Bild: Marianna Deinyan

Thomas trägt jetzt Chip. Nicht einmal zwei Minuten muss der 25-jährige Student aus Konstanz aushalten, bis der Chip zwischen Daumen und Zeigefinger unter seiner Haut sitzt. Schmerz verspürt man bei der Prozedur nicht, sagt Sebastian. „Es fühlt sich so an, als würde dich jemand kneifen“. Kurz nach dem Mini-Eingriff spürt Thomas unter dem dicken Pflaster ein leichtes Druckgefühl. Er wird etwas Bleibendes aus Düsseldorf mitbringen, von seinem Besuch auf der weltweit ersten Cyborg-Messe: Er ist selbst jetzt ein Cyborg.

Très Chip: Thomas Schumann lässt sich einen Chip einpflanzen.(Bild: Marianna Deinyan)

Cyborgs sind Menschen, die ihren Körper mithilfe von technischen Gadgets modifizieren, das heißt in irgendeiner Art und Weise die Fähigkeiten ihres Körpers erweitern. Dazu zählen im Grunde genommen auch Patienten mit Bein-Prothesen oder Herzschrittmachern, oder aber Träger von Cochlear-Implantaten, wie Enno Park.

Park ist gehörlos, kann aber durch das Implantat – ein vollständig künstliches Gehör – wieder hören. „Wenn man das bekommt, gibt es den Standard-Witz: ‚Haha, dann bist du ja jetzt ein Cyborg‘. Diesen Witz habe ich relativ ernst genommen und mich sehr intensiv mit diesem ganzen Thema beschäftigt, weil auch jenseits des medizinischen Bereichs, die Symbiose, die wir mit Technik eingehen, immer enger wird.“

Enno Park ist Mitbegründer des Cyborgs e.V., eines Vereins, die Verschmelzung von Mensch und Technik fördern und kritisch begleiten will.(Bild: Marianna Deinyan)

Die Allgemeinheit versteht unter Cyborg jedoch Menschen, die sich Elektro-Chips einpflanzen lassen. Wie Thomas Schumann. Die Chips werden mithilfe einer Kanüle unter die Haut gespritzt. In der Regel machen das Body-Modifications-Artists (BodMod-Artists), also Künstler, die beispielsweise ihren Kunden Elfenohren machen oder Cutting und Branding - das künstlerische Schneiden und Brennen von Narben in die Haut - anbieten.

Bevor die Kanüle durch die Haut gestochen wird, kneift Thomas‘ BodMod-Artist ihm noch einmal kräftig in die Haut und drückt mit der noch verschlossenen Kanüle dagegen. „Ich bereite dich jetzt ein bisschen auf den Schmerz vor, den du gleich spürst. Wenn du dieses Kneifen gut aushältst, dann wird das Implantieren dir nicht wehtun“, sagt er. Er drückt ein wenig weiter, zieht die Plastik-Kappe von der Kanüle und drückt die dicke Nadel in Thomas‘ Hand.

Durch die Kanüle drückt der BodMod-Artist den elektronischen Chip unter Thomas‘ Haut. (Bild: Marianna Deinyan)

Doch was kann der Chip jetzt überhaupt? Unter anderem: Daten speichern. „Ich könnte beispielsweise meinen WLAN-Schlüssel auf dem Chip speichern und wenn mich jemand besucht, übertrage ich den Schlüssel mithilfe des Chips“, sagt Thomas. Und so gibt es Cyborgs mit implantierten Kopfhörern, Haustürschlüsseln und Kreditkarten.

Android-Handys können mit den NFC-Chips verbunden werden. Die können Daten speichern, die über die Smartphones dann abgerufen werden können. (Bild: Marianna Deinyan)
Shawn Sarver trägt einen NFC-Chip, einen RFID-Chip und einen Fingermagneten.(Bild: Marianna Deinyan)

Thomas hat sich einen NFC-Chip einpflanzen lassen, also eines der neueren Modelle. Diese können mit Android-Handys verbunden werden. Sein BodMod-Artist hat dem Studenten direkt seine Kontaktdaten abgespeichert. „Wenn etwas sein sollte, ist auf deinem Chip nun eingespeichert, wie du mich erreichen kannst“, sagt er.

„Momentan gibt es bei den Chips noch viele Spielereien“, sagt Shawn Sarver von dem US-amerikanischen Biotech-Start-Up „Grindhouse Wetware“. Er selbst trägt einen RFID-Chip, wie er beispielsweise in Mensakarten verwendet wird, einen NFC-Chip und einen Fingermagneten. Auf der Cyborg-Messe stellt er einen Chip vor, der mithilfe eines Magneten kleine LED-Lichter unter der Haut leuchten lässt. Die lassen sich die Mitarbeiter von „Grindhouse Wetware“ auf der Messe dann selbst einpflanzen.

„Die LED-Lichter haben momentan noch keinen wirklich praktischen Sinn", gibt Shawn Sarver zu. "aber wir hoffen durch solche Spielereien mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, um unsere größeren Projekte umsetzen zu können“.
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