Wenn es um das nächste große Ding in Sachen Smartphones geht, denken die meisten Menschen visuell. Sie denken an Virtual Reality oder Augmented Reality. Aber man muss sich nicht unbedingt ein Handy vors Gesicht schnallen. Es reicht schon, sich seine Ohrhörer reinzustecken und die kostenlose App Hear herunterzuladen.

Die meisten Musik-Apps streamen uns unsere Lieblingskünstler oder Shows. Hear ist anders: Die App von RjDj, einem Start-Up von last.fm Mitgründer Michael Breidenbruecker, verwandelt die Umgebung des Benutzers in eine sich ständig verändernde Soundlandschaft, die in Echtzeit von der Welt um ihn herum komponiert wird.

Sie ist Teil eines vollkommen neuen Musik-Genres von RjDj, das sich "Reactive Music" nennt. Es ist ein Sound, der auf den Hörer und seine Umwelt reagiert. Hear ist das neuste Destillat dieses Konzepts. Eine Weiterentwicklung der RjDj-App von 2009, die Usern schon damals eine Art hörbare Halluzinogen-Erfahrung bot.

Die App bietet acht Filter, durch die man die Welt hören kann. Es ist wie Instagram mit Kopfhörer-Buchse statt Kamera-Linse. Jeder der Filter ermöglicht es einem, die Welt durch andere Ohren zu Hören. Sie heben jeweils andere Töne heraus und verändern so die Wahrnehmung dessen, was um einen herum passiert.

Wenn Breidenbruecker die Filter beschreibt, vergleicht er die Art und Weise, wie sie Geräusche einfangen und umformen, in einer Sprache, die man ansonsten vielleicht verwenden würde, um einen speziellen Song zu beschreiben.

"Geräusche und Lärm lenken ab oder lösen Stress aus, wenn sie nicht Teil einer gewohnten Klang-Struktur sind, oder man nicht weiß, woher sie kommen. Unser Gehirn interpretiert sie dann als Gefahr", erklärt er. "Stell dir einen Drum Break vor, ohne Song vorher oder danach. Das wäre schrecklich. Aber als Teil eines Songs ist der Break harmonisch eingebunden und wird als etwas wahrgenommen, das alles andere ist als schrecklich."

Breidenbruecker stellt vor allem zwei Filter als Beispiele heraus, um zu zeigen, was Hear kann: Relax und Super Hearing. Was sie mit Relax machen, sagt er, sei es "akustische Ablenkungen zu harmonisieren und sie zum Teil von etwas Größerem werden zu lassen, als es das Gehirn schon weiß."

Der Filter speist Sounds durch das Mikrofon und verwandelt die Geräusche in beruhigende, harmonische Akkorde. Für das Gehirn stechen die Filter-Sounds nicht heraus. Sie vermischen sich mit der natürlichen Klangkulisse. Der Effekt bei Super Hearing ist fast das genaue Gegenteil. "Wir präsentieren dem Gehirn die Umgebungsgeräusche als unbekannte und neue Struktur, mit dem Effekt dass das Gehirn ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkt", erklärt Breidenbruecker. Der Filter fokussiert das Gehirn auf Stör-Sounds und schenkt so den Anschein eines besonders sensiblen Gehörs.

Hear nutzt adaptive Kompressions- und Equalizertechnologien sowie eine dynamische Steuerung. Breidenbruecker sagt, die größte Herausforderung sei es aber nicht unbedingt gewesen, die Technologie zu entwickeln, sondern sie auf ungeeigneten Geräten zum Laufen zu bringen.

"Der schwierige Teil ist es, hinzubekommen, dass es auch mit einem richtig miesen Mikrofon funktioniert", sagt er und meint das Apple-Kabelmikro. Als Breidenbruecker und sein Team aber dann mit dem arbeiteten, was sie eben hatten, waren sie von den Ergebnisse überrascht.

Es ist eine Erfahrung, die oft mit einem Drogentrip verglichen wird. Das klingt nur so lange lächerlich, bis die Kopfhörer bizarre Echos und Klänge erzeugen – und man sich plötzlich leiser bewegt, leiser spricht, nur um die Effekte besser hören zu können. Jedes Knarzen des Bodens, jede Fußbewegung wird eine neue Erfahrung.

Manche Filter sind besser als andere. Hear funktioniert auch gut mit laufender Musik. Oft fadet der Sound der App dann in den Song und man vergisst fast, dass er überhaupt da ist. Bis das Mikro irgendeinen unerwarteten Sound einfängt und plötzlich ein unbeschreibliches Sound-Gewitter aufzieht. Andere Filter sind echt nervenraubend, und verbreiten Paranoia über die produzierten Sounds und ihren Ursprung.

Der Vergleich zu Drogen sei naheliegend, sagt Breidenbruecker, aber dennoch begrüße er ihn. "Wenn die Leute ihre Erfahrungen mit Hear beschreiben und es mit Psychodelika vergleichen, bedeutet das für mich eigentlich, dass es funktioniert", sagt er.

Schon jetzt ist Hear eine faszinierende, traumartige Erfahrung. Breidenbruecker und sein Team sehen ihre App aber vor allem als Baustein auf dem Weg zu einer fesselnden, völlig neuen Audio-Erfahrung.

Dieser Beitrag von AJ Dellinger ist zuerst auf The Daily Dot erschienen. Übersetzung: Dennis Mehmet. Kopfhörer-Icon von Calvin Goodman


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