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Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Sie stecken ihr Geld in Rucksackreisen statt in die Altersvorsorge. Sie brechen das Studium ab, wenn es ihnen keinen Spaß macht, und probieren Jobs aus, bis sich einer "richtig" anfühlt. Millennials haben nur ihre Selbstverwirklichung im Kopf und keine Lust auf lästige Pflichten – so das Klischee.

Aber ist die Generation Y – also wir, die zwischen 1980 und den späten Neunzigern geboren wurden – wirklich so egoistisch und wenig belastbar? So verweichlicht, wie es ältere Generationen uns oft vorwerfen?

Wir checken das Vorurteil.

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Vorurteile hat jeder. Manche sind uns bewusst, andere nicht, manche sind uns peinlich, andere halten wir für abstoßend oder hinterwäldlerisch. In dieser Reihe versuchen wir, weit verbreiteten Vorurteilen auf den Grund zu gehen und die dahinter stehenden Fragen wissenschaftlich zu beantworten. 

Was Millennials laut Studien auszeichnet:

  • Die Generation Y ist mit der Digitalisierung aufgewachsen, gilt als "Digital Native" und global vernetzt. Entfaltung und Entscheidungsfreiheit sind extrem wichtig. (Zukunftsinstitut)
  • Millennials sind in einer Welt großgeworden, in der es Amokläufe und Terroranschläge gibt – das führt zu einem Grundgefühl der Unsicherheit (Guardian). Auch wenn man einschränken muss: Wirklicher Gefahr ausgesetzt war nur ein kleiner Teil der Generation, für viele ist Terror eine abstrakte Bedrohung im Hintergrund.
  • Millennials (und ihre jüngere Nachfolgegeneration) sind oft gestresst. Eine Studie in Großbritannien zeigte 2018, dass der gefühlte Druck heute viel höher ist als früher: 49% der Befragten gab an, unter zu viel Stress zu leiden – vor allem ausgelöst durch Vergleiche mit anderen. (Mental Health Foundation)  
  • Mit Blick auf Finanzen werden Millennials schon mal als "verlorene Generation" bezeichnet. Durch die Finanzkrise ist es schwerer geworden, ein stabiles Vermögen aufzubauen. Deshalb machen sich viele erst gar keine Gedanken ums Sparen. (Business Insider)  
  • Und: Wenn es um den Job geht, haben Millennials ziemlich klare Vorstellungen. Sie verlangen erfüllende Aufgaben, gleichzeitig einen sicheren Job, ein gutes Gehalt und einen Chef, der sich eher als Coach versteht. (Hays)

Was bedeutet das jetzt?

Wir haben zwei Experten gefragt: Jutta Rump ist Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen. Frank Schabel vom Personaldienstleister Hays beobachtet seit Jahren die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt – und ist selbst Chef von Millennials.

"Die Generation Y unterscheidet sich klar von den Generationen davor", sagt Jutta Rump. "Zentrale Faktoren im Arbeitsumfeld sind Freude, Perspektive und Nachvollziehbarkeit der Aufgaben. Nicht mehr Pflicht, Disziplin und Fleiß, wie es früher einmal war."

Außerdem sind Millennials sehr selbstbewusst und wollen gesehen werden. "Die Generation legt viel Wert auf Feedback, idealerweise sollte das natürlich positiv sein", sagt Frank Schabel. Der Wunsch danach kommt dem Experten zufolge durch die ständige Social-Media-Nutzung: "Alle warten immer auf die nächsten Likes – das wird auch ins Arbeitsumfeld transportiert."

Was fordern Millennials?  

Klassische Chefs, die mit einem autoritären Stil ihre Meinung durchdrücken, erzeugen bei Millennials Widerwillen. "Sie wollen weniger in Hierarchien arbeiten", sagt Rump. "Das hat viel mit dem Erziehungsstil zu tun, den viele Kinder der Generation Y genossen haben: Sie wurden eher demokratisch erzogen, hatten einen großen Handlungsspielraum. Es gab eine wertschätzende Kommunikationskultur und man hat viel ausdiskutiert."

Das wurde früh gelernt – und wird jetzt nicht nur von Eltern, sondern auch von Chefs so erwartet.

Ein weiterer Punkt: "Millennials sehen Arbeit nicht als reinen Broterwerb", sagt Schabel. "Sie möchten an Projekten arbeiten, die sie für wichtig halten und in die sie viel Commitment stecken." Das sei zwar ein Trend in der gesamten Gesellschaft, bei Millennials aber besonders ausgeprägt.

Ein Nine-to-five-Job? Kommt nicht gut an. "Geht es nach Millennials, sollte man die Arbeitszeiten flexibel einteilen können", sagt Schabel. 

Woher kommt das?

Ein Job, den man nach der Schule beginnt und bis zur (Früh-)rente durchzieht – so wie es vielleicht bei den Eltern war? Das gibt es heute kaum noch. "Die Generation Y weiß, dass sie lange arbeiten muss, dass die einmal abgeschlossene Berufsausbildung nicht mehr ein Leben lang hält, dass Veränderung zum Normalzustand wird", sagt Rump.

"Um das zu bewältigen, muss man flexibel sein und mit den eigenen Ressourcen gut umgehen. Daher kommt auch der Fokus auf Work-Life-Balance." Aus dieser Perspektive sei dieses Verhalten ziemlich vernünftig, so Rump. "Die Generation Y muss sich ständig fragen: Wie halte ich all die Herausforderungen durch?" 

Denn wer sich bei zunehmendem Stress und ständiger Erreichbarkeit nicht auch mal um sich selbst kümmert, steuert Richtung Burn-out. 

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Sind Millennials deshalb schlechtere Mitarbeiter?

Nein. Denn sie arbeiten nicht weniger, nur anders. "Macht eine Arbeit Freude, bietet sie eine Perspektive und sind die Aufgaben nachvollziehbar – dann ist die Leistungsbereitschaft der Generation Y extrem hoch", sagt Rump. Frank Schabel erlebt es so: "Wenn sie das Gefühl haben, dass die Arbeit Sinn stiftet, dann haben Millennials in jedem Fall viel Engagement und eine hohe Motivation."

Problematisch wird es bei lästigen Pflichten. "Was bei dem Fokus auf Selbstverwirklichung vielleicht etwas verloren geht, sind die Ansprüche, die ein Unternehmen an die Mitarbeiter stellt", sagt Schabel. "Es gibt Dinge, die die im Arbeitsvertrag festgehalten sind, die einfach gemacht werden müssen. Da gibt es Grenzen bei Selbstverwirklichung und Flexibilität." Abrechnungen schreiben, Meetings protokollieren, um 8 Uhr einen Kunden besuchen: Das fühlt sich vielleicht nicht nach Selbstverwirklichung an, muss aber sein. 

Viele Millennials haben nicht mehr die "Augen zu und durch"-Mentalität früherer Generationen.

"Die Generation Y hat schon mit der Muttermilch die Einstellung aufgesogen, dass ihr die Welt offensteht", sagt Rump. "Dass es in der multioptionalen Gesellschaft immer neue Möglichkeiten gibt, die man ausprobieren kann." 

Deshalb sei die Bindung an einen Arbeitgeber auch nicht mehr besonders hoch. Ist ein Job unbefriedigend, muss ein neuer her.

Fazit: Sind Millennials verweichlicht?

Die Generation Y weiß, was sie will – und sie geht davon aus, dass sie es auch bekommen kann. Sie bastelt so lange am eigenen Leben herum, bis es wirklich passt. Aber wenn Job, Aufgaben und Lebensumstände stimmen, können Millennials hart arbeiten, Leistung bringen, Erfolge erziehen. "Wenn es um Leistungsbereitschaft geht, nehme ich keinen Unterschied zu anderen Generationen wahr", sagt Schabel. 

Und woher kommt dann das oft schlechte Image? "Das ist das Bild, das die Älteren zeichnen", sagt Jutta Rump. Sie mussten früher viel leisten und aufgeben, um einen guten Job zu machen. "Jetzt gucken sie den jungen Leuten zu, wie sie durchs Leben tänzeln und schon im Vorstellungsgespräch nach Work-Life-Balance fragen – das ist natürlich schwer zu vereinbaren."


Streaming

Liebe Serien-Shamer, bitte macht anderen ihre Freude nicht kaputt

Ich scrolle durch meinen Twitter-Feed. Game of Thrones scheint wohl wieder zurück zu sein. "Winter is here", lese ich überall. Aber nicht alle freuen sich darüber: "Boah, jetzt geht diese blöde Serie wieder los. Also ich habe ja bisher keine einzige Folge geschaut", schreibt einer meiner Follower. Ein anderer schließt sich ihm an und fügt hinzu: "Verstehe den Hype wirklich nicht."

Auch unter Kolleginnen oder an der Uni höre ich immer wieder solche Kommentare. Aber warum nur? Ich finde nichts überflüssiger als die Aufregung über Serien. Schon lange vor Staffelbeginn schwärmten meine Freundinnen und Freunde davon, einige von ihnen schmückten ihre Tweets und Instagram-Storys mit heulenden Emojis und Jon Snow-GIFs. Schön für sie, dachte ich mir, ein Grund zur Freude ist immer gut.

Eine Gruppe von Menschen würde mir aber nicht zustimmen: die Serien-Shamer.

Sie können der Serien-Freude der anderen nicht viel abgewinnen. Ihre Mission lautet daher: Freude killen. Aber wie gehen sie dabei vor? Ganz einfach. Sie kommentieren und torpedieren ungefragt mit Sätzen wie diesen:

  • "Also ICH finde die Serie überhaupt nicht gut. Ich weiß wirklich nicht, was daran so toll sein soll."
  • "Guckst du WIRKLICH diese Serie?" 
  • "Ich habe noch nie eine Folge gesehen und werde es auch nicht. Meine Zeit ist mir zu kostbar."
  • "Ist es dir nicht peinlich, diese Serie zu gucken?"
  • "Ist das nicht diese blöde Serie, in der [Spoiler]?"