David S. soll "Counter Strike" gespielt haben.
1. Was ist überhaupt ein Killerspiel?

Als derjenige, der den Begriff in Deutschland etabliert hat, gilt Bayerns Ex-Innenminister Günther Beckstein. Am 1. November 1999 erschießt der Lehrling Martin Peyerl in Bad Reichenhall vier Menschen und sich selbst, Beckstein fordert bald darauf ein Verbot "sogenannter Killerspiele". Wo die Grenze zwischen Action- und vermeintlichen "Killerspielen" verläuft, ist bis heute Definitionssache.

Bei einer Sitzung der Innenministerkonferenz im Juni 2009 hieß es, Killerspiele seien "Spiele, bei denen ein wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung die virtuelle Ausübung von wirklichkeitsnah dargestellten Tötungshandlungen oder anderen grausamen oder sonst unmenschlichen Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen ist."

2. Reizthema "Counter Strike"

Während der bayerische Verbotsverstoß von 1999 vergleichsweise kleine Wellen schlägt, sieht es nach dem Schul-Amoklauf von Erfurt 2002 anders aus. Damals steht vor allem der Taktik-Shooter "Counter-Strike" in der Kritik, diverse Medien stellen ihn als Lieblingsspiel des Amokläufers Robert Steinhäuser dar. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" heißt es beispielsweise, "Counter-Strike" sei ein Spiel, "in dem man vom Polizisten (sogar die GSG 9) über den Passanten bis hin zum Schulmädchen jeden erschießen soll, ehe man selber erschossen wird" – was schlicht nicht stimmt.

In einem Bericht der Untersuchungskommission zum Amoklauf wird im April 2004 klar gestellt, dass "Counter-Strike" beim Spielekonsum Steinhäusers kein Dauerbrenner gewesen sei. Am Morgen der Tat hatte er den Ermittlungen zufolge den deutlich unrealistischer daherkommenden Shooter "Quake 3 Arena" gespielt.

3. Verbotspläne der Großen Koalition

Im Jahr 2005 kommt es zur Großen Koalition zwischen CDU, CSU und SPD - samt einer Vereinbarung, die Spielefans erzürnt. Im Koalitionsvertrag heißt es unter dem Punkt "Aufwachsen ohne Gewalt", dass ein "Verbot von 'Killerspielen'" erörtert werden soll.

Praktisch wird diese Forderung nicht umgesetzt, in den Koalitionsverträgen von 2009 und 2013 taucht das Wort Killerspiele nicht mehr auf.

4. Für einen Spielverkauf ins Gefängnis?

Nach dem Amoklauf von Emsdetten im November 2006 verschärft sich die Debatte über ein "Killerspiel"-Verbot erneut. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber fordert:

Killerspiele, die Jugendliche zum Töten von Menschen animieren, gehören in Deutschland verboten.
Edmund Stoiber

Kurz darauf wird ein Gesetzesplan seines Innenministers Günther Beckstein bekannt. Darin heißt es: "Wer Computerspiele, die es den Spielern als Haupt- oder Nebenzweck ermöglichen, eine grausame oder die Menschenwürde verletzende Gewalttätigkeit gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen auszuüben, verbreitet, [...] herstellt, bezieht, liefert [...], wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft." Der Plan wird nicht umgesetzt. Gewaltverherrlichende Medien sind in Deutschland ohnehin längst verboten.

5. Clip gegen Fernsehlügen

Am 15. November 2007 stellt Matthias Dittmayer ein fortan vielbeachtetes YouTube-Video ins Netz. In dem neunminütigen Clip zeigt der Spieler und Jurastudent, wie fehlerhaft und tendenziös die Spieleberichterstattung mehrerer öffentlich-rechtlicher Fernsehsendungen ist.

"Killerspiele in ARD, ZDF und WDR" ist mittlerweile 2,4 Millionen-mal abgerufen worden, Dittmayer veröffentlichte 2014 eine 270 Seiten lange Zusammenfassung der Debatte über Killerspiele.

6. Nirvana trifft auf GTA

Als Beispiel für die von Dittmayer und anderen Spielern kritisierte Berichterstattung könnte ein "Panorama"-Beitrag aus dem Februar 2007 stehen. Darin wird eine Sexszene aus "GTA: San Andreas" gezeigt, die jedoch nur Spieler zu sehen bekommen, die sich zuvor den sogenannten Hot Coffee Mod heruntergeladen haben, eine inoffizielle Abwandlung des Actionspiels.

Der Beitragssprecher kommentiert die Sexszene: "Wer hier möglichst viele Frauen vergewaltigt, gewinnt." Dazu läuft das Nirvana-Lied "Rape Me". Viel plumper - und inhaltlich falscher - geht es eigentlich nicht.

7. Virtuelle Gladiatorenkämpfe

Eine der lautesten Stimmen für ein Killerspiele-Verbot ist über die Jahre der CSU-Politiker Joachim Herrmann - er macht gleich mit mehreren Zitaten auf sich aufmerksam.

Dem ZDF-Magazin "Frontal21" zum Beispiel sagt er im April 2009: "Wir müssen solche Spiele eindeutig verbieten. Das kann kein Freizeitvergnügen sein, andere Menschen zu ermorden. Das hat es im Altertum gegeben, dass man da begeistert im römischen Circus zugeschaut hat, wenn sich die Gladiatoren gegenseitig erstochen haben. Das war eigentlich in der Aufklärung überwunden. Wir können nicht in derartige archaische Zeiten zurückfallen."

8. Ein fast leerer Container

Am 11. März 2009 erschießt in Winnenden Tim K. 15 Menschen und sich selbst. Auf seiner Festplatte entdeckten Ermittler später mehrere Ego-Shooter. Infolge der Tat wird das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" gegründet, das unter anderem ein Verbot von "Killerspielen" fordert.

Am 17. Oktober 2009 stellte die Organisation in Stuttgart einen Container auf, in den Bürger ihre "Killerspiele" entsorgen sollen. Dem Aufruf folgt allerdings kaum jemand, der Container bleibt fast komplett leer.

9. "World of Warcraft" als Shooter

Obwohl das Mehrspieler-Rollenspiel bereits vor knapp elf Jahren erschienen ist und zu den bekanntesten Spielen überhaupt zählt, wird "World of Warcraft" auffallend häufig für ein "Killerspiel" gehalten. Dabei sieht man auf den ersten Blick, dass das Spiel zumindest kein Shooter ist.

Noch 2012 behauptet der Fernsehjournalist Ranga Yogeshwar in einem Interview - trotz skeptischer Nachfrage des Moderators -, es handle sich um ein Spiel, in dem es nur darum gehe, "zu ballern, andere abzustechen et cetera".

10. Kritik an "Crysis 2"

Im April 2012 empören sich Politiker von CDU und CSU über die Vergabe des Deutschen Computerspielpreises, der heute auch vom Bundesverkehrsministerium getragen wird. Der Grund: Als bestes deutsches Spiel wird "Crysis 2" 2011 ausgezeichnet, ein ab 18 Jahren freigegebener Shooter des Frankfurter Studios Crytek.

Die Unionsfraktion hatte bereits gegen die Nominierung des Titels protestiert. Zur Jury, die letztlich den Preis vergab, gehörten jedoch auch diverse Bundestagsabgeordnete – auch solche von der Union, zum Beispiel der heutige CDU-Generalsekretär Peter Tauber.

11. Eine Zeit lang ist Ruhe

Die populistische und unsachliche Killerspiel-Debatte, die vor einigen Jahren vor allem Unionspolitiker befeuert haben, gibt es in dieser Form nicht mehr. Auch der Begriff "Killerspiel" ist weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Natürlich gibt es aber weiter Politiker, die Shootern kritisch gegenüberstehen – etwa Wolfgang Bosbach von der CDU.

12. Kommt die Killerspiel-Debatte zurück?

Der Amokläufer von München, David S., soll "Counter Strike" gespielt haben. Gibt es nun eine neue Debatte um Killerspiele? Jugendforscher Klaus Hurrelmann sagt dazu:

"Die Spiele werden immer suggestiver, immer intensiver. Wir wissen, dass Gewaltspiele schwache Persönlichkeiten total in ihren Bann ziehen können. Die Forschung schätzt, dass sich zwei bis drei Prozent der jungen Männer eines Altersjahrgangs total darin verlieren. Die haben Probleme zu unterscheiden, ob sie sich in der Spielewelt oder der realen Welt befinden.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Bei 97 bis 98 Prozent gibt es keine oder sogar positive Effekte auf die Persönlichkeit – weil es eine gesunde Abfuhr von Energien gibt. Aber eine Diskussion ist schon berechtigt, damit schwache Persönlichkeiten nicht eines Tages ganz wegkippen."

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Neues Gesetz: Wie Berliner im Sommer ihre Wohnungen bei Airbnb vermieten
Endlich Ferien, endlich die Wohnung vermieten – oder nicht?

Endlich ist der Sommer da, sogar das Wetter macht mit. Viele fahren jetzt in den Urlaub und vermieten ihre Wohnung, um ein bisschen Geld reinzuholen. Aber: Darf ich noch bei Airbnb inserieren?

Diese Frage stellen sich zurzeit viele Berliner. Denn seit dem 1. Mai 2016 gilt: Wer weiterhin komplette Ferienwohnungen anbietet, muss mit Geldstrafen von bis zu 100.000 Euro rechnen – schon allein für ein Inserat.

Grund ist ein Gesetz mit dem bürokratischen Namen "Zweckentfremdungs-Verbot". Das besagt: Wohnungen dürfen nicht mehr leer stehen, abgerissen oder in Büro- oder Gewerberäume umgewandelt werden. Außerdem – und das ist der umstrittenste Punkt – dürfen komplette Appartements nicht mehr als Ferienwohnung genutzt werden. In der Hauptstadt gilt das Verbot eigentlich schon seit 2014, wegen einer zweijährigen Übergangsfrist greift es aber erst jetzt.