Bild: Screenshot Youtube/bento
Doch es gibt noch Hoffnung.

1,9 Sekunden lang tanzt Khalid fröhlich-verträumt mit seinen Armen auf dem Pausenhof. Dann beginnt eines der beliebtesten GIFs des vergangenen Jahres wieder von vorn. Es sind fast zwei Sekunden, die laut Giphy bislang mehr als 234 Millionen Mal weltweit abgespielt wurden. Mindestens. Wie oft hintereinander der Tanz des 22-jährigen R&B-Sängers bislang wirklich angeschaut wurde, weiß niemand.

GIFs waren einmal Internet-Strandgut

Schon allein, dass die Aufrufzahlen eines GIFs überhaupt gezählt werden, wäre vor wenigen Jahren wohl noch undenkbar gewesen. Die verpixelten Animationen waren lange Zeit so etwas wie Internet-Strandgut, Ausdruck einer oft nischigen Netzkultur und nicht selten das Ergebnis einsamer Bastelstunden vor YouTube - lange bevor wir das Coronavirus kannten. 

GIFs funktionieren ohne Ton, oft ohne Text – und praktisch auf jedem Gerät, das einen Bildschirm hat und ein paar verwackelte Bilder darstellen kann.

Inzwischen ist daraus ein Millionen-Dollar-Geschäft geworden. In dieser Woche kündigte Facebook an, die GIF-Suchmaschine Giphy aufzukaufen. Für 400 Millionen Dollar, heißt es (SPIEGEL). Bereits heute finden sich die Bilder, die auf Giphy gesammelt sind, über zahlreiche Daten-Pipelines verknüpft auch in Messengern und auf Social-Media-Plattformen. Auch wer auf der Arbeit mit Slack ein lustiges GIF verschickt, tut es meist mithilfe von Giphy. 

Giphy dürfte bald instagrammisiert werden

Jetzt soll das Unternehmen Teil der Facebook-Tochter Instagram werden – und die bisherigen Partnerschaften und Vermarktungsmöglichkeiten weiter pflegen, wie es heißt. Giphy dürfte damit absehbar instagrammisiert werden. Vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es die ersten GIFs mit Werbeunterbrechungen oder Live-Angebote gibt. 

Das "Homer Simpson Backs Into the Bushes"-Meme stammt ursprünglich aus einer Simpsons-Folge, die bereits 1994 erschien. 2010 tauchte es als GIF auf – und wurde später in der Serie aufgegriffen.

(Bild: Screenshot Giphy/bento)

Verifizierte Profile mit blauem Haken und bezahlte GIFs gibt es bereits heute. Obwohl .gif eigentlich nur ein Bildformat wie .jpeg oder .png ist, hat Giphy es geschafft, weitestgehend die Deutungshoheit darüber zu erobern. Giphy und GIFs, das ist heute wie Texte schreiben und Microsoft Word in den Nullerjahren. Natürlich ginge es auch anders, aber wer macht das schon?

Die beliebtesten GIFs 2019 kamen von TV-Sendern und Werbeagenturen

Giphy funktioniert seit Jahren wie ein Staubsauger für Netzkultur. Was früher halblegal aus Musikvideos geschnipselt wurde, kommt heute oft direkt aus Werbeagenturen und Medienunternehmen. Auch das Khalid-GIF, das 2019 so beliebt war, stammt vom offiziellen Giphy-Account des Künstlers.

Statt ihr Copyright mühsam gegen anonyme Teenager zu verteidigen, versorgen Konzerne wie Netflix oder Disney das Internet längst selbst mit gut teilbaren GIF-Schnipseln und steuern somit, wohin die Aufmerksamkeit wandert. Was einst wie Sticker gesammelt und auf Tumblr an Freunde weitergereicht wurde, steht heute wie die Postkarten auf der Kneipentoilette leicht zugänglich allen zur Verfügung. Bereits 2016 sorgte 20th Century Fox dafür, dass auf Giphy animierte GIFs aus allen 593 bis dahin erschienen Simpsons-Folgen veröffentlicht wurden (Wired).

Auch das berühmte Meme, das Homer Simpson rückwärts in einer Hecke verschwindend zeigt und bereits seit 2010 im Internet kursierte, steht seitdem in einer offziell genehmigten Version mit Lizenzvereinbarung bei Giphy. Inzwischen ist das GIF sogar selbst Teil der Serie geworden. (Vulture)

Schon vor Jahren kündigte Giphy an, Sportevents und Musikpreis-Übertragungen künftig mit "Live-GIFs" begleiten zu wollen. Inzwischen kümmert sich ein zweistelliges Team von Mitarbeitern darum, die passenden Bildern ins Netz zu bringen (Digiday). 

GIFs sind heute ein Medium, das global funktioniert und doch meist recht harmlos bleibt. Die bunten Bilder appellieren ein bisschen an die Nostalgie und sehr viel an den Konsenshumor. Mit GIFs bitten heute Telefonanbieter und Verkehrsbetriebe schmunzelnd um Verzeihung, wenns mal nicht so rund läuft. 

Giphy ist Facebooks Periskop in fremde Apps

Für Werbetreibende ist das GIF-Format eigentlich der Horror – eben, weil es eigentlich nur ein billiges Bildfomat ist. Wer will, kann die Dateien beliebig herunterladen, bearbeiten und ohne größere Spuren weiterverbreiten. Doch über die bequemen Schnittstellen in zahlreichen Apps wie Instagram, Telegram oder Whatsapp lässt sich für Giphy bereits heute nachvollziehen, mit welchen Stichworten und wie oft GIFs gesucht und heruntergeladen werden. Dafür, und nicht unbedingt für den Erhalt von Internetkultur, dürfte Facebook 400 Millionen Dollar bezahlt haben.

Screenshot eines GIFs zum Song "This Is What You Came For" von Rihanna und Calvin Harris.

(Bild: Screenshot Giphy/bento)

Über Giphy könnte der Internetkonzern künftig wie durch ein Periskop nachvollziehen, wozu Menschen in privaten Gesprächen das passende GIF suchen – und wie viel in den Apps von Konkurrenten wie Twitter, Reddit oder Snapchat, die Giphy ebenfalls nutzen, wirklich los ist. Vorsorglich hat Facebook bereits angekündigt, die Zusammenarbeit unverändert zu lassen. Doch ob Mitbewerber und Kartellbehörden das auch wollen, ist noch völlig unklar. (Wired)

Gute Ideen verschwinden auch nicht, wenn Marc Zuckerberg anrückt

Für den mit Smartphones ausgestatteten Teil der Menschheit heißt der Giphy-Deal, dass es wohl nicht mehr viel gibt, das Marc Zuckerberg nicht mittelfristig ruinieren könnte. Seit Jahren zieht sein Unternehmen wie Graf Zahl durchs Datendickicht des Internets, um immer neue Ergänzungen für das namensgebende Kerngeschäft zu finden, das in den vergangenen Jahren vor allem durch unangenehme Dinge (Rassismus, Wahlmanipulationen, "Hallo $ü߀r"-Anfragen) und stagnierende Nutzerzahlen auffiel.

Hoffnung für das GIF gibt es dennoch. Das sogenannte "Rieplsche Gesetz" besagte bereits vor gut Hundert Jahren, dass einmal aufgekommene Medien irgendwie immer weiterbestehen, selbst wenn sie an den Rand gedrängt werden. Die Kassette überlebte die CD, die Zeitung wird wohl auch in zwanzig Jahren noch zum Tapezieren gebraucht. Gut möglich deshalb, dass unsere alten handgemachten GIFs irgendwann auch noch durchs Netz rauschen, wenn Khalid längst nicht mehr auf Giphy tanzt.  


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