100.000 Follower – für Instagrammerinnen und Instagrammer, die als Influencer Geld verdienen wollen, ist das eine magische Grenze. Dann hat man es geschafft, ist nicht mehr bloß "Mikro-Influencer" für kleine Marken, sondern kann auch größere Werbe-Deals an Land ziehen. 

Diese Grenze zu überwinden ist nicht einfach. Manche versuchen es mit Bots, die automatisch anderen Profilen folgen und Posts liken. Andere kaufen ihre Follower einfach ein. 

Wirklich nachhaltig sind diese Methoden nicht: Bots bringen vielleicht für einen kurzen Moment massenhaft Follower, die bleiben aber nicht bestehen. Und gekaufte Follower, die nicht mit den Posts interagieren, sind leicht zu erkennen: Wenn ein Instagrammer mit 50.000 Followern auf neue Bilder lediglich wenige Hundert Likes bekommt, dann sind es wohl keine echten Follower – und der Account für Unternehmen als Werbeplattform uninteressant.

Ein Instagrammer, der es als Influencer geschafft hat, ist Dario Widmer. 

Auf seiner Homepage bezeichnet sich der Schweizer als "Influencer, der als World Traveller, Filmemacher und Fotograf bekannt ist". Mit 165.000 Abonnenten ist er recht erfolgreich. Im Juli 2018 erreichte er bei einem Schweizer Influencer Ranking sogar den dritten Platz, gleich hinter Tennis-Star Roger Federer und Fußballer Xherdan Shaqiri. 

Klickt man sich durch das Profil von Widmer, ist es eher unauffällig. Zwischen Landschaftsaufnahmen und Fotos aus Sri Lanka, Italien und der Schweiz ist immer wieder der Accountinhaber zu sehen, Lieblingspose: nach oben gestreckter Zeigefinger. Dazu gibt es allgemeine Sprüche: "Be yourself, there's no one better 🤙". Das Profil eines typischen Insta-Travellers, wie es sie tausendfach gibt. 

Aufmerksam auf Widmer werde ich Ende Februar. Die schwedische Marke Fjällräven, wohl am besten bekannt für die "Kanken"-Rucksäcke, sucht angeblich nach Influencern: 300 Followern des Accounts @fjallraveninfluencer würde man monatlich Pakete zuschicken, die Bedingung: Man muss 150 Follower haben, dem Account zurückfolgen und den Teilnahmepost in seiner Story teilen.

Das klingt erst einmal sehr unglaubwürdig, trotzdem hat der Account innerhalb weniger Tage mehr als 60.000 Follower. Am 25. Februar bekommen diese in der Story des Accounts einen Hinweis, wie man seine Chancen erhöhen könne, ausgewählt zu werden: Follower von "Social Media Manager" Dario Widmer werde man bevorzugt behandeln, hieß es da.

Etwa zur gleichen Zeit gibt es auf dem offiziellen Kanal von Fjällräven eine Klarstellung: Der Account habe nichts mit dem Unternehmen zu tun, es handele sich um "Betrug". Der Zeitung "Aftonbladet" bestätigte ein Fjällräven-Sprecher, dass man Instagram kontaktiert habe und "weitere rechtliche Maßnahmen" erwäge. Kurz darauf war der Account @fjallraveninfluencer gelöscht.

So plump die Masche, so erfolgreich der Aufruf. Das zeigen Statistik-Auswertungen von Widmers Account: Demnach gewann er am Tag der Veröffentlichung des Aufrufs knapp 10.000 Follower hinzu. 

Ich schreibe Widmer an und frage, was es mit @fjallraveninfluencer auf sich hat. Die Antwort: Er sei sehr überrascht gewesen, da er mit Fjällräven nichts zu tun habe. Zum Beweis fügt er den Screenshot einer Story an, die er daraufhin gepostet habe. Darin hegt er die Vermutung, konkurrierende Influencer könnten dahinterstecken: 

Ob Widmer diese Story tatsächlich gepostet hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. 

Steckt mehr dahinter?

Ich sehe mir Widmers Account genauer an. Das Profil mit dem Handle @dariowidmer ist nur eines, das der Schweizer unterhält. Ganz offiziell hat er noch den Account @swisscreator (49.000 Follower), in einem Artikel über den Influencer einer Lokalzeitung wird zudem @woowvisuals (102.000 Follower) als sein Zweitaccount erwähnt. Offiziell präsentiert sich dieses als ein "Kollektiv der besten Fotografen", es werden Fotos von unterschiedlichen Instagrammern geteilt, darunter auch Widmer.

Bis zu meiner Anfrage zur Rolle Widmers bei @fjallraveninfluencer gibt es hier auch ein Gewinnspiel. Bis Ende April werde man Apple-Produkte verlosen im Gesamtwert von rund 2300 Euro. Die Teilnahmebedingung: Den Post in der Story teilen, fünf Freunde in den Kommentaren markieren – und dem Account @giveaway200k sowie sämtlichen Accounts, denen @giveaway200k folgt, folgen.

(Bild: Screenshot Instagram / @woowvisuals)

Insgesamt 17 Accounts sind es, denen Teilnehmende folgen müssen, um den angeblichen Gewinn abstauben zu können. Darunter finden sich mehrere Accounts, die eindeutig Widmer zuzuordnen sind, auch @dariowidmer, @swisscreator und @woowvisuals. Einige andere können mit seinem Umfeld assoziiert werden – Instagrammerinnen, die er für seine Kanäle fotografiert hat etwa. Darunter ist auch die Influencerin Simona Sgier, mit der Widmer aktuell auf Sri Lanka ist.

(Bild: Screenshot Instagram / @giveaway200k)

Auf einigen weiteren dieser Accounts finden sich noch mehr Gewinnspiele. Bei meinen Recherchen stoße ich auf insgesamt zehn Accounts mit 20 Gewinnspielen, bei denen eine der Teilnahmebedingungen ist, Widmer auf Instagram zu folgen. Verlost werden angeblich Drohnen, Kameras und iPhones. Geschätzte Gewinnsumme: mindestens 75.000 Euro.

Manche der Accounts sind zum Zeitpunkt meiner Recherche nicht mehr aktiv, im Netz finden sich aber nach wie vor Spuren von ihnen. Einen Hinweis darauf, dass jemand einmal etwas gewonnen hat, finde ich nicht. In Anbetracht des hohen Wertes der Gewinne erscheint das auch eher unwahrscheinlich. 

Posts abgelaufener Gewinnspiele werden offensichtlich gelöscht, nur einen finde ich noch, der Teilnahmeschluss war schon vor mehreren Wochen. In den Kommentaren fragen zwei Userinnen, wer denn nun gewonnen habe. 

(Bild: Screenshot Instagram / @myluxuryearth)

Über Monate hinweg hat Widmer offenbar ein Netzwerk aus Zweit- und Drittaccounts aufgebaut, mit dem alleinigen Ziel, seine Reichweite zu steigern. Die ältesten Hinweise auf Gewinnspiele, die ich Widmer zuordnen kann, gehen zurück bis in den März 2018. Auf dem Repost eines Gewinnspiels ist @woowvisuals markiert, Widmers Zweitaccount.

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https://instagram.com/p/BgBAhLPgmnj/ @woowvisuals

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Damals hatte er auf seinem Hauptaccount noch etwa 40.000 Follower, wie ein Analysetool für Instagram zeigt. Kurz darauf waren es dann schon rund 65.000 Abonnenten, wie es in dem bereits erwähnten Artikel heißt.

(Bild: Screenshot Hypeauditor)

Das bestätigt auch die Kurve des Analysetools. Bis zum März 2018 ist dort ein langsames, aber stetiges Wachstum zu erkennen. Erst dann macht die Kurve immer wieder Sprünge, im Juni 2018 gewinnt Widmer innerhalb weniger Tage Zehntausende Follower und überspringt die magische Hürde der 100.000 Follower.

Kurz darauf nimmt Widmer als Influencer ordentlich an Fahrt auf: Neun Bilder aus dem Juli 2018 sind heute auf seinem Account zu sehen, sechs davon sind Werbung: Anzeigen für ein Handy, Limonade und eine Bergbahn. Allein dafür dürfte Widmer mehrere Tausend Euro erhalten haben.

Bereits nach meiner Anfrage zu Widmers Rolle bei @fjallraveninfluencer verschwindet das erste Gewinnspiel-Posting.

Es ist der aktuellste Post von @woowvisuals: Der Account, den man am schnellsten mit dem Influencer in Verbindung bringen kann. Damit konfrontiere ich Widmer, ebenso mit den weiteren Gewinnspielen, die ich bei meiner Recherche gefunden habe. Ich frage ihn, war er zu meinem Verdacht sagt, Tausende Nutzer mit falschen Versprechungen auf seine Accounts zu locken.

Seine Antwort ist so kurz, wie sie eindeutig ist: Zu den Anschuldigungen könne er mir keine Auskunft geben, schreibt Widmer.

Gleichzeitig verschwinden die Gewinnspiele von Instagram, zwei Accounts werden ganz deaktiviert.

Fakt ist: Widmer hat als Influencer in der Vergangenheit mehrfach Geld verdient. Zwölf gesponserte Posts finden sich auf seinem Hauptprofil, der Schweizer Lokalzeitung erzählte er darüber hinaus, dass eine Bali-Reise von einer Partnerschaft unterstützt gewesen sei, somit die Reise auch "so gut wie finanziert" sei. 

Ohne Widmers mutmaßliches Vorgehen wäre das alles so wahrscheinlich nicht möglich gewesen. 

Aber sind solche Fake-Gewinnspiele überhaupt legal?

Die offiziellen Richtlinien zu Gewinnspielen bei Instagram nehmen den Veranstalter in die Pflicht, sich um den "ordnungsgemäßen Ablauf" des Gewinnspiels zu kümmern. Darüber hinaus muss darauf hingewiesen werden, dass das Gewinnspiel in keiner Verbindung zu Instagram steht – bei den meisten der mit Widmer in Verbindung zu bringenden Gewinnspiele wurde darauf geachtet.

Allerdings müssen auch bei Online-Gewinnspielen Gesetze beachtet werden. In der Schweiz regelt dies unter anderem das Bundesgesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG). Demnach müssten die Teilnahmebedingungen auch beinhalten, wer das Gewinnspiel durchführt – ein Name wird bei den Aktionen jedoch nicht genannt. Auch irreführende Angaben sind laut dem UWG nicht erlaubt (Steiger Legal) – Gewinnspiele ohne einen existierenden Gewinn sind also wettbewerbswidrig.

Allerdings: Auch wenn man schwer an einen Zufall glauben kann, es ist nicht bewiesen, dass Widmer hinter den Fake-Gewinnspielen steckt

Ich will wissen, was betroffene Unternehmen zu seinem mutmaßlichen Vorgehen zu sagen haben und konfrontiere den Limonadenhersteller Sinalco mit meinen Erkenntnissen. Für Sinalco Schweiz warb Widmer im Juli 2018 gleich zweimal, seine Abonnentenzahl lag damals laut Instagram-Analysetool bei etwa 120.000. 

Beim Schweizer Sinalco-Mutterkonzern Ramseier bestätigt man mir, dass es im vergangenen Sommer eine Zusammenarbeit mit elf Influencern gegeben habe, darunter auch Widmer. Eine beauftragte Agentur habe die Influencer vorgeschlagen und geprüft. Auf irreführende Gewinnspiele sei man nicht aufmerksam gemacht worden – man werde die Thematik aber mit der betroffenen Agentur besprechen, erklärte Marketingleiter Jürg Emmenegger.

Die Konkurrenz unter Instagrammerinnen und Instagrammern, die auf der Plattform Geld verdienen wollen, ist groß. Deshalb greifen viele von ihnen zu Tricks: Sie kaufen Follower und Likes, nutzen Bots oder kreieren Gewinnspiele, bei denen es ganz offensichtlich nichts zu gewinnen gibt. Dabei überschreiten sie mitunter auch die Grenzen der Legalität – und werfen ein schlechtes Licht auf Influencer, die es erst mit harter Arbeit zu großer Reichweite geschafft haben.


Sport

Rassismus in der Fankurve - was ich als Fußballfan dagegen tun kann
Phil ist bei jedem Heimspiel dabei - und hört manchmal rassistische Beleidigungen.

Seit mittlerweile elf Jahren stehe ich alle zwei Wochen zusammen mit meinem Vater in Dortmund, im größten Fußballstadion Deutschlands. Ich liebe es. Die Stimmung, den Geruch von Rasen, Bier und Bratwurst, all die Menschen, die nur aus einem Grund hier sind: Um ihre Mannschaft zu unterstützen. Hier singt der Rechtsanwalt mit dem Arbeitslosen, der Manager mit der Gärtnerin. 

Für mich ist es ein Stück zu Hause. Ich kenne alle Leute neben, vor und hinter mir. Den Ordner am Blockaufgang begrüße ich mit Handschlag. Der Autor Frank Goosen erklärte einmal auf die Frage, warum er nach all den Jahren noch immer ins Stadion geht: "Weil der Platz die Birne frei macht." Selten habe ich einem Satz so zugestimmt. 

Es gibt nicht viele Orte, an denen man seine Emotionen so frei herauslassen kann, wie im Fußballstadion. Genau das macht die Stimmung so besonders – aber manchmal auch so gefährlich.

Dass manche Fußballclubs ein Problem mit gewaltbereiten Fans haben, ist bekannt. Dass manche davon auch politisch motiviert sind, ebenfalls. Besonders deutlich wurde das am Wochenende, als der Chemnitzer FC vor seinem Regionalliga-Spiel gegen Altglienicke einem verstorbenen, stadtbekannten Neonazi und Chemnitz-Hooligan gedacht. Ganz offiziell, mit Bild auf den Stadionleinwänden, Schweigeminute und Pyroshow. Eine Schande für den deutschen Fußball. 

Natürlich war mein erster Gedanke "Wie kann es sein, dass ein Verein offiziell einem Neonazi huldigt?"

Aber der nächste war auch: 

Was machst du eigentlich gegen Rassismus um dich herum, in "deinem" Stadion? 

Denn auch Borussia Dortmund gehört in die traurige Liste der Fußballvereine, die ein Neonazi-Problem im Fanblock haben. 

Der Vorsitzende des Netzwerks Sport und Politik, Gunter Pilz, erklärt, in Städten wie Dortmund, Leipzig, Cottbus, Dresden und eben Chemnitz hätten sich Hooligangruppen mit Kontakten in die Kampfsportszene in der Fankultur angesiedelt. 

Ihm stimmt auch der Fanforscher Robert Claus von der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport (Kofas) zu: