Bild: Photo by Prateek Katyal on Unsplash

Instagram hat sein Experiment ausgeweitet, Like-Zahlen unter Bildern und Videos zu verstecken. Nach dem Start in Kanada werden einzelnen Nutzerinnen und Nutzern nun auch in Brasilien, Australien, Neuseeland, Irland, Italien und Japan keine Likes mehr unter fremden Beiträgen angezeigt. 

Nur unter den eigenen Posts soll man sehen können, wie viele Menschen ihm ein Like gegeben haben, bei anderen zeigt Instagram nur noch gemeinsame Freunde an, denen ein Post gefällt. (SPIEGEL ONLINE)

Herzlose Influencer hassen diesen Trick: In der Welt der Schönen und dadurch Reichen sorgt die Nachricht für Aufregung. Po-Model Jem Wolfe aus Australien drohte schon mit der Löschung ihres Kontos und nannte die Maßnahme "demotivierend". (ABC) Der Grund: Die von Fans verteilten Herzchen sind für viele Influencer die Währung, mit der mögliche Kunden geködert und hohe Erlöse für Werbeposts ausgehandelt werden können. 

Dabei ist die Grundidee aus dem Insta-HQ gut! Das hat gleich mehrere Gründe: 

1 Instagram hat ein Problem mit Fake-Likes

Im Gegensatz zu alten Abi-Bekannten sind diese Freunde wirklich fake: Bots und gekaufte Likes sind zwar keine Neuigkeit, wirklich erfolgreich war Instagram im Kampf gegen die Plage aber nicht. Durch gekaufte Likes wird einerseits der Algorithmus von Instagram beeinflusst (er hält einen Post so für populär und zeigt ihn daher mehr Menschen an), andererseits bekommt er für Nutzerinnen und Nutzer eine höhere Glaubwürdigkeit. Denn was schon 10.000 anderen gefällt, muss gut sein, nicht wahr? 

Was bei geschmacklosen Modebildern aus Santorini banal erscheinen mag, gewinnt schnell eine gesellschaftliche Dimension: wenn Hetze, Lügen oder Wahlempfehlungen auf diesem Wege verbreitet werden. Der Testlauf auf Instagram könnte somit auch zu einem Experimentierlabor für den Mutterkonzern Facebook werden. 

2 Das kaputte Schönheitsideal 

Instagram ist laut einer britischen Umfrage von 2017 das Netzwerk mit den meisten schädlichen Auswirkungen – vor allem für junge Frauen (i-d). Wer auf Dauer die zumeist digital nachbearbeiteten, mit aufwendigem Make-up vorbereiteten und zudem mit Hilfe eines Insta-Husbands inszenierten Bilder von professionellen Fotomodels anschaut, vergleicht sich selbst unweigerlich irgendwann mit ihnen. (Morgenpost)

"Mein Selfie bekommt nur 30 Likes, aber sie bekommt 300.000" ist vielleicht ein naiver, aber eben doch auch menschlicher Gedanke. Die Conclusio: Man muss eben auch so aussehen, wie die Models aus der Filter-Blase Instagram. Nur so wird man ebenso sehr gemocht wie das Vorbild. (Deutschlandfunk) Der zerstörerische Einfluss auf das Körperbild geht so weit, dass Menschen sich sogar operieren lassen, um wie ihr digitales Ich auszusehen. Nicht mit Snapchat-Hundeohren, aber doch so wie mit "Mayfair". (Guardian)

Verschwinden werden die Filter und bearbeiteten Gesichter durch die versteckten Likes nicht, aber immerhin sind Menschen so nicht mehr "quantifizierbar schöner" als andere. 

3 Der ewige Wettbewerb bringt uns nicht weiter

Der Drang, mit Likes belohnt zu werden, führt dazu, dass wir alle konstant einem Idealbild von Leben hinterherlaufen, dass es so nicht gibt. Das es so nicht geben kann. Denn egal, wie toll der Trip des Lieblings-Reisebloggers war: Zwischen den Fotos von Vulkanspitzen und Sonnenuntergängen hatte selbst er eine Lebensmittelvergiftung. Die schaffte es aber aus Werbegründen nicht in den Insta-Feed. 

Instagram beeinflusst damit wie jedes Massenmedium unser Denken und Verhalten: Es kommt nicht von ungefähr, dass bestimmte Arten von Posen, Motiven oder Zitaten dort immer wieder auftauchen. Der perfekte Urlaub, den wir dort gesehen haben? Müssen wir nun auch machen! Das perfekte Essen, dass die Freundin dort geteilt hat? Müssen wir jetzt auch bekommen! Hauptsache, wir machen ein Foto. #LoveMyLife

Ein bisschen weniger Like-Gier und mehr Ehrlichkeit würde vielleicht dafür sorgen, dass wir uns weniger Stress machen, ein fototaugliches Leben zu führen. 

Und stattdessen einfach leben. Foto hin oder her.



Future

Warum ich morgens vor dem Büro meine Ruhe will

Ein Auto will man ja heute als junger Großstädter nicht mehr besitzen – passt weder zur "Fridays-for-Future"-Einstellung noch zur Parkplatzsituation. Aber morgens um 8 Uhr vermisse ich es wahnsinnig. Ein Auto hat Türen, lässt sich von innen verriegeln und spielt Musik oder Podcasts ab: ein Kokon im Großstadtgetümmel.

Stattdessen sitze ich jeden Morgen in der Bahn.

Mit dem Blick aufs Smartphone und mit Kopfhörern auf den Ohren versuche ich mich so gut abzuschotten wie es eben ohne Stahlblech-Karosserie geht. Manchmal höre ich auch gar nichts, die Kopfhörer sollen nur das Gegenteil suggerieren. Doch meine Schutzmauer ist leicht zu durchbrechen. 

Wenn der Blick im falschen Moment vom Handy nach oben geht, dann erblickt man doch die Kollegin oder den Bekannten eines Freundes, der zufällig genau den gleichen Arbeitsweg hat.

Für mich gibt es nichts Schlimmeres als Smalltalk am Morgen – selbst mit der Lieblingskollegin oder einem engen Freund. 

Im Schulbus kannte man noch jeden, dem Gequassel konnte man sich nicht entziehen. Wer ruhig in der Ecke saß, war ein Außenseiter. Aber im Studium, auf dem Weg zur Uni, fing es an: Ich lernte die Ruhe am Morgen zu genießen – nicht reden, wenig denken, für sich sein.