Sein Manifest ist ein Waffenschrank an rechten Memes

Kurz, bevor er loszog und mehr als 40 Menschen mit einem Sturmgewehr tötete, hatte der Attentäter von Christchurch noch einen sarkastischen Kulturtipp: "Abonniert PewDiePie!" Dann stieg er aus dem Auto und filmte sich beim Massenmord, übertragen live auf Facebook.

PewDiePie ist ein schwedischer YouTube-Gamer, ein verantwortungs- und geschmackloser Antiheld, irgendwo zwischen fahrlässiger Comedy und Nazi-Witzen, mit Millionen von treuen Fans. Wie ordnet man die Abo-Werbung des Attentäters ein: Ist sie eine falsche Fährte für die Öffentlichkeit, ein Insider-Gruß an eine Internet-Szene oder beides?

(Bild: dpa)

Ungefähr zur gleichen Zeit tauchte ein 74-seitiges Manifest auf. Darin erklären die oder der Täter offenbar ihr Weltbild. Es ist eine Sammlung von Memes, Verschwörungstheorien, Insider-Sprüchen aus der rechten Troll- und Neonazi-Szene und Anspielungen auf weitere Anschläge.

Aktuelle Informationen über den Anschlag

Bei einem Terroranschlag auf zwei Moscheen in der neuseeländischen Hauptstadt Christchurch wurden am Freitag mindestens 49 Menschen mit Schusswaffen getötet. 48 weitere liegen zum Teil schwer verletzt im Krankenhaus. Hintergründe über die Tat sind bislang kaum bekannt. Die Polizei nahm vier Menschen fest, einer von ihnen ist wegen Mordverdachts festgenommen.

Klar ist, dass der oder die Täter Aufmerksamkeit wollten. Die Tat wurde live ins Netz übertragen und zuvor angekündigt. Spuren des mutmaßlichen Schützen führen zu einem Manifest, das kurz vor der Tat veröffentlicht wurde. Was wir aktuell wissen, ist hier zusammengefasst. Der SPIEGEL-Liveticker fasst die Entwicklungen des Tages in einem Newsblog zusammen.

Selbst Journalisten, die aus dieser Szene berichten, warnen vor voreiligen Schlüssen: Das Manifest sei gespickt mit Meta-Humor, Ironie und obskuren Referenzen, so Libby Watson von "Splinter" oder Kevin Roose von der "New York Times". Schwer zu sagen, was davon wie ernst zu nehmen sei.

Titel des Manifests: "The great Replacement" – zu deutsch: "Der große Austausch". Unter demselben Titel erschien 2010 ein Buch des französischen Philosophen Renaud Camus. Darin geht es um die Idee, Europa werde heimlich von muslimischen Migranten unterwandert. 

(Bild: Screenshot)

Auch in Europa ist das eine beliebte Verschwörungstheorie. Das Buch gilt als die Bibel der rechtsradikalen "Identitären Bewegung", in Deutschland erschien es beim Verlag von Götz Kubitschek, der mit AfD-Rechtsaußen Björn Höcke befreundet ist.

Das Manifest selbst ist ein Waffenschrank aus rechten Memes. 

Rechtsextreme Erkennungscodes wie die "Fourteen Words" ("Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für unsere weißen Kinder sichern") stehen neben bizarren Sprüchen wie "Spyro the Dragon 3 taught me Ethno-Nationalism" oder "Fortnite trained me to be a killer. No.".

An einer anderen Stelle zitiert der Autor das "Navy Seal"-Copypasta als vermeintliche Selbstbeschreibung. Das Meme, bei dem immer derselbe Text kopiert wird ("Copypasta"), geistert seit Jahren durchs Netz. Jetzt ist es Teil des mutmaßlichen Bekennerschreibens eines Rechtsterroristen.

Candace Owens, eine schwarze Aktivistin aus den USA, die Donald Trump unterstützt, bezeichnet der Autor sarkastisch als Vorbild – "auch wenn die extremen Handlungen, zu denen sie aufruft, selbst für mich zu viel sind". Es ist eine zynische Sammlung aus Hass und Unsinn, gewachsen in Foren wie 4Chan und radikalen Derivaten wie 8Chan oder Voat. 

Es entstammt einer toxischen Netzkultur. 

Dass sich der mutmaßliche Autor und Attentäter als Teil dieser Szene sah, zeigt sich auch dadurch, wo er das Manifest veröffentlichte und die Tat angekündigte: direkt in der 8chan-Community

Der Satz über der Ankündigung des Attentäters lautete: "It's time to stop shitposting and time to make a real life effort post" – Zeit, mit Sinnlos-Postings aufzuhören und etwas zu verändern. Was er damit meinte, war auf dem automatischen Gewehr im Livestream zu sehen. Auf den Lauf hatte der Täter den zynischen Spruch "Kebab Removal" geschrieben. 

Für die anonyme Community war der angekündigte Terroranschlag jedoch kein Grund zur Sorge,  sondern nur eine Vorlage für neue Memes. Wehrmachtsbilder, Hitler-Memes und Screenshots aus Computerspielen wurden direkt darunter geteilt. Alltag auf der Plattform.

(Bild: Screenshot/Twitter)

Auf 8chan und ähnlichen Plattformen geht es um endlose Provokation. Edgy Humor nennen das viele in der Community, überdecken damit aber nur, dass ihr Sarkasmus sich in Hass auf Minderheiten, auf Muslime, Schwarze, Frauen, LGBT oder Juden erschöpft. 

Die Community spielt damit. Wenn einer der ihren dann tatsächlich zur Tat schreitet, aufgepeitscht und radikalisiert, ist das für viele nur ein weiterer irrer Witz.

Am besten lässt sich das an dem jungen Mann verfolgen, der auch vom mutmaßlichen Attentäter von Christchurch genannt wurde: PewdiePie. Der 29-jährige Schwede wurde mit "Let's Play"-Videos zu einem der weltweit bekanntesten YouTuber, inzwischen macht er aber vor allem mit Provokationen Schlagzeilen. Vor zwei Jahren ließ er zwei Männer für Geld mit einem Schild tanzen, auf dem "Death to all jews" stand. 

Für Rechtsradikale in aller Welt ist er damit zu einem Vorbild geworden. Wenn PewDiePie mit antisemitischen "Witzen" Geld verdienen kann, verschiebt das auch für die Identitären und andere Gruppen die Grenzen des öffentlich Sagbaren. Gibt es Kritik an ihrem Vorgehen, nutzen sie dieselbe Ausrede wie der Youtuber: War doch nur ein Witz, edgy Humor eben.

Mit dieser Masche putscht sich die gesamte Community seit Jahren selbst auf. Junge rechte Aktivisten wie von den Identitären übernehmen ihre Zeichen wiederum begeistert, um sich als Teil dieser immer radikaler werdenden, männlich geprägten Nischenkultur zu inszenieren. Auch in Deutschland ist das Phänomen seit dem Doxing-Skandal im Januar ein Thema (SPIEGEL+).

Internet-Nerds werden zu Rechtsradikalen und Rechtsradikale werden zu Internet-Nerds. Und manche davon werden inzwischen auch zu Attentätern. Das ist offenbar die Erkenntnis von Christchurch.

(Bild: Getty)

Die zahlreichen Anspielungen im Manifest des mutmaßlichen Attentäters wirken wie ein Minenfeld, das gezielt für die breite Öffentlichkeit ausgelegt wurde.

Zitieren Politiker und Medien daraus, ohne die Memes zu verstehen, ist es ein Leichtes für die Community, sich darüber lustig zu machen. Die Anspielungen des Manifest-Autors dürften noch lange für neue, zynische Memes im 8chan-Universium sorgen. Gleichzeitig soll die Ironie verschleiern, wie rassistisch und rechtsradikal der mutmaßliche Täter war.

In einem der Community-Kommentare, unter der Ankündigung des Anschlags im Netz, steht ein Zitat, das aus dem "Style Guide" der rechtsradikalen Plattform "Daily Stormer" stammt: "The unindoctrinated should not be able to tell if we are joking or not." Es könnte auch das Motto des Täters von Christchurch sein.


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