Sie ist eine wichtige Konstante im Leben.

Sie kommt immer im richtigen Moment: die letzte Arbeitsstunde der Woche. Meistens freitags, seltener am Donnerstag oder Samstag. Sie ist verlässlich. Jede Woche kommt sie erneut vorbei, wenn sich in der Werkshalle, auf der Baustelle oder im Büro die Arbeitsmotivation monoton abnehmend langsam dem Nullpunkt nähert.

Die letzte Arbeitsstunde ist so etwas wie ein guter Freund, der mit einem kühlen Feierabendbier auf einen wartet und sagt: "Gleich hast du es geschafft."

Diesen Freund haben alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Schaut man am fortgeschrittenen Freitagnachmittag in die Gesichter der Kolleginnen und Kollegen, merkt man: Sie haben gleich ein wichtiges Date. In der Regel bereiten sie sich darauf seit Montag bereits 39 Stunden vor. Treffpunkt ist meist freitags gegen 16 Uhr. Wo? Auf Arbeit. Wie lang? Für 60 Minuten.

Ist sie dann da, die letzte Wochenstunde, nimmt sie den ganzen Raum ein. Das allwöchentliche Tête-à-Tête lässt den Endorphinspiegel steigen. Nur durch den reinen Moment.

Auch bei mir ist das so. Nach der Mittagspause steigt die Spannung. Sie gipfelt schließlich in der letzten Stunde, die ich an meinem Schreibtisch vor dem Bildschirm sitze. Das Gute ist: ich weiß, sie kommt. Sie lässt mich nicht im Stich, denn das hat sie noch nie getan.

Die letzte Stunde im Büro ist eine wichtige Konstante in meinem Leben.

Aber warum löst sie immer wieder ein Hochgefühl in mir aus? Warum wird es nie langweilig, mich mit ihr einzulassen und gemeinsam in die Freiheit des Wochenendes zu starten?

Die Antwort ist simpel: Vorfreude. Sie ist bekanntlich die schönste aller Freuden. Und da das Wochenende erst einmal ein abstrakter Begriff ist, der für nichts Konkretes steht, außer für freie Zeit und Erlebnisse, wird das Gefühl noch mal verstärkt. Das beweist eine psychologische Studie aus den USA. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Erlebniskonsumenten glücklicher sind. Sogar ihre Vorfreude fühlt sich besser an als die von Leuten, die ihr Geld für materielle Dinge ausgeben.

Die Studie zeigt außerdem, dass der Verzögerungsgenuss größer ist als das eigentliche Erlebnis. Die Vorfreude auf das Wochenende kann schöner sein als das Wochenende selbst. Und genau deswegen mag ich die letzte Arbeitsstunde so gern. Wegen der erwartungsvollen Unruhe.

Es ist, als würde ich am Fenster auf der Lauer liegen, dass das Nachbarskind mein sechsjähriges Ich zum Spielen abholt.

Wir hatten damals große Pläne. Fahrrad fahren, auf Bäume klettern oder mit dem Hund des älteren Ehepaars, das am Ende der Straße wohnte, Gassi zu gehen. Noch heute, mehr als 20 Jahre später, erzeugen solche Momente der Aufgeregtheit ein Glücksgefühl in mir.

Schon Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry beschrieb in seiner 1943 erschienenen Erzählung "Der kleine Prinz" die positiven Effekte von Vorfreude:

"Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs. "Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll ... Es muß feste Bräuche geben."

Einer dieser festen Bräuche ist für mich das nahende Wochenende am Freitagnachmittag. Ich habe zwar die gleichen Aufgaben wie in allen anderen Stunden der Woche auch, nur das Gefühl ist ein anderes. Als wäre ich in Watte gepackt. Hier an meinem Schreibtisch kann mir gerade nichts und niemand etwas anhaben.

In Gedanken male ich mir aus, was ich in den kommenden zwei Tagen erleben werde.

Ich räume meinen Schreibtisch auf und hole mir vielleicht noch einen letzten Kaffee. Ich lege meine Kopfhörer bereit und überlege mir, welchen Song ich gleich auf dem Weg zur U-Bahn in voller Lautstärke mit einem Grinsen im Gesicht hören werde. Manchmal lässt allein der Gedanke daran schon meinen Kopf im imaginären Takt wippen. Ich habe den Soundtrack der letzten Stunde in mir und feiere meine eigene kleine Party – ganz still, nur für mich. Und mit riesigem, wissenschaftlich belegten, Verzögerungsgenuss.

Holt mich die letzte Stunde dann ab, gehen wir gemeinsam raus, genießen die frische Luft und lassen uns die Freiheit um die Nase wehen. Neigt sich der Freitag dem Ende entgegen, müssen wir uns schließlich verabschieden. Bye bye, liebe letzte Arbeitsstunde, es war sehr schön.

Der Abschiedsschmerz ist erträglich, denn wir sehen uns ja nächste Woche wieder. Thank God it's Friday!


Gerechtigkeit

Greta Thunberg und die Markenrechte: Soll sie sich doch bereichern
Die Aktivistin will Markenrechte anmelden, um sich zu schützen. Unsere Autorin findet: Sie könnte ruhig auch Geld verdienen.

Der erste Artikel, den wir bei bento über Greta Thunberg veröffentlich haben, trug die Überschrift: "Diese 15-jährige Schwedin schwänzt die Schule, um das Klima zu retten" (bento). Das war im August 2018, als Greta noch weitgehend alleine vor dem schwedischen Parlament saß, um den Politikerinnen und Politikern ihres Landes deutlich zu machen, wie dringend der Klimaschutz ist. 

Nicht einmal eineinhalb Jahre später wurde die heute 17-Jährige vom US-Magazin "Time" zur "Person des Jahres" gewählt. In New York traf sie sich mit Angela Merkel, auf Instagram folgt ihr Hillary Clinton und auf Twitter wird sie von Donald Trump angegiftet. 

Greta Thunberg ist ein Name, den jeder kennt – und den lässt Greta jetzt schützen. 

"Fridays for Future", "Skolstrejk för Klimatet", "Greta Thunberg" – all diese Begriffe sollen zur Marke werden. Die Stiftung "Stiftelsen The Greta Thunberg and Beata Ernman Foundation", die die Familie Thunberg jüngst gegründet hat, stellte den entsprechenden Antrag Ende Dezember beim Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (Euipo), wie "Die Zeit" zuerst berichtete. 

Auf Instagram erklärt Greta, dass ihr Name und der Name der Bewegung immer wieder ohne ihre Zustimmung genutzt werden – beispielsweise für kommerzielle Zwecke oder um Spenden und Gelder zu sammeln. Auf Amazon etwa kann man für den günstigen und wahrscheinlich nicht fairen Preis von 16,90 Euro T-Shirts mit der Aufschrift "Follow Greta", "Team Greta" oder "#fridaysforfuture" erwerben. 

Kommerzialisierung ist kein spezifisches Problem der Klimabewegung, viele Protestkulturen wurden und werden ausgeschlachtet. Feministische Slogans verkaufen sich zum Beispiel exzellent, gern auch auf Jacken und Rucksäcken, die wahrscheinlich von unterbezahlten Frauen genäht wurden.