"Wir haben derzeit keinen guten Ruf" – korrekt.

Mark Zuckerberg will es noch einmal versuchen: Im 15. Jahr nach der Gründung von Facebook soll jetzt wirklich alles anders werden. Es klingt wie die letzte Hoffnung in einer langen On-Off-Beziehung: Nie wieder flunkern, nie wieder die Privatssphäre verletzen und ab jetzt immer richtig gut zuhören. 

So lässt sich ungefähr zusammenfassen, was der einst jüngste Milliardär der Welt am Mittwoch mit rekordverdächtigen 19.500 Zeichen als – natürlich – Facebook-Posting aufgeschrieben und veröffentlicht hat (hier nachzulesen).

Gleich zu Beginn steht, was ohnehin schon alle über Facebook wissen:

„Wir haben derzeit keinen guten Ruf, wenn es um den Aufbau von Diensten geht, die die Privatsphäre schützen.“
Mark Zuckerberg über Facebook

Danach erklärt Mark Zuckerberg, wie in Zukunft bei Facebook, Whatsapp und Instagram alles besser werden soll:

  1. Wer seine Daten löschen will, soll das in Zukunft zuverlässig und einfach machen können
  2. Private Nachrichten sollen bald überall von Ende zu Ende verschlüsselt werden
  3. Facebook will nicht mehr mitlesen, was Menschen sich schreiben
  4. In Zukunft soll es auch außerhalb von Instagram-Stories möglich sein, selbstlöschende Inhalte zu veröffentlichen
  5. Facebook will "von Anfang an" weniger persönliche Daten über die Nutzer einsammeln
  6. Nutzer-Daten sollen nur noch in Ländern gespeichert werden, in denen sie sicher und geschützt sind – auch wenn das Unternehmen deshalb Probleme bekommt

Es klingt wie der große Schlussstrich von jemandem, der ein paar schmutzige Affären hatte und erwischt wurde: Ab morgen wird alles anders! Wir können es besser, ich glaube immer noch an uns!

Nur: Warum sollte irgendjemand Facebook und insbesondere Mark Zuckerberg noch glauben?

Selbst im Silicion Valley waren Beobachter viele überrascht. Warum sollte der Werbe-Gigant Facebook plötzlich aufs Datensammeln verzichten

Einer, der das gut wissen könnte, ist Alex Stamos. Der ehemalige Sicherheitschef von Facebook. Ausgerechnet. Im vergangenen Jahr verließ er das Unternehmen im Streit. Er steht nicht in Verdacht, noch besonders romantisch an die Zeit mit Mark Zuckberg zurückzudenken.  

Doch anders als viele andere Kritiker nimmt er seinem ehemaligen Chef den Strategieschwenk ab: Weil es tatsächlich auch für Facebook sehr sinnvoll sein könnte, mehr Daten zu verschlüsseln und private Nachrichten zu löschen.

Der vielleicht prominenteste Facebook-Kritiker der Welt vergleicht die neue Strategie von Mark Zuckerberg mit einem Judo-Wurf

Stamos meint:

„Bislang bekommt Facebook sowohl dafür Ärger, dass es die Privatsphäre von Menschen verletzt, als auch dafür, dass es sie nicht genügend kontrolliert.“
Alex Stamos, ehem. Facebook-Sicherheitschef

Er sagt deshalb über die angekündigte Neuausrichtung halb bewundernd, halb warnend: "Das ist der Judo-Move: In einer Welt, in der alles verschlüsselt ist und nach kurzer Zeit wieder verschwindet, werden viele Skandale für die Medien unsichtbar bleiben."

Anders gesagt:

Es geht wirklich um Datenschutz, aber als Ausrede, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen

Jeden Tag loggen sich zwei Milliarden Menschen weltweit bei Instagram, Whatsapp oder Facebook ein. Bislang scheitert Facebook oft katastrophal, wenn es darum geht, für sie alle Verantwortung zu übernehmen. 

In Myanmar wurde jahrelang auf Facebook und Whatsapp gegen die muslimische Minderheit der Rohingya gehetzt. Das Unternehmen wusste offenbar davon, doch nichts geschah. Sätze wie "Wir müssen gegen die Rohingya vorgehen, wie Hitler gegen die Juden" blieben mehrere Jahre lang unangetastet auf der Seite stehen. Im Herbst 2017 wurde aus Hass Gewalt: 700.000 Menschen mussten fliehen. Die UNO sprach von "ethnischen Säuberungen". Viele davon waren lange zuvor auf Facebook angekündigt worden. (SPIEGEL)

Es ist ein besonderes drastisches Beispiel, doch auch in westlichen Ländern wird spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 immer kritischer über den Einfluss von Facebook diskutiert. Bis heute ist nicht geklärt, wie sehr die Wahl möglicherweise über das soziale Netzwerk manipuliert wurde.

Würden in Zukunft die Nutzer nur noch privat und verschlüsselt kommunizieren, könnte sich Facebook geschickt herausreden: Wir können selbst nicht lesen, was hier geschrieben wird. Sorry, Datenschutz ist wichtiger. 

Das ist nicht verkehrt. Privatsphäre und Überwachung gehen eben tatsächlich oft nicht zusammen. Und zumindest an den Knotenpunkten verspricht Facebook, zukünftig noch besser auf Unregelmäßigkeiten zu achten.

Es klingt aber auch, als würde Facebook in manchen Ländern einfach nur noch auf den Rauswurf warten. Wenn Mark Zuckerberg schreibt, er wolle Daten "nur noch in sicheren Ländern" speichern, klingt das schon fast wie ein Versprechen, niemals in China aktiv zu werden. Und auf die 18 Millionen Nutzer in Myanmar vielleicht einfach zu verzichten, anstatt sie mit 60 Mitarbeitern kontrollieren zu wollen.

Um das große "Wir ändern uns"-Versprechen an seine weltweiten Kunden umzusetzen, wird Mark Zuckerberg aber ohnehin noch einige Zeit brauchen. Bislang gibt es nur vage Pläne, wie Facebook auch mit weniger Daten immer noch Geld verdienen könnte (zum Beispiel mit Messenger-Bezahldiensten, wie es sie in China bereits gibt).

In seinem langen Posting schreibt Mark Zuckerberg, vielleicht im kommenden Jahr oder später mit der Umstellung anfangen zu können. Erst einmal wolle man jetzt mit Experten über alles reden

Es klingt fast, als würde er vielleicht noch ein paar Mal lange Briefe an uns alle schreiben, bevor es wirklich soweit ist. 


Future

Bewerbung ohne Anschreiben? Für deine Job-Chancen ist das gar nicht so gut
Ciao, Anschreiben? Ein Karrierecoach erklärt, warum das keine gute Idee ist

Wer schon einmal eine Bewerbung abgeschickt hat, erinnert sich wahrscheinlich eher ungern an das Verfassen des Anschreibens. Der Einstieg, die Floskeln und die 0815-Stärken, die man darin unterbringt, bereiten mehr Kopfschmerzen als der Kater nach einer richtig guten Party.

Um potenziellen Azubis und dualen Studentinnen und Studenten den Bewerbungsprozess zu erleichtern, kündigte die Deutsche Bahn im Juni vergangenen Jahres an, auf das Anschreiben verzichten zu wollen. "Wir wollen es den Bewerbern so leicht wie möglich machen", sagte Personalerin Carola Hennemann damals (bento). 

Im Herbst setzte das Unternehmen das Vorhaben um. Vor einigen Tagen meldete es dann einen Zuwachs von etwa zehn Prozent bei den Bewerbungen (Handelsblatt). Die Bahn hatte offenbar Erfolg mit ihrer Strategie. Aber warum? Und ist das jetzt die Bewerbung der Zukunft?

Ist das Anschreiben mittlerweile einfach unwichtig oder sind junge Menschen nur schlecht darin, eines zu verfassen? 

bento hat mit Karriere- und Business-Coach Bernd Slaghuis darüber gesprochen.