Ein Experte erklärte mir, woran es liegt.

Nur noch zehn Minuten, bis ich mich mit einer Freundin in der Stadt treffe. Während ich mir im Flur meine Schuhe anziehe, blinkt auf meinem Handy die Nachricht einer anderen Freundin. "Ach, ich antworte ihr noch schnell, bevor ich zur Bahn renne", denke ich. Und blende aus, dass das Minuten kostet, die ich nicht habe, wenn ich pünktlich sein will. 

Als ich in der Bahn sitze, sind es bereits fünf Minuten nach vereinbarter Uhrzeit, die Fahrtzeit bis zum Treffpunkt beträgt nochmal zehn Minuten.

Als Tugenden wie gutes Zeitmanagement an die Menschheit verteilt wurden, war ich wohl zu spät. Es würde auf jeden Fall erklären, wieso ich keinerlei Gefühl dafür habe, einzuschätzen, wie viel Zeit ich wirklich noch habe, und was wie viel Zeit beansprucht. 

Das ist schon lange so. Meine Eltern trifft keine Schuld: Ich hatte feste Schlafenszeiten und wurde immer pünktlich zu meinen Freundinnen kutschiert und abgeholt. 

Bis ich beschloss, diesem geregelten Treiben mit dem Eintritt in die Pubertät ein Ende zu setzen. 

Alles, was mit Uhren zu tun hatte, verabscheute ich, an meinem Armgelenk findet sich bis heute keine. Anders als meine Freundinnen, die feste Uhrzeiten als praktisches Mittel ansahen, mehrere Menschen gleichzeitig an einem Ort zu versammeln, sah ich in der Pünktlichkeit ein diktatorisches Mittel, meinen hedonistischen Geist einzuzäunen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte der Führungskräftetrainer und Coach Roland Kopp-Wichmann einmal, dass sich unpünktliche Menschen durch ihr Verhalten dem autoritären Regime der Pünktlichkeit widersetzen wollen – das trifft ziemlich gut, was ich zwischen 13 und 18 fühlte. 

Doch irgendwann ist die Pubertät zu Ende, ich wurde älter und wollte meine Marotte loswerden – für mich, meine Mitmenschen und meine berufliche Karriere. Schließlich finden es einer Statista-Umfrage zufolge 51 % der Befragten supernervig, wenn ihre Kollegen zu spät zur Arbeit kommen. Eine Forsa-Umfrage aus dem Jahre 2015 ergab, dass den Deutschen Pünktlichkeit wichtiger ist als Sex. 

Aber trotz jahrelanger Bemühungen, mein Zeitmanagement zu verbessern, will es einfach nicht funktionieren. 

Warum scheitere ich immer wieder daran, pünktlich zu sein? 

Ich frage einen Experten: Marc Wittmann ist Zeitforscher und Psychologe. Er erklärt mir, dass mein Flow dafür verantwortlich ist. Der Flow, so erklärt es mir Wittmann, ist ein Zustand völliger Hingabe, in dem wir das Gefühl für Raum und Zeit verlieren. Wir sind nur noch auf eine Handlung fixiert und vergessen buchstäblich die Welt um uns herum. 

Menschen wie mich nennt Wittmann deshalb ereignisorientiert. Sie gehen im Gegensatz zu uhrzeitorientierten Menschen voll in einer Aufgabe auf und haben es demnach schwerer, Termine einzuhalten. Der Flow-Zustand kann auch in alltäglichen Situationen auftreten: Jeder kennt das, wenn man in einem angeregten Gespräch die Zeit vergisst.

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Mein ereignisorientiertes Handeln führt außerdem dazu, dass ich zu viel Zeit in unwichtige Handlungen investiere – obwohl ich wichtigere Dinge zu tun habe.

Der Zeitforscher erklärt mir, dass ich jemand bin, der Impulsen sofort folgt, anstatt sie im Kopf beiseite zu legen. Impulsgeleitete Menschen wie ich folgen lieber ihren hedonistischen Impulsen, anstatt pflichtbewusst dringenderen Aufgaben nachzugehen. Wenn mich zum Beispiel eine Freundin anruft, während ich arbeite, denke ich: "Ich muss dir was erzählen" und nicht "Ich muss den Text jetzt fertig schreiben." 

Für schlechtes Zeitmanagement gibt es sogar einen organischen Grund: Das "prospektive Gedächtnis". Wittmann sagt: "Es bezeichnet die Fähigkeit, sich an geplante Handlungen zu erinnern. Menschen, die uhrzeitorientiert sind, haben zum Beispiel ein gutes prospektives Gedächtnis." 

Und was kann ich gegen mein schlechtes Zeitmanagement tun?

Der erste Schritt ist simpel und hilft einem trägen prospektiven Gedächtnis auf die Sprünge: ein Wecker. Den sollte ich dem Zeitforscher zufolge vor wichtigen Ereignissen stellen, um mit genügend zeitlichem Vorlauf daran erinnert zu werden.

Ehrlich gesagt: Das habe ich schon mehrmals probiert. Und so richtig geholfen hat es leider nicht. 

Aber, wer hätte es gedacht: Auch gegen Unpünktlichkeit gibt es eine App. Gabriele Oettingen ist Professorin für Psychologie an der New York University und an der Universität Hamburg und hat Woop entwickelt. Eine App, mit der man schlechte Gewohnheiten schrittweise loswerden kann. Das soll wie folgt funktionieren:

  • Man formuliert einen Wunsch
  • Dann stellt man sich vor, was passieren wird, wenn dieser Wunsch in Erfüllung geht. 
  • Im dritten Schritt verbildlicht man alle Hindernisse, die bei der Erfüllung des Wunsches auftreten können. 
  • Im letzten Schritt überlegt man, wie man diese Hindernisse bewältigen kann, dafür benutzt man die Wenn-dann-Planung. Die Wenn-dann-Planung soll ein schlechtes Verhalten mit einer guten Alternative ersetzen. 

Klingt kompliziert? Hier ein Beispiel:

Wenn ich das Verlangen habe zu rauchen, dann trinke ich stattdessen ein Glas Wasser. 

Ich benutze die Formel leicht abgewandelt für meine Unpünktlichkeit: Wenn ich zu lange für eine Sache brauche, obwohl ich gleich einen Termin habe, dann muss ich sie auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

So will ich verhindern, dass ich bei unwichtigen Dingen in einen Flow-Zustand komme und die Zeit vergesse. Außerdem versuche ich, meine Impulse in "wichtig" und "unwichtig" einzuteilen. Wenn ich beim Schreiben dieses Textes auf mein Handy schaue, um die Uhrzeit zu checken, und sehe, dass mir Menschen auf WhatsApp geschrieben haben, ignoriere ich den Impuls, die Nachrichten zu lesen und darauf zu antworten.

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Und tatsächlich: Schon nach wenigen Tagen reduziert sich meine Verspätung.

Von Pünktlichkeit kann zwar noch nicht wirklich die Rede sein, aber ich behalte einen besseren Überblick über meine Pläne und Erledigungen. Zu verstehen, dass ich zu häufig Impulsen folge, hilft mir, mich zu fokussieren – weil ich weiß, wo das Problem liegt. Die Whatsapp-Nachricht bleibt dann eben noch für eine halbe Stunde unbeantwortet.

Es gibt keine Ausreden: Jeder kann pünktlich sein.

Zumindest die, die es wollen. Schlechtes Zeitmanagement ist immer kurierbar, egal wie lange man es bereits pflegt, sagt Zeitforscher Wittmann. Es sei etwa so wie bei einem Pianisten, der im Alter Klavierspielen lernt: "Ein Konzertpianist wird man nicht mehr, aber zum Musizieren reicht's." Damit wäre allen "Ich bin halt so, war schon immer so"-Sagern der Wind aus den Segeln genommen. 

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Grün

Fünf Ideen: Was Deutschland jetzt noch für den Klimaschutz tun kann
Wir haben einen Klimaexperten um realistische Ideen gebeten.

Deutschland scheitert beim Klimaschutz. Wie auch die 19 anderen Mitglieder der G20-Staaten. Das ist das Ergebnis des neuen "Brown to Green"-Berichts von mehreren Wissenschaftlerinnen und Umweltschützern. Diese untersuchen seit 2015, ob sich die G20-Länder an ihre eigenen Ziele zum Klimaschutz halten. Ob sie etwa Maßnahmen ergreifen, um Schadstoffe und Treibhausgase zu verringern.

Das bemängelt der "Brown to Green"-Bericht:

  • Die G20-Staaten sind für etwa 80 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Und schaffen es kaum, ihre Anteile zu reduzieren. 
  • Bei 15 der 20 Länder, darunter Deutschland, sind die Emissionen im vergangenen Jahr sogar wieder gestiegen
  • Etwa 82 Prozent der Energie in den Ländern wird aus Kohle, Öl und Gas erzeugt – und kaum aus erneuerbaren Energien. 
  • Vor allem der Kohleausstieg wird in vielen Ländern kaum unterstützt, am Schadstoff wird festgehalten.