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Seit ungefähr 100 Jahren gehört in jede Wohnung ein Klo, ein Kühlschrank und ein Bett. Mit dem Anbruch des 21. Jahrhunderts wurde diese Mindestausstattung zum Leben noch um einen weiteren Gegenstand erweitert: den Router

Ich habe bei meinem letzten Umzug jedoch beschlossen, in meiner neuen Wohnung auf letzteren Gegenstand zu verzichten. Bei mir zu Hause gibt's kein Internet, inzwischen seit mehr als einem halben Jahr. Und, ja: 

Mir geht's gut damit. Vielleicht sogar besser als lange zuvor. 

Dazu gekommen ist es eigentlich zufällig. Vergangenes Jahr zog ich um. Vieles übernahm ich von meinem Vormieter, den DSL-Vertrag nahm er mit. Anfangs vergaß ich es zwischen Kisten Schleppen, Wände Streichen und Gardinen Aufhängen schlichtweg, einen neuen abzuschließen.

Doch als die Wohnung irgendwann soweit eingerichtet war, bestellte ich mir immer noch keinen Router. Stattdessen beschloss ich: Ich schaue einfach mal, wie lange ich es ohne Internet aushalte. Nach 7 Monaten kann ich sagen: überraschend lange.

Vollständig offline bin ich zugegebenermaßen nicht. 

Bei der Arbeit bin ich fast den ganzen Tag online. Und auch zu Hause habe ich immer noch mein Smartphone samt Inklusivdatenvolumen, kann also Whatsapp-Nachrichten schreiben, die Wettervorhersage checken oder ein Bahnticket buchen, wenn es nötig ist. Und mal Instagram öffnen oder nach neuen Turnschuhen schauen, auch wenn das meistens nicht unbedingt nötig ist. 

Trotzdem habe ich gemerkt: Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich monatlich zwei Gigabyte Datenvolumen auf einem Handybildschirm konsumieren kann, oder unbegrenzt Daten über Smartphones, Tablets, Laptops und Smart-TV schleuse.

Das merke ich zum Beispiel an meiner Smartphone-Nutzung. Weil ich weiß, dass mein Volumen begrenzt ist, begrenze ich auch meine Bildschirm-Zeit. Denn auch, wenn es nur Bytes sind, und auch, wenn es nicht die Welt kosten würde, sich zusätzliches Datenvolumen zu kaufen, frage ich mich jetzt zwischendurch regelmäßig: 

Ist es das hier gerade wirklich wert?

Früher lag ich vorm Einschlafen oft stundenlang wach, scrollte mich noch durch diese Website und jenen Instagram-Account. Heute lese ich vielleicht einen Artikel, den ich den Tag über nicht geschafft, aber für später gespeichert habe, beantworte noch ein, zwei Nachrichten – und dann lege ich das Smartphone weg. So schlafe ich nicht nur früher, sondern auch besser ein, denn tatsächlich behindert es das Einschlafen, wenn man vorher zu lange auf einen Bildschirm geschaut hat (SPIEGEL ONLINE). Diesen Effekt merke ich auch bei mir.

Ich nutze das Smartphone auch nicht mehr so oft parallel. Früher konnte ich keinen Film schauen, ohne dabei irgendwann das Handy in die Hand zu nehmen. Nachrichten zu beantworten, zu googlen, in welchem Film der Schauspieler zuletzt mitgespielt hat oder ein Rezept zu recherchieren, das ich später noch zu Abend essen könnte. Jetzt konzentriere ich mich auf das, was ich vor mir sehe.

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Apropos Film schauen: Wenn ich anderen erzähle, dass ich kein Internet zu Hause habe, lautet die erste Frage fast immer:

"Und was ist mit Netflix?"

Die Antwort darauf ist einfach: Netflix gibt's halt nicht. Mit zwei Gigabyte Datenvolumen kann man nichts streamen – außer man ist bereit, eine Stunde "Black Mirror" gegen einen ganzen Monat Kartoffelinternet einzutauschen (bin ich nicht!). Also streame ich eben nicht. Und auch darüber bin ich nicht traurig.

Serien zu streamen war für mich eigentlich immer eine Art Verzweiflungstat. Wenn ich krank war, wurde halt mal eine Staffel "Gossip Girl" durchgeguckt. Wenn es draußen eiskalt war, griff ich zu "House of Cards", immerhin konnte ich dann mitreden. Aber richtig fröhlich gemacht hat mich das Seriengucken nie.

Stattdessen gab es für mich ein unerwartetes Comeback in Sachen Entertainment. Auch das hing mit der neuen Wohnung zusammen: In der Wand gegenüber meines Sofas entdeckte ich nämlich einen Kabelanschluss. Seitdem heißt meine Anlaufstelle bei Krankheit und Regenwetter eben Fernsehen

Und das ist ehrlich gesagt besser als sein Ruf.

Klar, im Fernsehen kommt jede Menge Müll. Aber manchmal gibt es auch tolle Produktionen. Und manchmal will man auch einfach ein bisschen belanglosen Unsinn gucken. Mein "Gossip Girl" ist deshalb jetzt eben "Shopping Queen". Außerdem laufe ich nicht Gefahr, mich in dem unerschöpflichen Angebot der Streaming-Anbieter zu verlieren. Denn wenn man eine tolle Sendung entdeckt hat, dann ist meistens nach spätestens zwei Stunden Schluss. Und wenn dann danach irgendein Schweden-Krimi losgeht, dann schalte ich den Fernseher eben aus.

Hin und wieder gibt es Situationen, in denen man unbedingt einen Laptop mit Internetverbindung braucht. 

Aber auch für die gibt es eine Lösung: Ich kann mir für die Dauer einen Hotspot mit dem Smartphone einrichten, oder mich eben für ein, zwei Stunden in ein Café oder zu Freunden mit funktionierendem WLAN setzen. In den vergangenen sieben Monaten war das allerdings bloß zweimal der Fall. Auch die Umstände, die das machte, konnte ich verschmerzen.

Insgesamt kann ich deshalb sagen: Ich vermisse das Internet in meinem Zuhause fast überhaupt nicht. 

Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass es mein Leben schöner macht. Zum Beispiel, weil ich alte Hobbys wiederentdeckt habe: Nach mehr als fünf Jahren habe ich das erste Mal wieder etwas gezeichnet. Ich habe ein paar der Bücher durchgelesen, die so lang unberührt in meinem Regal warteten. Und für gute Filme gehe ich jetzt wieder häufiger ins Kino.

(Das ist doch auch einfach viel schöner!)

Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn ich mein Internetnutzungsverhalten auch ohne den kalten Entzug hätte hinterfragen – und ändern – können. 

Wenn ich von allein die Willenskraft besessen hätte, nicht stundenlang im niemals endenden Unterhaltungs-Sumpf des Internets zu versacken, sondern online nur das zu tun, was wirklich nötig und gut für mich ist. 

Aber als 1991 Geborene war das Internet seit meiner Teenagerzeit allgegenwärtig. Ich konnte mich mit allen Menschen auf der Welt verbinden, alle Informationen der Welt abrufen und mich ohne Ende unterhalten lassen. Das war zunächst wunderschön. Dass es auch Nachteile haben kann, ständig online zu sein, ist mir erst wesentlich später klargeworden – zu einer Zeit, als ein Alltag ohne Internet schon völlig undenkbar war.

Wie sieht es bei dir aus?

Mir hat der fehlende Internetanschluss nun den Abstand wiedergegeben, den ich gebraucht habe.

Sicher ist das nicht für jeden die Lösung. Und auch ich möchte nicht schwören, dass ich mir nicht irgendwann wieder Internet einrichte (wohl spätestens dann, wenn nicht mal mehr ein Kühlschrank ohne Vernetzung funktioniert!). Aber auch dann hoffe ich, dass eine Erkenntnis bleibt: Es gibt auch ein Leben außerhalb des Sendebereich eines Routers.


Today

"Africa" von Toto läuft jetzt in der afrikanischen Wüste in Dauerschleife – weil ein 27-Jähriger Boxen aufgebaut hat
"Hurry boy, it’s waiting there for youuuuuuu!!"

Für viele ist er der beste Song der Welt, für nicht wenige ist er der perfekte Gröhlsong nach Feierabend. Vor allem aber ist er mehr als ein Song, er ist ein Lebensgefühl: "Africa" von Toto. 

Die Band landete 1982 mit diesem Song auf Platz 1 der US-amerikanischen Charts, in Deutschland reichte es immerhin für Platz 14. Und im Netz sind die Achtziger nie zuende gegangen: Hier hat "Africa" auf YouTube mittlerweile mehr als 442 Millionen Aufrufe geschafft.

Nun dröhnt "Africa" von Toto auch durch die afrikanische Wüste. Und zwar angeblich für immer und in Endlosschleife.

Der namibisch-deutsche Künstler Max Siedentopf hat in der afrikanischen Namib-Wüste eine "unendliche Installation" aufgebaut. Der 27-Jährige hat mehrere mit Lautsprechern verbundene mp3-Player auf weißen Säulen gestellt. Auf ihrer Playlist ist nur ein Song: "Africa". 

Und die Playlist steht auf Repeat.

So sieht es aus: