Bild: Claudia Masur
Der Psychotherapeut gibt Tipps, wie Weihnachten trotz Fragen nach Studium und Karriere friedlich verlaufen kann.

Was studierst du nochmal? Verdient man in deinem Job genug Geld? Was genau tust du da eigentlich? Wer kennt sie nicht, die Lieblingsfragen der Eltern an den Feiertagen. Das restliche Jahr konnte man ihnen erfolgreich aus dem Weg gehen, an Weihnachten ist der Familienbesuch unvermeidbar. 

Schon auf der Zugfahrt in die Heimat sehen wir vor unserem inneren Auge den Vater im Wohnzimmer neben dem Tannenbaum stehen, wohlwissend, dass auf seine Frage "Wann bist du eigentlich mit dem Studium fertig?" die Eskalation unterm Tannenbaum nur noch wenige Sekunden entfernt ist. 

Wir haben via Instagram bento-Leserinnen und -Leser gefragt: 

Welche Fragen zu eurer Karriere stellen eure Eltern auch alle Jahre wieder, auf die ihr gerne endlich die richtige Reaktion hättet? 

Einige davon haben wir dem Berliner Psychotherapeuten Andreas Sundl gestellt und Tipps von ihm erhalten, wie wir dem alljährlichen Weihnachtsstreit entgehen können. 

bento: Warum muss unsere Karriereplanung gerade zu Weihnachten so eine wichtige Rolle spielen?

Andreas Sundl: Da spielen zwei Faktoren mit rein. Erstens kommen erwachsene Kinder meist nicht so regelmäßig nach Hause und beschränken längere Aufenthalte auf besondere Anlässe wie Geburtstage oder eben Weihnachten. Man sitzt sich persönlich gegenüber und hat mehr Zeit als sonst für intensive Gespräche. Außerdem reflektieren wir unser eigenes Leben zum Jahresende noch einmal und kommen darüber automatisch darauf, wie es um unser familiäres Umfeld bestellt ist.

bento: Wieso fällt es vielen Eltern so schwer, einige Themen einfach mal ruhen zu lassen?

Andreas: In diesen Fragen steckt meist viel Sorge. Wir nennen das in der Psychologie die VW-Regel. Hinter jedem Vorwurf steckt ein Wunsch. Die meisten Eltern wünschen sich für ihre Kinder Sicherheit. Wenn sie sich absolut nicht vorstellen können, was ihr Kind eigentlich arbeitet, sind sie verunsichert.

bento: Wir haben die Fragen unserer Leserinnen und Leser gesammelt, die sie regelmäßig von ihrer Familie gestellt bekommen. Eine davon haben Sie eben schon selbst angesprochen. Wie erkläre ich meinen Eltern verständlich, was ich eigentlich tue?

Andreas: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns je nach Beruf eine fachspezifische Sprache angeeignet haben, die Menschen außerhalb der Branche nicht zwangsläufig verstehen. Es kann also helfen, sich Gedanken zu machen, mit welchen einfachen Sätzen ich meine Tätigkeit verständlich beschreiben kann. Am besten klare Bilder verwenden, die sich jeder vorstellen kann und sich regelmäßig rückversichern, ob alles angekommen ist und nicht in lange Monologe verfallen. Wichtig ist es, nicht oberlehrerhaft rüberzukommen und dem anderen das Gefühl zu vermitteln, er sei zu doof, den Job zu verstehen.

bento: Aber was, wenn Eltern den Job dennoch nicht gutheißen?

Andreas: Wenn ich merke, da kommen stets dieselben Vorurteile, dann ist es wichtiger zu verstehen, was eigentlich dahintersteckt. Wir verlieren uns häufiger darin, das oberflächlich Gesprochene zu analysieren, anstatt das Bedürfnis dahinter zu ergründen. Man kann nochmals versuchen Ängste zu nehmen und zu bekräftigen, dass einem die Tätigkeit Freude bereitet und sie einem ein gutes Einkommen sichert. Es gibt da eine Technik, die sich Schallplatte mit Sprung nennt. Dabei wiederholt man seine Kernbotschaft immer wieder freundlich und verzichtet auf Rechtfertigungen. Da wären wir wieder bei den Grenzen.

bento: Die Bezahlung scheint in Familien ebenfalls oftmals ein Knackpunkt zu sein.

Andreas: Statt direkt in den Angriffsmodus zu schalten, kann es tatsächlich helfen, selbstbewusst mit dieser Kritik umzugehen und sich Schwächen oder Fehler einzugestehen. Gerade Menschen, die einen sozialen Beruf wie Erzieher oder Krankenpflegerin ausüben, werden regelmäßig mit der geringen Bezahlung konfrontiert. Man könnte seinen Eltern erstmal zustimmen, dass der Job tatsächlich schlecht vergütet wird, und man inhaltlich mit ihnen übereinstimmt. Danach sollte dann aber die Erklärung kommen, warum dieser Beruf einen dennoch erfüllt und weswegen man sich für ihn entschieden hat. Das sollten dann auch die Eltern akzeptieren.

bento: Kann man sich auf diese Gespräche vorbereiten?

Andreas: Absolut. Man sollte sich im Vorfeld ruhig schon konkrete Sätze überlegen, wenn es Themen sind, die immer wiederkehren. Sowas kann man mit einem guten Freund oder einer Freundin üben. Jeden Satz, den ich vorher schonmal über die Lippen gebracht habe, wird mir im Ernstfall leichter fallen. Atemübungen können ebenfalls helfen.

bento: Atemübungen? Ist das nicht ein wenig klischeehaft?

Andreas: Es kann aber tatsächlich helfen, sich in einen ruhigen Zustand zu versetzen, gerade wenn man merkt, dass man durch aufkommende Aggression und Ärger immer angespannter wird. Mit gezielten Atemtechniken zwingen wir unseren Körper dazu, runterzukommen und Gefühle abzubauen. Das kann in Diskussionen mit den Eltern von Vorteil sein. Genauso wie ein angemessener Ton übrigens.

bento: Was aber, wenn der Streit schon eskaliert ist?

Andreas: Dann sollte man am besten aus dem inhaltlichen Gespräch aussteigen, da ansonsten nur noch Sorge gegen Bedrängnis ausgetauscht wird. Beide Parteien müssen sich darüber im Klaren werden, dass sie an diesem Abend wahrscheinlich auf keinen gemeinsamen Nenner mehr kommen und ihre Debatte vielleicht vertagen, ansonsten ist das Weihnachtsfest schnell verdorben und im schlimmsten Fall reisen die Kinder oder die Eltern vorzeitig ab. Das kann keiner wollen.

bento: Eine Frage hat die Studentinnen und Studenten unter den Leserinnen und Lesern besonders bewegt, nämlich die, wann sie endlich ihr Studium abschließen.

Andreas: Das trifft meistens einen wunden Punkt. In meiner Praxis erlebe ich immer wieder Studenten, die über ihre Situation selbst nicht glücklich sind. Es kommt dabei ein bisschen auf die Eltern an. Manche Eltern gehen davon aus, ein Recht darauf zu haben, über alle Entwicklungen informiert zu werden, gerade wenn sie das Studium beispielsweise mitfinanzieren. Das erzeugt aber einen unheimlichen Druck bei den Kindern. Am wichtigsten ist es, die Bedürfnisse des anderen ernst zu nehmen – vielleicht möchten die Eltern auch abseits des Geldes unterstützen und helfen. Kinder können das an der Stelle erfragen anstatt sich zu rechtfertigen. Oder aber: Klar kommunizieren, dass sie an Weihnachten nicht darüber sprechen möchten. 


Trip

Weg ohne Dreck: Böhmische Bierkultur in Budweis
So schön wie Prag, nur weniger Junggesellenabschiede.

Kalter Wind wirbelt zarte Schneeflocken umher. Sie tanzen durch die Luft, vorbei an bunten barocken Häuserfassaden, als wüssten sie noch nicht genau, wo sie zu Boden fallen möchten. Ich stehe mittendrin in dieser sanften Schneebrise. Meinen Schal habe ich mir um Mund und Ohren gewickelt, meinen Mantel bis oben hin zugeknöpft und in meinen Stiefel extra noch dicke Socken angezogen.

Was hier um mich herum wie in einem VHS-Kassetten-Weihnachtsfilm wirkt, ist die tschechische Stadt Budweis. Genauer: eine der vielen Kopfsteinpflaster-Gassen im Zentrum.