Hunderttausende Euro, festgelegt für immer? Zwei Paare erzählen vom Hausbau – und wie sie es finanzieren.

Als Mara* und Lukas* im Oktober durch das Fenster ihres Rohbaus klettern, scheint die Sonne. Sie stehen auf einem Fundament aus Beton, um sie herum die Wände ihres eigenen Kellers. "Es war so ein schöner Moment, als wir realisierten, dass hier mal unser Haus stehen wird", sagt Mara.

Sie ist 25 und baut mit ihrem Mann Lukas, 29, ein Eigenheim. Dass das jemand in ihrem Alter macht, wird immer seltener: In den vergangenen 20 Jahren sank die Anzahl der 25- bis 34-Jährigen, die in den eigenen vier Wänden wohnen, kontinuierlich. 2017 besaßen nur zwölf Prozent der jungen Menschen in Deutschland Wohneigentum. Das zeigt eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln im Auftrag der Bausparkasse Schwäbisch Hall (SPIEGEL). Die Hürden für den Hausbau sind hoch: Für eine Immobilie benötigt man entweder genug Eigenkapital oder muss sich kurz nach dem Berufseinstieg hoch verschulden. Wie leisten Mara und Lukas sich ein Haus – und warum? 

Irgendwie habe der Plan schon immer festgestanden, sagt das Paar aus Süddeutschland. Es sei ihr Kindheitstraum gewesen. Warum keine Altbauwohnung in der Großstadt zur Miete – mehr Unabhängigkeit, mehr Flexibilität? So stellen Mara und Lukas sich ihre Zukunft nicht vor, das war nie ihre Vorstellung vom Leben. Schließlich wuchsen beide selbst in Einfamilienhäusern auf, mit Garten, auf dem Dorf. 

Seit achteinhalb Jahren sind die zwei zusammen. Schnell war klar, wo es für die beiden langfristig hingehen sollte: Schon nach zwei Beziehungsjahren hätten sie sich darauf geeinigt, kein Haus zu kaufen, sondern selbst eines zu bauen, erzählt Lukas. Im Sommer dieses Jahres heirateten die beiden, gerade wohnen sie mietfrei bei Maras Eltern im Haus in einer Einliegerwohnung. 

Vor drei Jahren begann das Paar die Suche nach einem Grundstück. Die beiden wollten in der Nähe ihrer Eltern bleiben, die nur sieben Minuten voneinander entfernt wohnen. Sie fanden ein geplantes Neubaugebiet im Nachbarort. Vor einem Jahr kam dann die Nachricht: Sie dürfen dort ein Grundstück kaufen. 500 Quadratmeter Bauplatz, 200.000 Euro.

Mara und Lukas finanzieren ihren Hausbau auf dem Land mit Eigenkapital und einem Kredit. Mara arbeitet seit fünf Jahren als IT-Beraterin, Lukas seit dreieinhalb Jahren als Ingenieur. Sie legen beide schon lange monatlich Geld zur Seite und haben, auch weil sie keine Miete zahlen müssen, so bereits eine Summe angespart. Konkrete Zahlen möchten die beiden aber nicht nennen. 

Die beiden sind in einer ziemlich privilegierten Situation: Auch von ihren Eltern bekommen sie finanzielle Unterstützung für den Hausbau. "Den Kredit werden wir daher nicht abbezahlen müssen, bis wir 67 sind, und wir können auch weiterhin in den Urlaub fahren. Das war uns wichtig." Er gibt zu:

„Der Hausbau ist eine Lifestyle-Entscheidung und kein rentables Anlageobjekt.“
Lukas

Man dürfe nicht vergessen, dass ein Haus nach 20 Jahren meist schon renoviert werden müsse. Außerdem: Wenn man zur Miete wohne, und beispielsweise der Partner den Job verliere, könne man in eine kleinere Wohnung umziehen. Das gehe nach einem Hausbau nicht so einfach. "Dafür können wir das Haus planen, wie wir möchten, und müssen nie Angst haben, dass unser Mietvertrag gekündigt wird", sagt Lukas.

Auch Anna*, 26, und Julian*, 28, sind Hauseigentümer. Sie sind seit sechs Jahren ein Paar und wohnen in einem kleinen 1350-Einwohner-Dorf in Baden-Württemberg. Vor etwa einem halben Jahr beschlossen sie, ein Haus zu kaufen. 110 Quadratmeter, ein kleiner Garten – für 290.000 Euro.

(Bild: privat)

"Die Mieten sind so hoch, und auf der Bank bekommen wir eigentlich keine Zinsen für unser Erspartes, also können wir auch stattdessen einen Kredit abbezahlen", sagt Anna. Sie arbeitet seit einem Jahr als Projektmanagerin und wohnt gerade seit ihres Masterabschlusses im Ausland wieder bei ihren Eltern. 

Zu ihrem Job pendelt sie 64 Kilometer in die Nähe des Flughafens der Landeshauptstadt. Jeden Tag fährt sie etwa eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit. Das bleibt so, wenn sie Ende des Jahres in das eigene Haus ziehen – nur wenige Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Auf die Frage, ob sie die eingeschränkte Flexibilität durch den Hauskauf nicht störe, antwortet Anna, dass sie darüber natürlich nachgedacht habe. Aber selbst, wenn sie in den Speckgürtel von Stuttgart ziehe, hätte sie einen fast ebenso langen Arbeitsweg. Außerdem bedeute der Hauskauf nicht, dass sie für immer an diesen Ort gebunden sei. Für die beiden stehe auch im Raum, ihr Wohneigentum in ein paar Jahren zu vermieten, umzuziehen und an einem anderen Ort vielleicht sogar selbst ein Haus zu bauen.

Über einen privaten Kontakt erfuhren sie vom Verkauf der Doppelhaushälfte. Die zwei hätten von Wohneigentum geträumt, sich die Kaufentscheidung aber nicht leicht gemacht. 

„Ich fürchtete mich zu Beginn vor der großen Investition. Als Berufseinsteigerin einen so riesigen Kredit aufzunehmen, hat mir wochenlang Bauchschmerzen bereitet.“
Anna

Bei ihrem Freund Julian sei das anders gewesen, erzählt Anna. Vielleicht, weil er schon seit mehr als zehn Jahren als Krankenkassenbetriebswirt arbeite und dadurch mehr Zeit gehabt habe, Eigenkapital anzusparen.

Obwohl die Mieten vielerorts deutlich steigen und die Zinsen für den nötigen Kredit für einen Immobilienkauf niedrig sind, ist die monatliche Belastung bei einem Kauf häufig höher. Im Landkreis von Anna und Julian müssten Durchschnittsverdiener für den Kauf einer 70-Quadratmeter-Wohnung monatlich 2,5 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens mehr aufbringen, als wenn sie in einer gleich großen Wohnung zur Miete wohnen würden. (SPIEGEL)

Das Paar überlegte sich sein eigenes Finanzierungs-Modell.

Julian nahm den Kredit bei der Bank auf, kaufte das Haus und bezahlt jetzt die Renovierungsarbeiten. Anna überweist Julian monatlich eine geringe Miete und kauft die Möbel. Das mache alles etwas unkomplizierter – im Falle einer Trennung. Klingt eher nach Pragmatismus als Traumerfüllung? Für Anna sei das aber eben eine gute Lösung: "Ich hätte dann zwar nichts, aber ich muss mich als Berufseinsteigerin jetzt auch nicht verschulden. Und mein Vermieter ist mein Freund, das ist schon etwas anderes."

Trotzdem wird es gerade finanziell zwischendurch eng. An einige Kostenpunkte, wie etwa Gipskartonplatten oder die Montage einer neuen Heizung, habe sie früher einfach nicht gedacht, erzählt Anna. Ob sie wegen der finanziellen Belastung an der Kaufentscheidung gezweifelt habe? Nein, sagt sie. Aber die beiden müssen sich gerade stärker einschränken, für ihr Eigenheim. In einen gemeinsam geplanten Urlaub konnten sie nun doch nicht mehr zu zweit fahren. Die Freundin in Vietnam musste Anna alleine besuchen, Julian blieb zu Haus – um Geld zu sparen. 

*Die Protagonistinnen und Protagonisten in diesem Text möchten lieber anonym bleiben, ihre echten Namen sind der Redaktion bekannt. 


Gerechtigkeit

Greta Thunberg ist "Time Person of the Year" – warum wir sie als Ikone brauchen
Warum die Klimaaktivistin zwar nicht den Nobelpreis verdient hat – diese Würdigung aber schon. Ein Kommentar

Greta Thunberg wurde vom US-Magazin "Time" zur "Person des Jahres" gewählt (SPIEGEL). Am Mittwoch veröffentliche das Magazin seinen neuen Titel – die Klimaaktivistin und Mitgründerin von "Fridays for Future" steht darin mit offenem Haar an der portugiesischen Küste.