Was, wenn man auf seinen Kosten sitzen bleibt?

Sina* schreibt:

"Es ist ständig dreckig in unserer WG – trotz Putzplan. Ich habe deshalb für 47 Euro Putzmittel für die WG gekauft, inklusive WC-Reiniger, Geschirrspültabs, Zitronensäure und Klopapier. Aber meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner wollen sich noch nicht mal an den Kosten beteiligen. Seit Monaten zahlen sie nicht mehr in die WG-Kasse ein.

Ich hatte gehofft, dass ich das Thema an unserem WG-Abend besprechen kann. Doch sie standen mir geschlossen gegenüber: Sie sagten, sie würden sich nicht beteiligen – nachdem sie die Produkte schon seit zwei Monaten benutzt hatten. Ihr Argument: Der Betrag, den ich investiert hatte, sei zu hoch gewesen. Wieso sagen sie mir das zwei Monate später und nachdem sie sich an allem bedient hatten?

Hast du auch Stress in deiner WG?

Wohngemeinschaften sind toll, wären da nicht die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Ihre Haare verstopfen den Abfluss, sie haben lauten Sex und lassen ihr Essen im Kühlschrank vergammeln. Oder braucht deine Zimmernachbarin deine Schulter zum Ausheulen, weil sie Liebeskummer hat? Ist dein Mitbewohner gerade in einer depressiven Phase und du fragst dich, wie du ihn unterstützen kannst? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an katharina.hoelter@bento.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf bento, SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Nun habe ich einfach alles in mein Zimmer geräumt. Aber ich ärger mich nach wie vor sehr, verspüre Rachegelüste. Bald ziehe ich eh aus der WG aus, das ändert aber nichts an meiner Wut. Wie soll ich mich verhalten? Auch zu meinem Auszug?"        *Name geändert

Unsere WG-Therapeutin Sabine Stiehler

Sabine Stiehler kümmert sich um den WG-Kummer der bento-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.

(Bild: Amac Garbe)

Sabine Stiehler antwortet:

"Hallo Sina,

es ist positiv, dass Ihnen die Sauberkeit in der Wohnung wichtig ist. Aber Sie hätten das Gespräch vor Ihrem Kauf suchen sollen. Mit Ihrer Nicht-Kommunikation haben Sie die Abwehrhaltung Ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ausgelöst. So etwas passiert, wenn man Alleingänge in der WG unternimmt.

Es ist wichtig, Gemeinschaftseinkäufe auch gemeinsam zu besprechen. Gerade bei Putzmitteln variieren die Preise und auch die Art – sind sie zum Beispiel biologisch und nachhaltig oder nicht.

Ich kann zwar verstehen, dass Sie mit dem Einkauf etwas Gutes beabsichtigt haben. Aber miteinander zu sprechen ist immer besser, als einfach selbst sauber zu machen oder etwas zu kaufen. Hilfsbereite Menschen wie Sie hätten im Nachhinein Dank und Anerkennung für Ihre Aktion verdient. Wenn die ausbleibt, ist die Enttäuschung vorprogrammiert.

Sie schreiben, Ihre Mitbewohner standen Ihnen 'geschlossen gegenüber'. In solch verfahrenen Situationen können Sie versuchen, Ich-Botschaften zu senden – ohne den anderen etwas vorzuwerfen. Sie könnten sagen, dass Sie sich isoliert fühlen und die anderen danach fragen, ob sie den Eindruck teilen? So können die Mitbewohner Ihre Gefühle besser nachvollziehen.

Es ist auch möglich, einen Mediator hinzuzuholen. Studien-WGs können zum Beispiel die Beratungsstellen der jeweiligen Universitäten aufsuchen.

Sie schreiben, dass die Mitbewohner 'seit Monaten nicht mehr in die WG-Kasse einzahlen'. Ich frage mich, was vor Monaten passiert ist. Meist gibt es einen Auslöser dafür, einen Streit oder Konflikt? Vielleicht haben Sie das gar nicht wahrgenommen, dann sollten Sie trotzdem im Nachhinein ruhig noch einmal fragen, was die anderen dazu bewegt hat, die WG-Kasse nicht mehr zu füllen.

Wenn es um Wut und Rache geht, rate ich immer dazu, die Gefühle nicht an anderen auszulassen. Meist hat das gar nicht mit Ihrem Umfeld, Ihren Mitbewohnerinnen, Ihrem Partner oder Freundinnen zu tun. Wie viel Wut und Rache Sie in sich verspüren, liegt vielmehr an Ihrer eigenen Biografie und Sozialisation. Ich empfehle Ihnen: Reden Sie mit Freunden darüber, gehen Sie laufen oder kaufen Sie sich einen Boxsack. Am besten noch: Nehmen Sie Ihren Hut und ziehen Sie aus."


Gerechtigkeit

Mehr Einheit is' nicht: Warum wir uns an das geteilte Deutschland gewöhnen sollten

Deutschland ist kaputt, heißt es oft. Gespalten, zerrissen, getrennt. Gerade hat Matthias Platzeck das bekräftigt. Der Ex-SPD-Chef sollte die größte deutsche Sause der letzten 30 Jahre organisieren: Die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Einheit. Doch der Partyplaner macht sich Sorgen: Es gebe eine wachsende Kluft zwischen Ost und West, die Demokratie sei "am Rande einer Krise" (Tagesspiegel). 

Matthias Platzeck ist nicht der Einzige, der so über das vereinte Deutschland spricht.

Mein Kollege Peter Maxwill hat sein Buch über das vereinte Deutschland "Reise zum Riss" genannt.  Als sich auf einer Wähler-Karte nach der Europawahl Ostdeutschland abzeichnete, hieß es in vielen Medien, das sei ein Zeichen der "Mauer in den Köpfen".

Die Riss-Rhetoriker führen ins Feld: Auch auf Karten von Arbeitslosigkeit, Grünen-Wählern und Frauen in der Teilzeitfalle kann man die Grenze gut nachzeichnen (Statista/Spiegel Online/Correctiv). Mein Kollege Marc Röhlig hat vor einigen Wochen sogar gefordert: "Liebe Wessis, integriert uns Ossis endlich!" (bento