Bild: Manoel Eisenbacher
"Wir haben im August Pfirsiche in Thüringen essen können."

Abgenutzte Klapptische, Powerpoint-Präsentationen und stickige Seminarräume gehören zum Lernen in der Uni irgendwie dazu. In der Wanderuni funktioniert Lernen anders: Immer im April begeben sich junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren für ein halbes Jahr auf Wanderschaft. Anders als in der Uni gibt es keine Prüfungen, Hausarbeiten oder ein festes Lernziel. Es geht nicht darum, fachliche Kenntnisse zu erwerben, sondern um persönliche Weiterentwicklung. Die Teilnehmenden suchen nach eigenen Talenten, gesellschaftlichen und sozialen Konzepten und führen einen minimalistischen Lebensstil.

Viele junge Menschen entwickeln gerade rund um den Globus Ideen, um den Klimawandel zu stoppen. Kann die Lehre auf Wanderschaft dieses Denken fördern – und sollten sich alle Unis ein Beispiel daran nehmen?

2019 sind etwa 20 Teilnehmende beim "StudienGang" in Deutschland unterwegs. Die Studierenden legen vor dem Start im April ihre Lernthemen fest. Die vergangenen Jahrgänge beschäftigten sich zum Beispiel mit "Ess- und Heilpflanzen", "Gewaltfreier Kommunikation" oder auch "Was interessiert mich wirklich im Leben?". Die Studierenden gestalten den Studiengang selbst: In der Wanderuni unterrichten keine Dozenten, die Studierenden besuchen Orte oder Veranstaltungen nach eigenen Interessen – zum Beispiel das Klimacamp im Rheinland.

Eine feste Route gibt es dabei nicht, geschlafen wird meist unter freiem Himmel. Unterwegs sind die Teilnehmenden zu Fuß, mit dem Fahrrad oder sie trampen durch ganz Deutschland. Sie haben bereits an einer Hochschule studiert oder wollen ein Studium beginnen, haben gerade die Schule oder ein freiwilliges soziales Jahr abgeschlossen oder befinden sich mitten im Studium. Manche lernen auch auf Wanderschaft für ihre Prüfungen an der Uni.

Wir haben mit Mit-Organisator Manoel Eisenbacher, 28, über das Modell der Wanderuni gesprochen, ihn gefragt, ob man in der Natur besser lernt und was Hochschulen sich von ihnen abschauen könnten.

Manoel Eisenbacher

Manoel Eisenbacher nahm 2018 an der Wanderuni teil und gehört inzwischen zum Begleitteam. Etwa zehn ehemalige Studierende organisieren das Vorbereitungstreffen für die kommenden Wanderjahrgänge, ein Start- und Ankommensfest und betreuen die Website. Das macht Manoel ehrenamtlich. Er ist freiberuflicher Fotograf und beginnt im Oktober ein Osteopathie-Studium in Berlin.

bento: Die Wanderuni will Lernen mit der Lebensweise des Nomadentums verbinden. Ist das eine Reise in die Vergangenheit oder in die Zukunft?

Manoel: Beides. Menschen, die wie wir auf Wanderschaft sind, ohne festes Zuhause, nannte man früher Landstreicher. Diese Kultur gab es ja eher in der Vergangenheit. Eine Reise in die Zukunft ist es auch, weil die Wanderuni zukunftsfähige Bildungs- und Lebensmodelle erproben will. Hauptsächlich ist es aber eine Reise in der Gegenwart: Es ist wohltuend, nicht immer nach vorne oder zurückzudenken, sondern den Moment zu leben und ein Auge für die kleinen Dinge zu entwickeln.

bento: Ist die Wanderuni auch eine Methode, um Klima- und Umweltbewusstsein zu schärfen?

Manoel: Es ist nicht das primäre Ziel der Wanderuni, aber natürlich passiert es trotzdem. Während unseres Studiengangs 2018 haben wir die Klimaveränderungen hautnah erlebt. Wir wanderten 168 Tage und hatten vielleicht fünf Regentage, wir haben gesehen, wie im Juli alle Wiesen braun waren und haben im August Pfirsiche in Thüringen essen können. Das wäre vor ein paar Jahren vielleicht auch noch nicht möglich gewesen. Wenn du so viel draußen unterwegs bist, werden die Dinge greifbarer und das schärft natürlich das Klima- und Umweltbewusstsein. Wir haben das Ziel, uns ressourcenschonend fortzubewegen, zum Beispiel wenn wir trampen.

(Bild: Manoel Eisenbacher)

bento: Der Zug wäre noch besser.

Manoel: Nicht zwangsläufig. Beim Trampen nutzen wir Plätze, die ansonsten frei bleiben würden. Häufig sprechen wir mit den Fahrenden und erfahren so etwas über Menschen, mit denen wir im Alltag vermutlich nie ins Gespräch gekommen wären. Umgekehrt natürlich genauso.

bento: Inwiefern spielen die Klimaproteste bei euch eine Rolle?

Manoel: Es kommen jedes Jahr mehr junge Menschen zu den Vorbereitungstreffen, in der letzten Vorbereitung bis zu 30. Aber das sind jetzt nicht unbedingt nur Leute der "Fridays For Future"-Bewegung. Die Klimaproteste sind auf jeden Fall präsent. Ich war mit meinem StudienGang 2018 auf dem Klimacamp. Aber ich würde sagen, dass sie bei uns jetzt nicht präsenter sind als in anderen studentischen oder aktivistischen Kreisen.

bento: Denn dort ist es überall das bestimmende Thema?

Manoel: Und das ist sicher auch sehr gut so.

bento: Welche Bedeutung spielt die Natur bei den Inhalten eurer Studiengänge?

Manoel: Auf Wanderschaft ist die Natur unser Zuhause. Sie ist wie ein Geschenk, das uns mit Vielem versorgt. Wir haben mit Wildkräutern gekocht und in Bächen oder Flüssen gebadet und unsere Kleider gewaschen. Insofern hat die Natur eine sehr große Bedeutung. Für mich ist die Natur der Ort, an dem ich erst über bestimmte Dinge nachdenken kann.

bento: Lernt man auf Wanderschaft in der Natur besser?

Manoel: Es geht weniger um das Erlernen fachlicher Kenntnisse, auch wenn einige Teilnehmende sicher konkrete Dinge lernen – wie Navigieren oder welche Kräuter man essen kann. Es geht vielmehr um soziales Lernen: Wie funktioniert eine Gruppe? Wie kann ich meine Mitmenschen besser verstehen? Wo endet meine Komfortzone und wie kann ich sie erweitern? Das klappt beim Lernen auf Wanderschaft besser als in einem abstrakten Setting an einer Uni.

bento: Wie ein Studium Generale oder ein persönliches Coaching? Wieso nennt ihr euch dann Uni?

Manoel: Ja, vielleicht eine Mischung aus beidem. Bewusstseinsarbeit und praktisches Lernen gehen Hand in Hand. Der Uni-Charakter ist wichtig, weil es nicht nur um das reine Laufen geht, sondern eben auch ums Lernen. Ein Lernen nach eigenen Interessen und Bedürfnissen.

In der öffentlichen Wahrnehmung haben Institutionen wie Hochschulen oder Ausbildungsstätten den Begriff des Lernens gepachtet. Wir wollen klarmachen, dass selbstbestimmtes und freies Lernen genauso legitim ist.

bento: Ist es ein Modell für alle großen Unis und was könnten Hochschulen von der Wanderuni lernen?

Manoel: Beim Wanderuni-Modell lernt man viel über sich selbst und sich auf andere einzulassen. Das funktioniert in einer kleinen Gruppe vermutlich besser als an großen Unis. Aber man müsste es ausprobieren. An Hochschulen gibt es einen Lehrplan und am Ende des Semesters wird das Erlernte in Prüfungen und Hausarbeiten kontrolliert. In der Wanderuni ist zu Beginn nicht klar, was am Ende rauskommt.

Ich habe zum Beispiel gelernt, wo meine Komfortzone endet. Bis zum Schluss fand ich es unangenehm, bei fremden Menschen zu klingeln und sie nach einem Schlafplatz zu fragen. Dass nicht vorher schon feststeht, was dabei rauskommen muss, könnten sich Unis von der Wanderuni abschauen. Außerdem mehr Vertrauen in die eigene Neugier und die Freude am Lernen, ohne dass exakt vorgegeben ist, was, wann und wie gelernt wird.

bento: Und gerade was die aktuelle Klimabewegung angeht: Sollte jeder und jede Studierende den Klimawandel "hautnah" erleben – so wie du es eingangs beschrieben hast?

Manoel: Ich glaube, dass es viele Wege gibt, um sich für die Bedrohungen durch den Klimawandel zu sensibilisieren. Und so gut wie jeder Mensch spürt ja die Folgen, auch ohne Wanderuni. Nichtsdestotrotz tragen Erfahrungen wie unsere auf jeden Fall dazu bei, das eigene Bewusstsein noch stärker zu schärfen und Entwicklungen zu sehen, die im Alltag verborgen bleiben.


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