Ich brauchte ein Zimmer in Köln und konnte mir keins leisten. Also zog ich in einen Wohnwagen.

Ein 1,40 Meter breiter Schlafbereich, Küchenzeile, Eckbank, Waschbecken: Klingt nach kleiner Stadtwohnung, ist aber ein Wohnwagen. Mein Wohnwagen. Hier wohne ich seit rund einem Monat, auf einem Stellplatz direkt am Rhein, Hochwassergefahr inklusive.

Ich koche mit Gas und habe eine Heizung, es gibt ein Waschbecken mit Wasserhahn, den damit verbundenen Zehn-Liter-Eimer muss ich etwa zweimal die Woche neu auffüllen. An den Fenstern kleben Window-Colors, die meine Schwester und ich während Sommerurlauben gemalt haben.

(Bild: Lara Müller)

Warum ich hier wohne? Im Juli 2015 bin ich für ein Jahr ins Ausland aufgebrochen und habe mein WG-Zimmer in Köln aufgegeben. Als ich Anfang Juni zum Studium zurückkam, fand ich nichts. Das beste Angebot: 650 Euro für ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer in der Wohnung einer älteren Frau in einem Außenbezirk. 670 Euro bekomme ich von meinen Eltern im Monat, mir wären 20 Euro zum Leben geblieben.

Dann fiel mir der Wohnwagen meiner Eltern ein.

Mit dem Fahrrad brauche ich bis zur Kölner Uni ungefähr 40 Minuten, mit der Bahn bin ich knapp eine Stunde unterwegs. Direkt am Campingplatz führt eine Autobahn vorbei. "Stell dir einfach vor, das Rauschen der Autos wäre Meeresrauschen", sagte mein Vater, als er mir den Wohnwagen brachte. Zum Glück ist mein Vorstellungsvermögen ziemlich groß.

Warum ich gerne hier wohne?

(Bild: Lara Müller)

Mein Stellplatz kostet 350 Euro monatlich, Strom und Wasser inklusive. Duschen kostet allerdings 50 Cent, und man hat drei Minuten Zeit. Normalerweise muss meine Haarkur schon drei Minuten einwirken, ich bin schnell geworden.

Außerdem bin ich fitter denn je: Morgens jogge ich durch eine grüne Idylle am Rhein, so schön sind die Parks im Zentrum der Stadt nicht. Außerdem fahre ich jeden Tag mindestens zwölf Kilometer Fahrrad. Und selbst wenn ich auf Toilette gehen will, muss ich mein kleines Reich verlassen und mich zum Waschhäuschen bewegen.

In der Slideshow: Laras Leben am Rhein
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Das Waschhäuschen ist sowieso für Überraschungen gut: Oft treffe ich dort ältere Frauen, die auch einen Dauercampingplatz hier haben. Die eine erzählt mir immer von den Liebesproblemen ihrer Tochter, eine andere macht mir Komplimente für meine straffe Haut. Eine weitere versteht jedes zweite Mal nicht, wie das mit den 50 Cent und der Duschbedienung funktioniert.

Sowieso habe ich viel mehr Kontakt zu meinen Nachbarn als früher.
Lara Müller

Ich habe mich morgens aber auch schon inmitten pubertierender Mädels wiedergefunden, die die Sexyness von Haarfrisuren diskutierten. Sie hatten übers Wochenende auf dem Campingplatz gezeltet.

Sowieso habe ich viel mehr Kontakt zu meinen Nachbarn als früher. Die Personen um mich herum bleiben zwar meist nur kurz, aber Camper sind in der Regel sehr entspannt, aufgeschlossen und freundlich. Man grüßt sich und hält etwas Smalltalk. Die Omi mit den Duschproblemen hat mich einmal sogar auf ein Stück Erdbeerkuchen eingeladen.

Unter der Woche bin ich zwar oft alleine zwischen abgeschlossenen Wohnwagen und Wohnmobilen. Am Wochenende wird es dann aber richtig voll. Es sind immer viele Rentner hier, oft mit Enkelkindern und Haustieren, außerdem immer einige junge Pärchen oder Jugendliche.

Ein weiterer Vorteil: Während meine Kommilitonen an warmen Tagen in der Bib schwitzen, sitze ich in meinen Campingstuhl und lerne.

(Bild: Lara Müller)

Bei meinen Freunden in der Stadt ist mein Wohnwagenleben natürlich ein super Gesprächsthema. Die meisten sind sehr interessiert und amüsiert, wenn ich davon erzähle. Als ich hier eingezogen bin, wollten mich zwei Freundinnen sofort besuchen. Sie unterschätzten allerdings die Entfernung und kamen mehr als eine Stunde später. Wir picknickten im Dunkeln.

“Krass, voll gemütlich hier”, fanden sie. “Und ganz schön ab vom Schuss.” Nur in einer kleinen kölschen Kneipe bekommt man hier in der Nähe noch ein Bier, dort läuft auch im Juni Karnevalsmusik. Seitdem treffen wir uns doch wieder lieber in der Stadt.

Gruselig war die Situation schon
Lara Müller

Meine einzige ernstzunehmende Wohnwagen-Krise hatte ich, als mir vor einigen Wochen mein Fahrrad geklaut wurde. Das Leben war schlagartig mühsamer – und einmal wurde es richtig unangenehm: An dem Abend war ich länger mit Freunden unterwegs und musste mit der Bahn zurückfahren. Es war Dienstagnacht, 1.30 Uhr, und an meiner Haltestelle stieg ein ziemlich betrunken wirkender Mann mit mir aus. Er lallte unverständliche Sachen und lief mir über die menschenleere Autobahnbrücke hinterher, irgendwann bin ich gerannt.

Es ist nichts passiert, aber gruselig war die Situation schon. Ich verfluchte es, so weit weg zu wohnen. Sollte ich sicherheitshalber nur noch im Hellen zurückfahren?

(Bild: Lara Müller)

Letztlich wollte ich nicht, dass mein Leben auf dem Campingplatz mich einschränkt. Ich will auch abends länger unterwegs sein können, meine Freunde treffen und feiern gehen. Also organisierte ich mir schnell ein neues Fahrrad.

Wie geht es weiter?

Der Wohnungsmarkt in Köln ist schon seit Jahren angespannt und allzu schnell wird sich das wohl nicht ändern. An den Kölner Universitäten studieren mittlerweile mehr als 85.000 Menschen, bei 4800 Wohnheimzimmern.

(Bild: Lara Müller)

Ich ärgere mich momentan zwar nicht, hier zu wohnen: Es ist Sommer, ich habe ein bisschen Urlaubsfeeling, überwintern will ich in meinem Wohnwagen aber sicher nicht. Die Heizung ist alt und verbraucht viel Gas, außerdem müsste ich dann immer in Winterjacke aufs Klo zu gehen. Und was, wenn der Rhein tatsächlich mal über die Ufer steigt?

Ich habe von Studenten gehört, die sehr günstig bei älteren Menschen wohnen und ihnen im Gegenzug im Haushalt und Alltag helfen. Pro Quadratmeter Wohnfläche eine Stunde Hilfe im Monat – das ist das Konzept der deutschlandweit aktiven Initiative "Wohnen für Hilfe". In Duisburg stellt die Stadt Studenten und Auszubildenden kostenlosen Wohnraum in Problemvierteln zur Verfügung, im Gegenzug betreuen diese benachteiligte Kinder vor Ort.

In ein paar Tagen werde ich Köln verlassen, um ein Praktikum in Frankfurt zu machen. Vielleicht ist so ein Projekt eine Alternative, wenn ich im Oktober zurückkomme.

Bis dahin werde ich weiterhin versuchen, die Autobahngeräusche gedanklich in Atlantikrauschen zu verwandeln.

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