Thomas* schreibt:

"Seit Ende letzten Jahres wohne ich mit jemandem zusammen, den ich zuvor nicht persönlich kannte. Anfangs lief es gut, wir haben uns in unserer WG-Küche immer nett unterhalten. Leider begann er dann, häufiger meine Lebensmittel mitzubenutzen. Es störte mich zwar, aber ich sah darüber hinweg.

Als es häufiger passierte, stellte ich ihn zur Rede. Er versicherte mir, damit aufhören zu wollen. Doch statt am Kühlschrank bediente er sich nun an meinem Kleiderschrank – Socken, Hosen, T-Shirts und sogar Unterwäsche verschwanden. Bis ich sie später in seiner Wäsche wiederfand. Sein begehbarer Kleiderschrank ist gleichzeitig unsere Abstellkammer.

Hast du auch Stress in deiner WG?

Wohngemeinschaften sind toll, wären da nicht die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Ihre Haare verstopfen den Abfluss, sie haben lauten Sex und lassen ihr Essen im Kühlschrank vergammeln. Oder braucht deine Zimmernachbarin deine Schulter zum Ausheulen, weil sie Liebeskummer hat? Ist dein Mitbewohner gerade in einer depressiven Phase und du fragst dich, wie du ihn unterstützen kannst? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an katharina.hoelter@bento.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf bento, SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Ich habe ihn daraufhin bereits zwei Mal angesprochen, und er beteuert immer, dass es definitiv das letzte Mal sei und er sich der Grenzüberschreitung durchaus bewusst sei. Ich finde es respektlos, er verletzt meine Privatsphäre.

Nun stehe ich das dritte Mal hier und finde meine Kleidung in seinem Schrank. Ich würde ihn gerne rausschmeißen, jedoch kenne ich mich dahingehend rechtlich nicht besonders gut aus. Es gibt lediglich einen mündlichen geschlossenen Untermietvertrag zwischen uns beiden." *Name geändert

Unsere WG-Therapeutin Sabine Stiehler

Sabine Stiehler kümmert sich um den WG-Kummer der bento-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.

(Bild: Amac Garbe)

Sabine Stiehler antwortet:

"Lieber Thomas,

es ist immer wichtig, schon vor dem Zusammenziehen feste Regeln aufzustellen. An erster Stelle sollte stehen: 'Störungen haben Vorrang.' Das bedeutet: Wenn einen Bewohner oder eine Bewohnerin aus der WG etwas nervt, dann sollte er oder sie das unbedingt sofort ansprechen. Sie schreiben: 'Es störte mich zwar, aber ich sah darüber hinweg.' Keine gute Entscheidung.

Sie haben einen erheblichen Anteil an der jetzigen Konfliktsituation. Sie fanden es vielleicht erst noch harmlos, dass Ihr Mitbewohner zu Ihrem Essen gegriffen hat, wollten einer Diskussion aus dem Weg gehen. Doch davor darf man sich nicht scheuen. Es ist eine Konfliktvermeidungsstrategie, die häufig bei WG-Mitgliedern zu beobachten ist, die frisch zusammengezogen sind. Man findet sich gut und nett – aber das muss nicht so bleiben.

Es geht nicht nur darum zu sagen, was einen stört, sondern auch eine Bedingung daran zu knüpfen – wie in der Kindererziehung. Wenn Du noch einmal meinen Joghurt isst, nehme ich mir Geld dafür aus der WG-Kasse. Wenn Du noch einmal meine Kleidung trägst, schließe ich die Abstellkammer ab und rede nicht mehr mit Dir.

Ich denke, das Verhalten Ihres Mitbewohners ist sehr distanzlos. Wenn es um Essen geht, kann ich einen Ausrutscher noch nachvollziehen. Ein Bewohner kommt beispielsweise nach einer Party nach Hause und ist so hungrig, dass er zu den Sachen der anderen greift. Als Entschuldigung kann man den Kühlschrank ja anschließend wieder füllen. Aber sich an der Kleidung der anderen zu bedienen, ohne zu fragen, ist nicht in Ordnung. Ihr Mitbewohner braucht vielleicht professionelle Hilfe.

Ich rate Ihnen, sich mit Ihrem Vermieter in Verbindung zu setzen. Ich denke, Sie können Ihrem Mitbewohner kündigen. Für das nächste Mal: Schließen Sie Untermietverträge immer schriftlich ab. Dann sind Sie abgesichert."


Gerechtigkeit

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