Bild: dpa / bento
Wir blocken uns die Welt, wie sie uns gefällt.

Die Idee wirkt sympathisch: Wir tun uns alle zusammen und flauschen die rechten Hater aus dem Internet. Damit es nicht ganz so schwer ist, blockieren wir die schlimmsten rechten Trolle schon mal auf Twitter – weniger Geschrei, mehr Liebe.

Das ist in etwa die Idee von Jan Böhmermanns #ReconquistaInternet, seine Antwort auf einen kleinen Club rechter Twitter-Trolle, die als "Reconquista Germanica" rumnerven, beleidigen, hetzen oder drohen.

Der Kampf begann am 1. Mai. Kurz vor Mitternacht gab Böhmermann seinen zwei Millionen Followern das Kommando: Zwei Listen mit rund 1500 "rechten Trollen" runterladen, weiterverbreiten und diese bei Twitter blockieren.

War das endlich der digitale Aufstand der Anständigen?

Die Aufforderung blieb fünf Minuten online – seitdem existiert er nur noch als Screenshot.

(Bild: archive.is )

Böhmermanns Schwarze Liste enthält bloß Zahlen, die internen Nummern, die Twitter seinen Nutzern gibt. 

Folgt man seiner Anleitung und lädt die Liste bei Twitters Blockier-Funktion hoch, sieht man diese Accounts nicht mehr in der Timeline – und auch sie können einen nicht mehr sehen.

Wen genau sie dann geblockt haben, werden die meisten Nutzer wohl nicht wissen. Schließlich besteht die Liste nur aus Zahlen, man muss sie entschlüsseln, um zu sehen, mit wem man nicht mehr kommunizieren möchte.

War das eine gute Idee? 

Es gibt gute Gründe für Blockier-Listen. Twitter hat die Funktion extra so eingerichtet, dass man ganze Tabellen hochladen und untereinander austauschen kann. Die Listen schützen vor Mobbing, Hetze und Shitstorms – oder auch einfach vor lauten Meinungen, die man oft genug hört.

  • Der erste, kürzere Teil der Liste ist relativ eindeutig: Wer auf Twitter Verbindungen zu "Reconquista Germanica" hat und sich an zwei Aktionen beteiligt hat, landete auf der Liste. Aber das sind nicht mal 200 Accounts. "Reconquista Germanica" ist ein marginaler Haufen.
  • Entschlüsselt man den zweiten Teil der Liste, findet man darauf auch – neben vielen kleinen, rechten Twitterern (die meisten sind Männer) – Personen wie Roland Tichy (ein prominenter Journalist), den Theologen David Berger, Frauke Petry, Björn Höcke und diverse AfD-Kreisverbände.

Sie sind vor allem irgendwie rechts. Man muss diese Personen nicht mögen. Aber sind es Trolle? Trolle versuchen, jede vernünftige Unterhaltung zu zerstören. Die Menschen hinter den Accounts auf der Liste mögen Meinungen äußern, die schwer erträglich sind – aber sie sprechen damit sogar für einen nicht gerade kleinen Teil der deutschen Gesellschaft.

Man kann sich die Frage stellen, ob man Politik besser versteht, wenn man diese Seite der Auseinandersetzung einfach ausblendet. Außerdem: Über manche dieser Personen spricht Böhmermann selbst immer wieder. Nur hören soll man sie offenbar nicht mehr.

Wie kam die Schwarze Liste zustande?

Es zeigt sich: So richtig verantwortlich für die Schwarze Liste will dann auch niemand sein.

Im Video heißt es, die Accounts würden mindestens zehn Profilen aus dem "rechten Spektrum folgen und zurückgefolgt werden". Mehr erfährt man nicht. Das ZDF reagiert nicht auf unsere Anfrage. Auf Twitter weist ZDFneo jede Verantwortung weit von sich: 

Woher die Liste kommt, will uns auch die Bildundtonfabrik, die Produktionsfirma hinter Neo Magazin Royale, nicht sagen. Aus dem Umfeld der Produktion haben wir aber erfahren, dass die Liste offenbar in Auftrag gegeben wurde.

So soll die Liste zustande gekommen sein: Ein Datenanalyst trug 250 bereits existierende Blockier-Listen verschiedener Twitter-Nutzer zusammen. Wer in den Listen mehrfach auftauchte, kam in die engere Auswahl. Wer dann noch mindestens 10 rechte Follower hatte und zurück gefolgt wurde, kam auf die finale Liste.

Alles rechte Trolle? Das kann diese Form der Auswahl wohl gar nicht sicherstellen. Die Accounts auf Böhmermanns Schwarzer Liste fielen nicht unbedingt dadurch auf, dass sie etwas Asoziales gemacht oder Beleidigendes gesagt hatten. Es reichte, wenn irgendwelche Twitternutzer fanden, dass sie die Tweets dieser Accounts nicht sehen wollen. 

Klar, man muss schon viel Antipathien auslösen, damit andere Menschen einen nicht nur entfolgen, sondern auch blockieren. Auch dass sich eine Community abschirmt und schützt, indem sie untereinander Accounts austauscht, von denen sie sich belästigt fühlt, ist völlig legitim. Und bei tausenden potentiell belästigenden Accounts kann die Auswahl nicht immer treffsicher sein.  

Aber die Liste ist eine Blackbox. Wer drauf gelandet ist, kann kaum nachvollziehen, warum. 

Wie reagieren die "Trolle" auf der Liste?

Beleidigt scheint niemand:

Im Gegenteil, manche sind sogar sehr erfreut über Böhmermanns Werbung:

Algorithmen müssen transparent sein. Das ist eine der wichtigsten Forderungen unserer Zeit. Sie richtet sich vor allem an Unternehmen wie Facebook. Aber auch die Böhmermann-Liste schrieb offenbar ein Algorithmus. Noch dazu arbeitete er offenbar auf Basis von 250 nicht weiter erwähnten Quellen. Das hätte man einfach offenlegen können.

Dann hätten alle selbst entscheiden können, ob sie diese Menschen alle blockieren wollen – und ob jemand mit einer anderen politischen Einstellung schon gleich ein "rechter Troll" ist. Manchmal ist es ja gar nicht so doof zu wissen, dass nicht alle einer Meinung sind.


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