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Es sind noch Gerüchte, aber viele sind schon jetzt wütend.

Seit etlichen Wochen wird spekuliert, dass Apple bei der nächsten iPhone-Generation womöglich auf die Kopfhörerbuchse verzichten könnte. Seit einigen Tagen verdichten sich diese Gerüchte nun. Mehreren Techblogs zufolge haben verschiedene Quellen aus Herstellerkreisen die Gerüchte bestätigt, natürlich anonym.

Einen Grund für den Verzicht auf eine Kopfhörerbuchse erkennt man sofort, wenn man sich die Unterseite eines aktuelles iPhones anschaut: Solange die 3,5-Millimeter große Buchse im Gehäuse steckt, kann man das Handy nicht noch dünner machen. Nebenbei hätte man damit eine Öffnung weniger zu stopfen, sollte Apple versuchen, das neue iPhone wasserdicht zu machen.

Es gäbe also durchaus Vorteile. Für viele Apple-Kunden würde es aber auch bedeuten, dass sie ihre alten Kopfhörer wegwerfen oder nur noch mit einem Adapter am neuen iPhone benutzen könnten. Ganz egal, wie teuer sie waren.
Entscheidung wäre nicht ungewöhnlich

Das hört sich nach einer radikalen Entscheidung an, aber für Apple sind solche drastischen Abschiede von alten Standards nicht ungewöhnlich. Schon als der Konzern bei der Einführung der iMacs 1998 auf ein Diskettenlaufwerk verzichtete und USB als universellen Anschluss einführte, waren Staunen und Empörung groß.

Auch als Apple beim ultraflachen Macbook Air auf ein CD-Laufwerk verzichtete, gab es Widerstand. Nicht viel anders sah es aus, als 2012 der mit dem ersten iPod eingeführte Dock-Connector gegen den heute üblichen Lightning-Port ausgetauscht wurde. Der Ablauf ist stets derselbe: Immer wenn Apple eine alte Technologie durch eine moderne ersetzt, reagiert die Öffentlichkeit mit Entsetzen.

Da wundert es nicht, dass nun schon ein Gerücht ausreicht, Menschen auf die Barrikaden zu treiben. Eine Petition, die sich gegen Apples angebliche Pläne richtet, wurde von mehr als einer Viertelmillion Menschen unterzeichnet, obwohl es von Apple noch gar keine Bestätigung dafür gibt, dass die Klinkenstecker-Buchse, die schon dem Walkman als universeller Kopfhöreranschluss diente, abgeschafft werden soll.

Philips Fidelio M2L: Digitale Klangübertragung per Lightning-Kabel(Bild: Philips)

Das erste Mal wäre es freilich nicht, dass ein Smartphone ohne Kopfhörerbuchse gebaut wird. HTC etwa versuchte das schon 2008 mit dem Dream und einige Monate später dem Magic. Diese ersten Android-Handys hatten ebenfalls keine Kopfhörerbuchse und wurden mit Kopfhörern für den USB-Anschluss ausgeliefert. Den Kunden hat das damals auch nicht gepasst, Proteststürme blieben trotzdem aus.

Kopfhörer per Bluetooth anschließen

Dabei wäre es technologisch betrachtet lägst an der Zeit, den uralten analogen Miniklinkenanschluss gegen ein digitales Pendant auszutauschen. Denn das dürfte der Plan sein: Kopfhörer sollen – den Gerüchten zufolge – ab dem iPhone 7 entweder drahtlos, per Bluetooth angeschlossen werden. Oder eben über die Lightning-Buchse.

Über die kann Musik digital und damit verlustfrei auf die Kopfhörer übertragen werden – und theoretisch einen besseren Klang erreichen. Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten. So könnte man eine in den Kopfhörer integrierte Elektronik zur Nebengeräuschunterdrückung vom iPhone mit Strom versorgen lassen. Oder festlegen, dass beim Anstöpseln der Kopfhörer immer eine bestimmte App geöffnet wird.

Das hört sich gut an, billig wird es nicht. Bisher gibt es nur wenige Firmen, die Kopfhörer mit Lightning-Stecker anbieten. Der Fidelio M2L von Philips gehört mit einem Listenpreis von 280 Euro noch zu den Günstigeren.

Von Apple selbst gibt es noch kein solches Headset. Doch an dieser Stelle könnte sich der milliardenteure Zukauf der Kopfhörerfirma Beats bezahlt machen. Bluetooth-Kopfhörer hat die Apple-Tochter schon diverse im Programm. Nun ein paar Modelle mit Lightning nachzuliefern, dürfte kein Problem sein.

Höhere Kosten

Solche Kopfhörer sind ein einträgliches Geschäft, die Margen hoch. Derzeit kostet das günstigste Beats-Headset im Apple Store 100 Euro. Doch auch an denen, die ihren alten analogen Kopfhörer nicht ersetzen wollen, könnte Apple verdienen. Beispielsweise mit einem Lightning-auf-Miniklinke-Adapter. Wenn der günstig wäre, würde er immer noch 25 Euro kosten.

Sollten die Gerüchte wirklich stimmen, und Apple schafft die Kopfhörerbuchse ab, müssen Apple-Kunden also erst einmal mit Zusatzkosten rechnen, wenn sie sich ein neues iPhone kaufen. Das wird nervig und es wird für Aufregung sorgen. Und es wird bedeuten, dass die Trennlinie zwischen Apple-Kunden und dem Rest der Welt noch dicker wird, wenn bestimmte Kopfhörer plötzlich nur noch mit iPhones funktionieren.

Abzuwarten bleibt dann nur, ob Android-Entwickler Google Apples Vorbild folgen wird und Android-Handys künftig erneut mit USB-Kopfhörern ausgestattet werden. Dem Klang könnte das zugute kommen – dem Geldbeutel erst einmal nicht.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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