Bild: Universität Osnabrück/Simone Reukauf
Ihren Job machen in Deutschland vor allem Männer. Wie hat sie sich durchgesetzt – und was rät sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen?

Es fällt schwer, von Susanne Menzel-Riedls Lebenslauf nicht beeindruckt zu sein. Allein, weil an ihr dieser Superlativ haftet: Sie ist mit 44 Jahren die jüngste Unipräsidentin Deutschlands, an der Universität Osnabrück außerdem die erste Frau auf diesem Posten. 

Mit bento hat sie im Videointerview darüber gesprochen, wie sie es so jung an die Spitze einer Universität geschafft hat, ob in ihrem Job noch Zeit für Netflix bleibt – und warum Frauen härter für den Erfolg kämpfen müssen als Männer.

bento: Wer in Deutschland eine Universität leitet, ist im Schnitt 59 Jahre alt und in der Mehrheit männlich (CHE). Beides trifft auf Sie nicht zu. Wie haben Sie das geschafft? 

Susanne Menzel: Ich habe meinen Karriereweg nicht geplant. Es war eigentlich immer so, dass gerade eine Position frei war oder eine Person gesucht wurde – zum Beispiel damals eine Vizepräsidentin hier an meiner Uni in Osnabrück. Ich kam gerade aus der zweiten Elternzeit zurück und dachte eigentlich, ich starte jetzt in der Professur wieder durch. 

bento: Drei Jahre waren Sie Vizepräsidentin, 2018 wurden Sie dann zur Unipräsidentin gewählt, 2019 sind Sie das Amt angetreten. War auch dieser Karriereschritt Zufall?

Susanne Menzel: Ich glaube, der gehört immer dazu – auch für die älteren Herren, auf die Sie eben Bezug genommen haben. Aber das ist nicht alles: Ich war immer sehr engagiert, innerhalb der Universität, über Forschung und Lehre hinaus. Das hat sicherlich auch dazu geführt, dass ich gefragt wurde, mich als Vizepräsidentin zu engagieren.

bento: Je weiter oben im Wissenschaftsbetrieb man sucht, desto weniger Frauen findet man: Während noch 45 Prozent aller Promovierenden weiblich sind, sind es bei den Habilitierenden nur noch 28 Prozent (BMBF). Der Grund: Sobald es an die Familiengründung geht, stecken Frauen beruflich eher zurück als Männer (Academics). Bei Ihnen war das nicht so. Warum?

Susanne Menzel: Ein Grund war sicher, dass ich früh Karrieresicherheit hatte. Ich bekam nach der Promotion schnell eine Juniorprofessur mit Tenure Track – also eine Stelle, bei der klar war, dass ich nach einer Bewährungszeit eine unbefristete Dauerprofessur antreten konnte. Ich wusste mit 31, dass ich diese Perspektive hatte. Sonst hätte ich in der Familiengründungsphase danach vielleicht andere Sachen attraktiver gefunden. Ich bin bis zum 1. Staatsexamen ausgebildete Lehrerin, ich glaube, das hätte mich gelockt, weil es kalkulierbarer gewesen wäre.

bento: Ich habe selbst an der Uni Osnabrück studiert und hätte mich damals über Sie als Unipräsidentin gefreut. Dass sie sich als junge Frau in einem männlich geprägten Berufsumfeld bis an die Spitze durchgesetzt haben, hätte mir Mut gemacht. Aber wollen Sie das sein – ein Vorbild? 

Susanne Menzel: Ich werde das zwangsläufig und bin es gerne. Als Professorin nahm ich mein Kind einmal im Tragetuch mit in die Vorlesung. Nicht, um etwas vorzuführen – ich hatte ein Betreuungsproblem an dem Tag. Dieses Bild hat sich bei vielen eingeprägt, ich wurde noch Jahre später darauf angesprochen. Ich habe eine Verantwortung, das merke ich in solchen Momenten. Und zwar ohne dass ich meinen Weg anderen Frauen aufdrängen will. Ich schaue auf niemanden herab, der keine Karriere machen will. Aber wenn ich im Portfolio der Möglichkeiten für junge Frauen ein Beispiel mehr sein kann, dann bin ich das sehr gerne. 

bento: Sehen Sie Ihre Position auch als Auftrag, anderen jungen Frauen bei der Karriere zu helfen?

Susanne Menzel: Ich möchte Frauen auf jeden Fall ermutigen, sich zu fragen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Ich sehe so oft, wie mit der Familiengründungsphase eine Art Kurzschluss kommt: Sie macht zwölf Monate Elternzeit, er zwei, immerhin wären die ja sonst verschenkt. Der Verdienst des Mannes sei eben höher, IT-Branche. Da wird gar nicht gefragt: Können wir es uns denn wirklich nicht leisten, die Elternzeit zu teilen? Bei vielen wäre es eine Option, vielleicht mit Abstrichen. Mit Anfang 20 hatte ich eine Mentorin, die warnte vor Männern, die beim Thema Familienplanung sagen: "Teilzeit mache ich nicht, aber ich helfe dir dann beim Kind". "Helfer", nannte sie die. Und sagte: "Rennt, soweit ihr könnt, wenn ihr an so einen geratet." Das war für mich der Tipp des Jahrhunderts.

bento: Warum? 

Susanne Menzel: Dieses "helfen" meint doch: Die Verantwortung liegt bei der Frau. Und da möchte ich Frauen sagen: Wenn ihr mit so einem "Helfer" Kinder bekommt, dann fallen sehr viele berufliche Möglichkeiten für euch weg. Also führt früh Gespräche darüber, wie ihr euch die Karriere- und Familienplanung vorstellt. Handelt das vorher aus mit eurem Partner. Wenn die Kinder erst da sind, tut man alles für sie. Wenn der Partner dann plötzlich sagt "Ich mache nichts mehr", ist es zu spät.

bento: Wie ist das bei Ihnen gerade jetzt, in der Coronakrise?

Susanne Menzel: Auch bei mir gab es Tage in den vergangenen Monaten, da hatte ich zehn bis zwölf Stunden Videokonferenzen, keine Pause dazwischen, und die Kinder brauchten trotzdem Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Im Prinzip eine weitere Vollzeitbeschäftigung. Ich habe mich verrückt gemacht zwischen diesen Dingen und mich verantwortlich gefühlt. Kann ich ernsthaft zwei Tage hintereinander Nudeln kochen? Frauen sind sehr schnell bereit, diese Rolle wieder zu übernehmen. Und viele Männer ruhen sich dann darauf aus. Plötzlich hat mein Mann, der die Verantwortung sonst immer trägt, gefragt: Was sollen die Kinder denn heute essen? Da dachte ich: Warum werde ich das denn jetzt gefragt? Und gleichzeitig: Ich sollte mich kümmern. Auch ich bin da wieder reingerutscht.

bento: Als Frau hört man häufig den Rat: Such dir Netzwerke, starke Mentoren, sei sichtbar, mach dir einen Namen. Das suggeriert: Frauen müssen härter kämpfen als Männer, um nach oben zu kommen. Stimmt das?   

Susanne Menzel: Ich habe oft das Gefühl, ich muss etwas beweisen. In Sitzungen und Konferenzen in meinem beruflichen Umfeld, die noch immer zu einem großen Teil aus Männern bestehen, werde ich kritisch angeschaut, da bin ich oft die Exotin. Erste Kontakte, erste Auftritte sind Testläufe für mich. Das gilt genauso für Personen mit anderem ethnischen Hintergrund. Wer unterrepräsentiert ist, dem wird nicht pauschal Vertrauen geschenkt. Wie häufig hört man den Satz: "An Stelle XY ist jetzt eine Frau. Aber die ist gut!" Da gibt es diesen Überraschungsmoment. Keiner würde sagen: "Da ist jetzt ein neuer Landrat. Aber der macht das richtig gut!"

bento: Mussten Sie auf etwas verzichten – Ihrer Karriere zuliebe?

Susanne Menzel: In meiner jetzigen Position stelle ich meine wissenschaftliche Karriere auf die Probe. Man kann nur eine gewisse Zeit in die Hochschulpolitik gehen, denn die lässt kaum Freiraum für wissenschaftliche Arbeit. Und das zweite, ein Klassiker: Ich muss Entscheidungen fällen. Wie kriege ich alles unter einen Hut? In der Lebensphase, in der ich mich befinde, mit zwei jungen Kindern, mit mehr als einem Vollzeitjob, bleiben nicht viele Ressourcen für alles andere. Wenn ich behaupte, ich habe keine Freizeit, ist das nicht übertrieben.

bento: Also kein Netflix für Sie? Keinen Urlaub?

Susanne Menzel: Netflix gucke ich tatsächlich nicht, ich lese auch zu wenig. Ich würde gerne mal wieder Belletristik zur Hand nehmen, die stapelt sich auf dem Nachttisch. Aber meist schlafe ich nach einer Seite ein, weil ich so erschöpft bin. Ich habe auch das Gefühl, zu wenig Zeit für Freunde zu haben. Urlaub gibt es, meine Familie hat ihren Raum, das ist mir wichtig.

bento: Wenn Sie jetzt auf Ihre Karriere zurückblicken: Was hätten Sie anders gemacht?

Susanne Menzel: Ich habe mich sehr aufgerieben zwischen vielen Ämtern und Verpflichtungen, Gremien, Kommissionen. Vor allem damals als Professorin. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich beweisen. Ich wollte überall gut sein. Da wäre ich heute konsequenter: Tut mir leid, das kann ich nicht machen.

bento: Ist das auch ihr Rat an junge Frauen?

Susanne Menzel: Ja. Man sollte nicht über die eigene Kraft gehen. Auf die innere Stimme hören: Ich bin heute erschöpft, ich kann nicht mehr. Und morgen gibt es neue Kraft.


Gerechtigkeit

Mund-Nasen-Schutz: Hochnäsig oben ohne
Schönheits-OP? Mundgeruch? Warum tragen so viele Menschen ihre Maske unter der Nase?

Anfangs war es ein Meme: Wer seine Nase über den Mund-Nasen-Schutz hängen ließ, wurde mit Menschen verglichen, die ihre Unterhose falsch tragen. Bei wem die Shorts zwischen den Knien baumeln, dem hängt oben so einiges drüber. 

Doch wo man eigentlich denkt, die Lernkurve – und mit ihr die Masken – müssten steil nach oben gehen, es müssten also immer mehr Menschen mit der Zeit begreifen, wie man die Maske richtig trägt, scheint das Gegenteil der Fall zu sein: 

Mittlerweile sind offenbar immer mehr Vertreter der Oben-Ohne-Fraktion unterwegs, gern mit dem Knüllerargument, man könne eben einfach besser atmen, wenn die Nase frei sei. Nun geht es natürlich genau darum, seinen Atem – und mit ihm die Viren – nicht ungebremst in die Landschaft zu schleudern. Da die Viren im Nasen-Rachen-Raum zu Hause sind, muss man Mund und Nase bedecken

Das ist eigentlich wirklich nicht schwer. Warum bloß tragen viele Menschen ihre Masken also trotzdem falsch?

Sind sie vielleicht einfach besonders stolz auf ihre Nasen? Die Nase markiert immerhin den zentralen Punkt des Gesichts. Ist sie schmal und gerade, gilt sie als perfekt. Und gerade die Selfie-Kultur könnte ein Grund für eine gesteigerte Nachfrage nach Nasen-Operationen sein. (Standard)