Bild: Screenshot Instagram
"Viele alte Männer schreiben mir 'geh sterben'"

Das Video geht nicht einmal eine Minute, doch im Netz regen sich noch Tage später viele darüber auf. Am vergangenen Wochenende veröffentlichte die Münchner Influencerin Laura Sophie auf TikTok ein "Erklärvideo" für ihre Fans. Darin warnt sie ihre mehr als zwei Millionen Abonnentinnen und Abonnenten: "Der Dritte Weltkrieg wird vielleicht ausbrechen". 

Sie spricht über "extrem viele" iranische Atomwaffen und malt sich aus, was im Falle eines militärischen Konflikts mit den USA passieren könnte: "Sobald die USA anfangen zu kämpfen, treten Deutschland und Frankreich auch mit ein. Das sind alles Länder der Nato."

Diese Informationen sind teilweise fragwürdig – teilweise aber auch einfach falsch. Weder hat Iran nach bisherigem Kenntnisstand Atomwaffen, noch sind Nato-Bündnispartner verpflichtet, im Falle eines Krieges mitzukämpfen. Laura Sophie hat das Video deshalb inzwischen wieder von ihrem öffentlichen Profil entfernt. 

Doch auf Twitter kursiert Laura Sophies TikTok-Video weiter – meist verbunden mit Empörung über Influencer und deren mangelnde Medienkompetenz.

Auf TikTok war das Video am Wochenende jedoch ebenso wie auf Twitter nicht allein. Viele Nutzer, meist jung, verwendeten Hashtags wie #WWIII oder Stichwörter wie "World War 3", um nach der Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani (SPIEGEL) über einen möglichen Weltkrieg zu diskutieren. Die Videos und Tweets waren oft eine Mischung aus echter Angst und blühender Fantasie. In den USA führte die Aufregung zu technischen Problemen auf einer Internetseite der Regierung, die über Rekrutierungsbescheide des Militärs informiert (New York Times).

Für Laura Sophie hatte die Kontroverse um ihr Video jedoch noch andere Folgen. Nachdem sie in einem Statement ihrer Agentur bereits über Drohungen berichtete (Stern), spricht die 18-Jährige im Interview mit bento nun erstmals ausführlich über die Reaktionen auf ihr Video, aber auch über eigene Fehler – und persönliche Konsequenzen.

bento: Dein Video über den Iran-Konflikt und einen möglichen Dritten Weltkrieg hat für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt. Welche Reaktionen hast du seitdem erhalten? 

Laura Sophie: Ich erhalte seit Tagen viele negative, verletzende und hasserfüllte Nachrichten. Allerdings nicht von meinen Followern, sondern von fremden Personen, die anscheinend auf Twitter auf mich aufmerksam geworden sind. 

„Viele beschimpfen mich als "dummes Kind" oder schreiben "geh sterben".“

Ich habe das Video inzwischen auf privat gestellt, weil ich verhindern wollte, dass weiterhin Menschen ein Video sehen, in welchem ich unabsichtlich falsche Informationen vermittelt habe. 

bento: Wie kam es überhaupt zu dem Video? 

Laura Sophie: Ich habe auf TikTok bemerkt, dass viele in meiner Zielgruppe nichts über den Konflikt zwischen den USA und Iran mitbekommen haben. Der Hashtag WW3 ist aber seit Tagen sehr populär. Deshalb wollte ich ein Video aufnehmen, in dem ich die Situation so erkläre, wie ich sie durch die Medien verstanden habe. Ich hatte wirklich eine gute Absicht.

Der Hashtag #WWIII stand am vergangenen Wochenende stundenlang in der Trend-Übersicht von Twitter. Auf TikTok wurden Videos mit dem Stichwort vielfach im Empfehlungsbereich "For You" angezeigt. Innerhalb kurzer Zeit wurde aus der halb-ernsten Diskussion um einen dritten Weltkrieg so ein Meme, das in klassischen Medien jedoch tagelang keine Rolle spielte. 

bento: Wie hast du dich vorbereitet, damit du deinen Followern nichts Falsches sagst? 

Laura Sophie: Ich informiere mich vor allem auf YouTube und verschiedenen Nachrichtenseiten. Vom Iran-Konflikt habe ich abends in der Tagesschau mitbekommen. Außerdem habe ich ein Interview auf n-tv.de gesehen, in dem es um eine mögliche Beteiligung Deutschlands an einem Krieg mit Iran ging. Auch bei meinen anderen Videos über gesellschaftliche Themen betreibe ich vorher immer Recherche. Dieses Mal waren anscheinend die falschen Quellen dabei.

bento: Kannst du genauer sagen, von wem dann die Hassnachrichten kamen? 

Laura Sophie: Nach den Profilbildern waren es vor allem Männer zwischen 30 und 60 Jahren. Ich habe den Unterschied auch an den Nachrichten bemerkt. Meine Follower sind liebe Menschen, die genau wissen, dass einem auch mal Fehler passieren. Nachdem ich mich für die Fehler entschuldigt habe, war das bei ihnen kein großes Thema mehr. Fehler sind menschlich und passieren ja jedem irgendwann mal.

bento: Gibt es auch Kritik, die du verstehen kannst? 

Laura Sophie: Ich verstehe die Kritik am Video, klar. Deswegen habe ich es ja entfernt. Ich verstehe nur nicht, wieso erwachsene Menschen ein 18-jähriges Mädchen, welches nur mit guten Absichten handeln wollte, so derart niedermachen müssen. Ich habe in meiner ganzen Medienlaufbahn noch nie derartig verletzende Nachrichten erhalten.

„Ich finde es schade, dass selbst im Erwachsenenalter manche immer noch auf derartige Wörter zurückgreifen müssen und ihre Kritik nicht sachlich formulieren können“

bento: Die meisten Reaktionen auf dein Video gab es vermutlich außerhalb von TikTok. Hast du das Gefühl, dass die Plattform in Deutschland bereits richtig verstanden wird? 

Laura Sophie: Ich glaube nicht, dass TikTok wirklich verstanden wurde. Ältere Leute sind dort meist ja auch nicht aktiv. Ich kenne zum Beispiel keinen einzigen Politiker, der auf Tiktok ist.

bento: Du hast auch Profile auf Instagram und YouTube, bist aber vor allem auf TikTok und früher Musically aktiv. Was macht die Plattform für dich besonders? 

Laura Sophie: Ich schätze an TikTok, dass man seine Kreativität ausleben lassen kann. Man bekommt auch viele Nutzer aus dem Ausland vorgeschlagen, mit denen man dann Kontakt aufnehmen kann. Auf anderen Plattform ist die Community nicht so international. 

Auf der Startseite von TikTok werden nicht nur abonnierte Accounts angezeigt, sondern auch Videos, von denen TikTok denkt, dass sie aktuell besonders interessant sein könnten. Für den Erfolg einzelner Videos ist eine große Followerzahl dadurch deutlich weniger wichtig als auf anderen Plattformen. Kritiker werfen Tiktok jedoch vor, die Aufmerksamkeit der Nutzer damit gezielt zu lenken und unliebsame Inhalte systematisch zu verbergen. 

bento: TikTok ist vor allem wegen seiner Moderationsregeln (netzpolitik.org) und wegen einer möglichen Zensur aus China sehr umstritten. Was sagst du zu dieser Kritik? 

Laura Sophie: Ich fand es schon krass zu lesen, wie sehr TikTok die Inhalte auf der Plattform moderiert. Man muss sich der Kritik bewusst sein, wenn man die App nutzt. Für mich steht aber immer noch der Spaß im Vordergrund, deswegen benutzte ich TikTok weiterhin. Dass die Tagesschau jetzt auch Videos dort veröffentlicht, finde ich gut.

Nach dem Video von Laura Sophie wurde vor allem auf Twitter häufig gefordert, dass klassische Medien aktiver auf TikTok sein sollten, um Falschmeldungen und Gerüchte besser einordnen zu können. Die Tagesschau, die seit wenigen Wochen einen Kanal auf der Plattform betreibt, veröffentlichte schließlich am Dienstag ein eigenes Erklärvideo – drei Tage nach dem Aufkommen des Memes.

bento: Willst du dich in Zukunft wieder zu gesellschaftlichen oder politischen Themen äußern? 

Laura Sophie: Bisher habe ich das auf Instagram regelmäßig gemacht. Allerdings war der Shitstorm für mich eine Lehre – alles Politische und Gesellschaftliche möchte ich in Zukunft nur noch privat diskutieren.


Uni und Arbeit

Studium abbrechen oder durchziehen? Was tun?
Wir haben zwei Experten zur richtigen Entscheidungsfindung befragt

Mit dem Studium beginnt für viele ein neuer Lebensabschnitt. Endlich studieren, selbstbestimmt leben, Expertin oder Experte in einer spannenden Fachrichtung werden.

Doch was, wenn nach den ersten Monaten des Studiums die Euphorie ausbleibt? Passt das Studierendenleben oder das Fach nicht zu einem? Oder kommt es einem nur so vor? 

Studium abbrechen, Fach wechseln oder durchbeißen? Wie treffe ich die richtige Entscheidung?