Bild: Enno Park
In Spandex gegen Uploadfilter

Er trägt einen engen Gummianzug, eine schwarze Weste und auffällige, hellblonde Haare. In den Händen: eine Kamera und Flyer. Auf seinem Rücken ein Schild: "Copyright-Riotcop". In diesem Outfit kämpft Gero Nagel, 28, aktuell gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform. Auf der Artikel-13-Demo in Berlin am Wochenende war ihm damit die Aufmerksamkeit vieler Menschen sicher.

Etwa 3500 Menschen zogen am Samstag durch die Hauptstadt, um vor den Folgen der geplanten EU-Urheberrechtsreform zu warnen. Vor allem Artikel 13, der Plattformen wie Youtube und Facebook zwingen soll, Urheberrechtsverletzungen schon vor der Veröffentlichung von Bildern, Videos und Texten zu verhindern, empört viele. 

Sie fürchten, dass die neuen Regeln nicht zu mehr Schutz von Kunstwerken im Internet führen, sondern im Gegenteil die Kunst- und Meinungsfreiheit bedrohen

Wie sollen automatische Filter erkennen, ob ein Video billig und illegal kopiert ist – oder beispielsweise eine Parodie?

Auch Gero ist deshalb gegen die Reform. Er ist in verschiedenen Vereinen für Netzpolitik aktiv, früher war er einmal bei den Piraten. Auf der Demo in Berlin versuchte er als Kunstfigur “Copyright-Riotcop” den Protest gegen Uploadfilter und Artikel 13 kreativ sichtbar zu machen. Und bekam es plötzlich mit der echten Polizei zu tun. Die hatte wenig Verständnis für die Kunstfigur und betrachtete Gero wegen seiner Motorrad-Jacke als Gefahr für die Demo.

"Wie sollen Uploadfilter Kunst erkennen, wenn es nicht einmal die Polizei schafft?" twitterte er danach. Wir haben mit ihm gesprochen – über Technik, Kunst und Freiheit. 

Gero, was war da los? 

Ich habe mich mit Freunde auf der Demo getroffen, als plötzlich ein Polizist auf uns zukam und mich bat, kurz mitzukommen. Er hätte da ein paar Fragen. Wir sind dann zu seinen Kollegen und ich musste meine Personalien angeben. 

Die Beamten waren nett, aber dann hieß es, dass mein Kostüm sogenannte Passivbewaffnung sei. Das ist auf Demos verboten. Deshalb musste ich die Weste ausziehen und abgeben. Außerdem wurde wohl eine Anzeige gegen mich gestellt. Danach durfte ich zurück und nur noch in Spandex weiterlaufen. Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. 

Wieso hattest du eigentlich das Outfit an? 

Der Copyright-Riotcop ist eine Kunstfigur, die meine damalige Theatergruppe vor Jahren für ein Stück erfunden hat. Er sorgt für Ordnung und geht gegen Urheberrechtsverletzungen vor. 

Das Stück spielte eigentlich in einer Dystopie in den Jahren 2042 und 2112, aber ich fand, die Story passt ganz gut zur aktuellen Diskussion um Uploadfilter.

Deshalb war ich damit auf der Artikel-13-Demo unterwegs, habe Schilder fotografiert und Strafzettel verteilt, wenn jemand vermeintlich das Urheberrecht verletzt.

Dass ich aber selbst von der Polizei gestoppt werde, hätte ich nie gedacht. Mein Outfit bestand aus einem Morphsuit und Motorradprotektoren. Unterhalb des Bauchnabels trug ich nur Spandex. Ich glaube nicht, dass die Polizei besonders viel Angst vor mir haben müsste. Natürlich gibt es gewisse Regeln, aber ich hatte es schon mal auf einer Demo an. Damals fanden die Beamten es voll okay. Meine High Heels auf dem CSD sind vermutlich gefährlicher. 

(Bild: dpa)

Was für eine Bedeutung hatte die Aktion für dich? 

Ich glaube, dass viele Menschen es eher beachten, wenn man eine Performance abliefert. Schilder oder Sprüche vergisst man schnell wieder. Deshalb mag ich es, in bestimmte Rollen zu schlüpfen. Das ist mein Input, den ich geben kann. Bei der Diskussion um die geplante Urheberrechtsreform geht es aber auch um ein ganz konkretes Anliegen, das mir wichtig ist. 

Welches denn? 

Dass wir aufpassen müssen, die Kunstfreiheit nicht zu zerstören. Neben meiner künstlerischen Tätigkeit arbeite ich auch in einem KI-Start-up. Ich weiß, dass man vieles automatisieren kann – aber eben nicht alles. Die sogenannten Uploadfilter wären deshalb eine riesige Gefahr. Computer können bekannte Muster wiedererkennen, aber sie verstehen keinen Kontext. Sie können nicht wirklich erkennen,  

Es gibt keine technische Lösung, mit der man das Urheberrecht automatisch durchsetzen und gleichzeitig die Kunstfreiheit schützen kann.

Es wäre schlimm, wenn in Zukunft nur noch das im Internet veröffentlicht werden kann, was ein bestimmtes System vorher freigeschalten hat. 

Glaubst du, ihr könnt die ganze Sache noch stoppen? 

Ich denke, dass auf jeden Fall noch vieles möglich ist. Mir ist klar, dass es durchaus gute Argumente für eine Urheberrechtsreform gibt. Ich denke nur, dass vielen Politikern die Risiken und Probleme noch nicht wirklich bekannt sind. Daran kann man aber ansetzen. 

Für viele Aktivistinnen und Aktivisten sind Europaabgeordnete weit weg. Irgendwo in Brüssel. Dabei ist meine Erfahrung, dass man sie oder ihr Büro oft überraschend gut erreichen kann und sie auch zuhören. Wenn aber 20 oder 30 Leuten bei einem Abgeordneten im Europaparlament anrufen und ruhig sagen, dass sie ein wichtiges Anliegen haben, wirkt das. Die kennen das gar nicht. Deshalb würde ich weniger meckern und mehr machen. Wir können noch etwas erreichen, davon bin ich überzeigt. 


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Hier sind sie.

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