YouTuber, Instagrammer – und zuletzt Snapchatter sind in den vergangenen Jahren zu Stars geworden, zu ihren eigenen Chefs und Mini-Medienunternehmen. Sie haben Follower-Zahlen, um die sie selbst etablierte Medienunternehmen beneiden. Und das alles nur mit kunstvoll inszenierten Avocados, mit belanglosen Facebook-Postings und schräg von oben fotografierten Selfies im Badezimmer?

Ist es tatsächlich so einfach, zur Person of Internet zu avancieren und wie wichtig ist Authentizität – darüber sprachen Mirko Drotschmann (@MrWissen2Go), Duygu Gezen (@duygugzn) und Manniac (@manniac) mit Christoph Krachten (@Krachten) bei der re:publica in Berlin.

Bleibt die Authentizität dabei nicht zwangsläufig auf der Strecke?
Mirko Drotschmann (MrWissen2Go, Reporter bei ZDF) über YouTube

Auf seinem YouTube-Kanal "MrWissen2Go" hat Mirko Drotschmann mittlerweile mehr als 350.000 Abonnenten. Angefangen hat er vor drei Jahren mit simplen Nachhilfe-Videos, mittlerweile möchte er lieber keine Fragen mehr zu Hausaufgaben und Prüfungsangst beantworten. Auch, weil die Anfragen seine Kapazitäten als Medienschaffender übersteigen.

Woher kommen die ganzen Hipster, was ist das Freihandelsabkommen und wie funktioniert die Börse? Diese Fragen beantwortet Mirko – wie er selbst sagt – verständlicher als "jede Dokumentation im Fernsehen". Zugegeben, mit den Jahren wurden seine Videos immer professioneller. Aber was macht das mit Mirko? Schafft er es, sich treu zu bleiben?

"Ich versuche eine authentische Sprache zu benutzen; also so zu sprechen, wie ich es sonst auch tun würde. Menschen mögen es, wenn etwas echt wirkt. Trotzdem: Videos plane ich für zwei, drei Wochen vor – dadurch habe ich eine gewisse Sicherheit und weiß, dass ich bereits das Arbeitspensum für die nächsten Wochen erledigt habe. Ich möchte geistreiche Inhalte produzieren. Letzte Woche habe ich ein Video zum Thema Depression online gestellt, das seither 5000 Suchergebnisse erzielt hat. Ein Live-Stream von der re:publica Veranstaltung ist für Leute, die sich für meine Videos zur Weimarer-Republik interessieren, eher lame."
Duygu Gezen (Social Media Volontärin bei ARD) über Snapchat

Duygu ist Deutschlands erste Social Media Volontärin und bekennender Snapchat-Junkie. Snapchat macht sie nur für sich selbst: "Es ist mir scheißegal, wer sich das ansieht", sagt sie. "Snapchat zwingt dich dazu, authentisch zu sein, weil du die Smartphone Kamera und die App benutzen musst. Du kannst die Videos nicht vorher auf dem Computer bearbeiten. Somit hält die App eine gewisse Grundauthentizität inne."

Trotzdem: Es soll YouTuber geben, die sich ihre Schlafzimmeratmosphäre im Studio eingerichtet haben.

"Natürlich kann man gewisse Dinge vorspielen oder manipulieren. Man kann zum Beispiel so tun, als ob man etwas spontan geschafft hat, dabei hat man eigentlich 30 Versuche gebraucht. Ich selbst folge am liebsten Menschen, die zumindest so tun, als seien sie echt."
Manniac (YouTuber) über Instagram

Mit mehr als 270.000 Abonnenten gehört Manniac zu den meistabonnierten YouTubern in Deutschland. Bei Twitter hat er 62.000 Twitter-Follower und auf Instagram (@manniacmind) postet er vorwiegend Reisefotos. Das war nicht immer so.

In der Fotostrecke: Manniac bei Instagram
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"Ich habe zu Beginn sehr viele persönliche Bilder gepostet. Später habe ich gemerkt, dass genau diese Fotos woanders besser aufgehoben sind. Für die Fotos, die ich heute auf Instagram poste, möchte ich mir Zeit nehmen. Die Fotos müssen gut bearbeitet sein und prinzipiell eine hohe Qualität aufweisen. Ich habe gemerkt, dass die Menschen bei Fotos mit schlechter Qualität weiterscrollen. Ich schreibe mittlerweile auch auf Englisch, weil ich so mehr Menschen erreiche. Englisch ist die Sprache auf Instagram. Das hat meine deutschsprachigen Follower am Anfang gestört. Mittlerweile möchte ich mit meinen Fotos auch eine politische Ebene betreten, letztes Jahr war zum Beispiel ich in Fukushima, um mir die Auswirkungen der Atomkatastrophe anzusehen."
Nur für den Klick, für den Augenblick

Was auffällt: Die tatsächliche Lebensrealität der drei Young Professionals spielt sich nur bedingt auf den öffentlichen Kanälen ab. Die Darstellung und Inszenierung des Lebens geschieht auf einer hochprofessionalisierten Ebene, die durchaus authentische Züge aufweisen kann. Trotzdem: Hinter dem Erfolg steckt nicht nur Strategie – sondern vor allem viel Arbeit. Mit pubertären Grimassen im elterlichen Wohnzimmer hat das nichts mehr zu tun, die Stars von heute haben aus ihrer Internetsozialisation gelernt.

Emotionsgeladene, intime Momente sind hochwertigen Fotografien und aufwändig produzierten Videos gewichen. Die Phrase, seinen "Instagram Feed sauber zu halten" ist mittlerweile nicht nur Social Media Managern ein Begriff. Wichtig sind hochwertige Inhalte, Qualität macht sich langfristig bezahlt.

Die Medienkompetenz ist Mirko, Duygu und Manniac auf jeden Fall anzumerken. Selbst dann, wenn sie vorgeben, nur sie selbst zu sein.


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