem bestimmten Alter mit dem Internet vertraut werden. Man darf sie damit nicht alleine lassen, sondern muss auf Gefahren hinweisen und erklären: Wenn du ein Bild von dir im Bikini postest, mit deinen 14 Jahren, dann werden das nicht nur deine Freundinnen liken und sehen, sondern auch irgendwelche Typen, von denen du das vielleicht nicht möchtest.

Bildung ist das Wichtigste bei der Internetnutzung. Da müssen wir Erwachsenen an uns selbst arbeiten und unser Wissen und die Fähigkeiten an unsere Kinder weitergeben, anstatt ihnen gefährliches Verhalten vorzuleben. 

Wie können wir sonst von ihnen vernünftigen Umgang mit Social Media, Nacktbildern und Privatssphäre erwarten, wenn sie Teenager sind?


Fühlen

Warum wir alle süchtig nach dem Internet sind und ob uns das "Slow Web" retten kann

Fast hundert Mal schauen Menschen in Deutschland pro Tag auf ihr Smartphone. (Süddeutsche Zeitung) Ich gehöre dazu. Und wenn ich gerade nicht auf meinem Handy tippe, sitze ich oft genug vor einem anderen Bildschirm. Das Internet ist in meinem Leben immer nur einen Griff und einen Tap oder Klick entfernt.

Muss das sein? Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen, ob Internet eine Sucht sein kann  – und was sie vom langsamen Internet "Slow Web" hält.

Als ich das erste Mal ins Internet ging, surfte man dort noch. Heute wird man von den Wellen beinahe erschlagen, schafft es manchmal nicht einmal, auch nur für wenige Minuten aus dem Wasser zu kommen.

Wir surfen nicht mehr, wir ertrinken manchmal fast.