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"Wegen einer Entscheidung braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben."

Ich war mir sicher, dass ich die richtige Entscheidung für mein Leben getroffen hatte, als ich mit einem halben Grillhähnchen und einem Bier im Imbiss um die Ecke meiner neuen Wohnung saß. Meine Hände schmerzten vom Kistenschleppen, meine Hose war verdreckt, die Haare staubig.

Vor einigen Wochen hatte ich mich dazu entschlossen, aus meiner Heimat an das andere Ende von Deutschland zu ziehen und einen neuen Job zu beginnen.

Gerade war ich zufrieden – aber in den Wochen zuvor fühlte sich das noch ganz anders an. Ich hatte mir stundenlang den Kopf zebrochen, ob ich meine Freunde und Eltern wirklich verlassen sollte. Ein Bayer in Hamburg – kann das gut gehen? Und diese Entscheidung ist erst der Anfang. Es fühlt sich an, als müsste ich in den nächsten Jahren die Weichen für den Rest meines Lebens stellen: Welche Geldanlage ist sinnvoll? Wohnung mieten oder kaufen? Vielleicht mal Nachwuchs bekommen? 

Wichtige Entscheidungen zu treffen, fällt mir zunehmend schwerer. 

Früher ging man mit dem Mädchen, das im Klassenzimmer auf dem Platz neben einem saß. Jetzt soll die Freundin eine fürs Leben sein. Den Nebenjob im Studium konnte man jederzeit kündigen, der Shop nebenan suchte auch noch einen Verkäufer. Aber jetzt kommt es drauf an: Der Lebenslauf soll sich so lesen lassen wie das Fünf-Gänge-Menü eines Sternekochs. 

Die Wucht der großen Entscheidungen trifft mich wie wohl die meisten Menschen, die gerade mit der Uni fertig sind.

Wie gehe ich mit diesem Druck am besten um? Und wie weiß ich, dass ich richtige Entscheidungen treffe?

Dagmar Borchers kennt sich mit den Ängsten junger Menschen zwischen 20 und 30 bestens aus. Sie ist Professorin an der Universität Bremen und leitet den Masterstudiengang "Komplexes Entscheiden". Sie forscht nicht nur zum Thema, auch in ihren Vorlesungen tauscht sie sich mit den Studierenden aus – und beruhigt sie. "Das Leben ist lang und bietet genug Gelegenheiten, die eingeschlagene Richtung noch mal zu ändern", sagt sie.

„Man sollte sich nicht damit belasten, dass es die eine Lebensentscheidung gibt, von der alles abhängt.“
Dagmar Borchers

Wer nach dem Studium einfach nur frei sein wolle und keinen Wert auf Geld und Materielles lege, könne mit Mitte 30 plötzlich alles für ein geregeltes Einkommen, eine feste Beziehung und ein Haus geben.

Klar, im Nachhinein betrachtet erscheint Stress oft unnötig. So geht es mir zum Beispiel bei meinem BWL-Studium, das ich nach zwei Semestern für einen Fachwechsel abgebrochen habe. Den Profs von damals weine ich nicht hinterher, aber als ich meine Exmatrikulation abgegeben hatte, zitterten meine Hände. Was hilft also in der konkreten Situation?

Während meines Studiums habe ich nächtelang mit Freunden in WG-Küchen diskutiert. Der Tisch füllte sich mit leeren Flaschen und unsere Köpfe mit Fragezeichen. Den Job mit der guten Bezahlung nehmen oder den, der nach mehr Spaß klingt? Mit der Freundin zusammenziehen oder doch noch die vermeintliche Freiheit genießen?

Laut Dagmar Borchers sind genau solche Abende eine gute Sache. Der Austausch mit anderen könne dabei helfen, Pro und Kontra abzuwägen. Letztendlich sollte man aber auf sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse hören.

Nur woher weiß ich, was ich im Leben wirklich will?

"Das Allerwichtigste ist, nicht mit Mitte 20 auf den Zug aufzuspringen, sich perfekt darstellen und sein Leben zu einer Show für andere entwickeln zu wollen", sagt die Forscherin. Es sei immer wichtig, authentisch zu bleiben und über sich selbst Bescheid zu wissen. Bestehende Klischees zu bedienen und darin eine Identität zu suchen, funktioniere nicht.

„Die entscheidenden Fragen sind: Worin bin ich gut und was liegt mir überhaupt nicht? Wo blühe ich auf und was finde ich furchtbar? Wenn man diese Dinge ehrlich beantwortet, findet man einiges über sich selbst heraus.“
Dagmar Borchers

Viele Leute aus meinem Freundeskreis haben zeitgleich mit mir angefangen zu arbeiten. Einige haben mit der Frage gekämpft, ob sie nicht doch näher bei den eigenen Eltern wohnen wollen? Hätte ich ins Ausland gehen und meine Freundin alleine lassen sollen? Ob wir unsere Entscheidungen wirklich bereuen – das zeigt sich wohl erst in ein paar Jahren.

"Wegen einer Entscheidung braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben", sagt Borchers. "Das sollte nur der Fall sein, wenn man moralisch falsch gehandelt und zum Beispiel jemanden im Stich gelassen hat." Es sei ganz normal, dass man sich im Leben weiterentwickle. Mit wachsender Erfahrung und zunehmendem Wissen könne man bereits getroffene Entscheidungen besser einordnen und beurteilen.

Fehlentscheidungen gehören dazu.

"Das Leben ist keine permanente bunte Party. Manchmal ist es auch grau und es ist erst mal nicht ganz klar, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war. Das ändert sich auch im höheren Alter nicht", sagt die Entscheidungsforscherin.

Man stelle sich vor: Der oder die Partnerin wird schwer krank und benötigt viel Pflege. Was ist dann richtig – und was falsch? Ihm oder ihr beizustehen? Das eigene Leben komplett auf den Kopf zu stellen? Man kann auch glücklich und zufrieden werden, wenn man jemanden pflegt.

Wir sind gnadenlose Selbstoptimierer geworden.

Irgendwie ist das auch verständlich. Freiheit bringt Verantwortung mit sich. Und das bedeutet auch, dass wir eine unendliche Menge an Entscheidungen treffen müssen.

Unsere Gesellschaft hat sich jahrzehntelang so weiterentwickelt, dass jeder immer mehr Entscheidungsspielraum hat. Für meine Eltern stand es gar nicht zur Debatte, ob sie mal ein Jahr im Ausland am Strand leben wollen. Auch die Jobauswahl war geringer. Berufsbilder wie Influencer, SEO-Expertin oder Social-Media-Redakteur gab es da noch gar nicht. 

Die Auswahl ist groß und die Ängste genauso: Werden wir in dieser neuen digitalen Welt auch genügend verdienen? Für die Rente zurücklegen können? Die Unsicherheit bleibt, sie kann mir auch Borchers nicht nehmen.


Musik

Musiker Faber im Interview: Ist es okay, Nazis mit Gewalt zu drohen?
"Es macht keinen Spaß, eine polarisierende Person zu sein."

Im August veröffentlichte der Schweizer Musiker Faber den Song "Das Boot ist voll". Faber, der eigentlich Julian Pollina heißt, kritisiert in dem Song, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Das war allerdings nicht das Problem – für Aufregung sorgte eine Songzeile, in der der Sänger sogenannten Wutbürgern drohte und dabei eine Formulierung verwendete, die sexualisierte Gewaltsprache enthielt ("Besorgter Bürger, ja / Ich besorgs’s dir auch gleich / geh auf die Knie, wenn ich dir mein’ Schwanz zeig / Nimm ihn in den Volksmund"). 

Der Journalist Linus Volkmann nannte das einen "Revenge Porn Clip" und schrieb: "Vergewaltigungsphantasien gegen rechts? Alter!"(Kaput). Nach der Kritik änderte der 26-jährige Musiker die entsprechende Stelle. 

Wir haben mit Faber über die Debatte um seinen Song, politische Haltung und neue Liebeslieder gesprochen.

bento: Über die Motivation hinter deinem Song "Das Boot ist voll" sagst du selbst: "Es ist untragbar für eine Gesellschaft, wenn es auf die Frage, ob man Ertrinkende retten sollte, überhaupt zwei Antworten gibt". Warum hast du eine politisch so wichtige Botschaft mit der Verwendung von sexualisierter Gewaltsprache selbst kaputt gemacht?

Faber: Aus einer Wut über die Situation heraus. In solchen Situationen sagt man manchmal Sachen, die man früher so gesagt hätte, heute aber nicht mehr unbedingt. Ich fand im Nachhinein auch, dass es da nicht hingehört.

bento: War dir beim Schreiben des Songs nicht bewusst, dass das eine problematische Stelle sein könnte?

Faber: Doch. Ich habe gleich gedacht, dass es da nicht hinpasst, stand da aber noch vor dem umgekehrten Problem, dass mir Leute in meinem Umfeld gesagt haben, dass ich ihnen die Möglichkeit, ihre Wut durch den Song zu teilen, wieder wegnehmen würde, wenn ich die Stelle ändere. Deshalb habe ich sie bis kurz nach dem offiziellen Erscheinen nicht geändert.

bento: Die explizite Songzeile zu streichen, mit "Ich besorg's dir auch gleich" die implizite Botschaft aber beibehalten. Macht das überhaupt einen Unterschied zur Originalversion?

Faber: Man kann mir vorwerfen, dass das inkonsequent war – ist es vielleicht auch. Aber die explizite Formulierung ist raus. Und ich möchte noch einmal sagen: Auch, wenn ich zustimme, dass diese Stelle raus musste, finde ich den Vorwurf, dass ich sexualisierte Gewaltphantasien gegenüber Nazis hätte, seltsam. Wenn jemand auf der Straße zu mir sagt: "Fick deine Mutter" denke ich ja auch nicht: "Okay, der möchte, dass ich Geschlechtsverkehr mit meiner Mutter habe."

bento: Wünschst du dir im Nachhinein, nicht mit diesem Song aufgemacht zu haben?

Faber: Nee, ich wünsche mir, dass ich es von Anfang an anders geschrieben hätte.

bento: Du hast selbst kritisiert, dass durch diese Zeile nicht mehr über die eigentliche Botschaft des Songs gesprochen wird. Also machen wir das. Warum hast du "Das Boot ist voll" geschrieben? Welche Debatte hast du dir erhofft?

Faber: Ich denke, angebracht wäre die Debatte, wie es sein kann, dass die Fronten so verhärtet sind. Und wie sorgen wir dafür, dass die Gräben zwischen uns nicht noch tiefer werden, sondern wir zusammenhalten und -arbeiten in Europa?