Bild: Ruby Nixon Eye Em
Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

In deutschen Chefetagen sitzen bis heute in erster Linie Männer. 

Werden Frauen daran gehindert, ganz nach oben zu kommen? Oder wollen sie nicht?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Vorurteile hat jeder. Manche sind uns bewusst, andere nicht, manche sind uns peinlich, andere halten wir für abstoßend oder hinterwäldlerisch. In dieser Reihe versuchen wir, weit verbreiteten Vorurteilen auf den Grund zu gehen und die dahinter stehenden Fragen wissenschaftlich zu beantworten. 

Ein oft gehörtes Vorurteil: Frauen werden gar nicht benachteiligt – sie haben einfach keine Lust auf ständige Machtkämpfe. Sie setzen anderen Prioritäten im Leben, streben nicht an die Spitze. Kurz gesagt: Frauen wollen keine Führungspositionen.

Was ist dran? Wir haben uns aktuelle Studien angesehen und mit zwei Expertinnen über das Thema gesprochen.

Das zeigt die Forschung:

  • Zuerst zur aktuellen Lage: Anfang 2019 saßen in den Vorständen der Konzerne aus den Börsenindizes Dax, MDax und SDax deutlich mehr Frauen als im Vorjahr. Es sind in den 160 Unternehmen 61 Managerinnen – im Vergleich zu 650 Männern. Vorher waren es übrigens nur 50 Frauen. Es gibt also eine Besserung, aber der Unterschied ist weiterhin krass. (Spiegel Online)
  • Woran liegt’s? Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat 2017 gezeigt, dass sich gar nicht so viel mehr Frauen auf Führungspositionen bewerben als tatsächlich in Chefetagen sitzen: Es sind 32 im Vergleich zu 29 Prozent. Für ein Gleichgewicht an der Spitze gibt es also noch zu wenige Bewerbungen von Frauen. (IW Köln)
  • Die Gründe dafür? Eine Studie aus den USA hat die Jobzufriedenheit von Männern und Frauen nach einer Beförderung untersucht: Während Männer meistens glücklich mit der neuen Macht sind, sinkt die Zufriedenheit bei Frauen. Mögliche Erklärung: Für sie ist das Arbeitsumfeld härter, wenn sie erstmal Führungskraft sind. (SAGE journals)
  • Forscher vom "Leadership Excellence Institute Zeppelin" in Friedrichshaften haben 2018 die unterschiedliche Führungsmotivation von Frauen und Männern untersucht. Ergebnis: Bei Frauen ist sie nicht grundsätzlich schwächer ausgeprägt – aber sie leiden stärker unter Versagensängsten, haben mehr Furcht vor Ablehnung und davor, die Kontrolle zu verlieren. (LEIZ)

Und was bedeutet das jetzt?

Frauen bewerben sich also nicht so oft auf Führungsjobs wie Männer – aus verschiedenen Gründen. Ordnen wir die Ergebnisse zusammen mit zwei Expertinnen ein.

Gibt es einfach nicht genug Frauen für Führungsjobs?

Anne von Fallois ist Director der Personal- und Managementberatung Kienbaum und für die Besetzung von Top-Positionen in Unternehmen verantwortlich. "Wir hörten früher oft, dass Unternehmen sagten: Wir hätten gerne eine Frau, aber es gibt einfach keine Kandidatin dafür", sagt sie.

Ob dieses Argument wirklich noch zählt, hängt vom Einzelfall ab: "In einigen Branchen ist es tatsächlich so, dass es nicht genügend Frauen gibt, die die notwendigen Kompetenzen und Qualifikationen mitbringen", sagt Anne von Fallois. "Gerade im technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereich sind die Zahlen der Absolventinnen immer noch deutlich niedriger – die Pipeline ist dort einfach nicht voll von weiblichen Kandidatinnen."

Aber das gilt längst nicht für alle Branchen. "Zum Beispiel in den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sind die Quoten der weiblichen Studierenden zum Teil schon seit Jahren höher als bei Männern. Und da fragt man sich: Wo bleiben diese Frauen?"

Zu wenige qualifizierte Frauen für Spitzenjobs sind ihrer Meinung nach heute nicht mehr das Hauptproblem. Sondern dass manche einfach nicht wollten. 

„Die Zurückhaltung, in eine Führungsposition zu gehen, gibt es tatsächlich“
Anne von Fallois

"Aber sie hat Ursachen, die man sich genau anschauen muss. Es liegt ja nicht allein an den Frauen selbst, sondern an den Bedingungen, die sie in den Unternehmen vorfinden. Und an den gesellschaftlichen Faktoren, die die Frauen prägen."

Mehr Selbstzweifel bei Frauen?

Ein möglicher Grund: Frauen trauen sich oft weniger zu als Männer. Selbst Facebook-Managerin Sheryl Sandberg hat öffentlich über ihr Problem mit dem "Impostor Syndrom" gesprochen: Dabei hat man vor lauter Selbstzweifeln das Gefühl, den eigenen Erfolg gar nicht verdient zu haben. Frauen sind besonders oft davon betroffen. (Forbes)

Anne von Fallois beobachtet so etwas auch bei ihren Kandidatinnen. "Frauen stellen sich häufig zwei Fragen: Erstens: Kann ich das? Zweitens: Will ich das?" Bei der ersten Frage geht es also um Selbstzweifel, obwohl man sie oft mit einem klaren "Ja" beantworten könnte.


"Frauen neigen dazu, selbstkritischer zu sein, das zeigen auch Studien", sagt die Expertin. Männer schreien immer schnell 'hier' oder haben eine Haltung im Stil von 'Fake it until you make it' – und meistens schaffen sie es dann auch." Das würde auch mehr Frauen guttun, die an die Spitze wollen, sich aber nicht trauen.

Keine Lust auf den ständigen Kampf

Doch auch wenn eine Frau an ihre Fähigkeit glaubt: Vielleicht legt sie Wert auf andere Dinge als Prestige und Chef-Gehalt? "Viele Frauen argumentieren mit der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie, andere finden eine sinnstiftende Beschäftigung wichtiger als Macht", sagt Anne von Fallois. "Oder sie wollen einfach nicht in diesem Boxkampf der Jungs mitspielen, dessen Mechanismen sie nicht attraktiv finden."

Das hängt natürlich stark davon ab, wie das Unternehmen aussieht: "Wenn es sehr kompetitiv und von informellen Netzwerken geprägt ist, dann kann man eine Frau verstehen, die sich das nicht antun will", sagt Anne von Fallois. "Aber dann muss man das Unternehmen fragen, ob eine solche Kultur wirklich noch zeitgemäß ist."

Sind Chefinnen ständige Außenseiter?

Prof. Andrea Bührmann ist Direktorin des Instituts für Diversitätsforschung an der Uni Göttingen. Sie beobachtet, dass Frauen es an der Spitze meistens schwerer haben als Männer. "Die Forschung zeigt, dass eine Gruppe, die weniger als 30 Prozent der Gesamtheit ausmacht, als Minderheit wahrgenommen wird. Diese Personen gelten sozusagen als Fremdkörper und es wird erwartet, dass sie anders denken und handeln", sagt sie.

„Wenn man als Frau in einem Dax-Vorstand immer als Fremdkörper wahrgenommen wird, dann macht das natürlich etwas mit der Person.“
Andrea Bührmann

Wenn eine Frau das unbeschadet überstehen will, braucht sie wohl mehr Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen als ein Mann in gleicher Position.

Werden Bewerberinnen denn auch benachteiligt?

Unabhängig davon, ob sie wollen oder nicht: Der Weg in einen Top-Posten ist für Frauen oft härter – vor allem in einem Umfeld, das von Männern dominiert wird. "Führungspositionen werden in der Regel mit Menschen besetzt, die der Person ähnlich sind, die vorher die Position innehatte", sagt Andrea Bührmann. "Wenn es ein älterer, weißer, christlicher und verheirateter Mann war, ist es wahrscheinlich, dass diese Merkmale auch auf den Nachfolger zutreffen. Man denkt sich: Das war doch ein guter Chef, nehmen wir wieder so jemanden."

Wenn dann auch Männer das letzte Wort im Auswahlprozess haben, wird es noch schlimmer: "Auch Personen, die das entscheiden, wählen gerne jemanden aus, der ihnen selbst ähnlich ist", erklärt die Professorin. "Man schätzt sich selbst besonders wert und deshalb auch die Personen, die einem ähnlich sind. Das passiert in den meisten Fällen unbewusst – zumindest hoffe ich das."

Und natürlich spielen dabei auch die Klischees in den Köpfen aller Beteiligten eine Rolle: "Klassischerweise hält man Männer für rationaler, aggressiver und durchsetzungsstärker. Frauen gelten eher als emotional und friedlich", sagt Bührmann. "Und bei der Besetzung einer Top-Position wünscht man sich jemanden, der stark ist und sich durchsetzen kann."

Fazit: Wollen Frauen also nicht nach oben?

Den Zahlen zufolge wollen weniger Frauen an die Spitze als Männer. Sie haben es im Bewerbungsprozess schwerer – und wenn sie dann Chefin sind, sind sie unzufriedener und müssen sich ständig neu beweisen. Kein Wunder, dass viele Frauen davor zurückschrecken und den Fokus auf andere Dinge im Leben lenken.

Aber: Das hat mit dem Umfeld zu tun, in dem wir alle arbeiten. 

Wenn Frauen nicht mehr die Fremdkörper im Vorstand wären und wenn eine erfolgreiche Frau ihre eigene Stelle mit einer Frau nachbesetzt, die ihr ähnlich ist – dann würde sich die Lage ändern.

Wie kommen wir also dorthin? "Das ist die klassische Henne-Ei-Problematik: Eine Unternehmenskultur, die offen und divers ist, fördert Frauen", sagt Anne von Fallois. "Umgekehrt sind Frauen gut für eine solche Unternehmenskultur.“

Mit jeder Frau, die es an die Spitze schafft, ist also ein kleiner Schritt gemacht. Und das könnte dazu irgendwann führen, dass mehr Frauen auch wirklich Lust auf einen Führungsjob haben.



Gerechtigkeit

"Der Brexit ist mir richtig peinlich": So blicken junge Briten auf den ungewissen EU-Austritt

In der vergangenen Woche erreichte das Brexit-Chaos in Großbritannien einen neuen Höhepunkt. Gleich dreimal wurde im britischen Parlament abgestimmt: Am Dienstag entschied sich die Mehrheit der Abgeordneten abermals gegen den Deal, den Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hatte. Am Mittwoch stimmte die Mehrheit der Abgeordneten dann gegen einen ungeordneten Ausstieg. Im dritten Votum entschied sich das britische Unterhaus dann schließlich für eine Fristverlängerung. Großbritannien soll die EU nicht wie geplant am 29. März verlassen. Einen Aufschub kann Großbritannien aber nicht alleine entscheiden, erst müssen die anderen EU-Staaten zustimmen.

Die Situation in Großbritannien bleibt also verfahren. Wie die Zukunft für junge Menschen in Großbritannien aussieht, ist nach wie vor unklar. 

Eine Umfrage, die von den Organisationen "Our Future, Our Choice" und "For our Future's Sake" in Auftrag gegeben wurde, zeigt, dass sich die Mehrheit der jungen Menschen ein zweites Referendum wünscht. Nur neun Prozent sind gegen ein neues Referendum (Guardian). Was die Studie auch zeigt: von den schätzungsweise zwei Millionen jungen Menschen, die 2016 noch zu jung waren, um zu wählen, aber mittlerweile das Wahlalter erreicht haben, würden bei einem zweiten Referendum 74 Prozent für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stimmen.

Wir haben mit vier jungen Britinnen und Briten gesprochen und sie gefragt, wie sie die Stimmung zum Brexit momentan wahrnehmen. Was macht sie wütend, was lässt sie hoffen?