Bild: Marlene Horny
Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Als wir klein waren, fragten unsere Eltern, was wir werden wollen. Feuerwehrmann vielleicht? Oder Lehrerin? Traditionsberufe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Nun haben wir Berufe mit Namen wie Data Scientist oder Junior SEO Analyst. Und unsere Eltern fragen ratlos: Was machst du eigentlich? In dieser Reihe erklären wir es ihnen.

Larissa Löchel, 28, arbeitet als Visual Merchandiserin für ein Modeunternehmen.

bento: Larissa, wie hat deine Familie reagiert, als du gesagt hast, dass du Visual Merchandiserin wirst?

Larissa Löchel: Ich habe es ihnen am Telefon erzählt. Damals hatte ich einen Job als Stylistin und gerade erst vom Beruf des Visual Merchandisers erfahren. Ich erzählte also von der Idee, in den Beruf zu wechseln. Meine Mutter und meine Tante waren erst irritiert und fragten, ob das überhaupt noch was mit Mode zu tun habe. Ich erklärte ihnen, ich sei dann eine Art Dekorateurin – auch wenn es das nicht hundertprozentig trifft: Dekorateure kümmern sich oft nur um Schaufenster, Visual Merchandiser um ganze Räume. Und darum, wie die Präsentation der Produkte das Kaufverhalten beeinflussen kann. Aber meine Mutter und meine Tante hat es überzeugt.

bento: Was machst du als Visual Merchandiserin genau?

Larissa: Ich überlege, wo und wie die Kleidung im Geschäft präsentiert wird. Wie stelle ich welche Artikel aus, damit ein Kunde oder eine Kundin sie sieht und auch kaufen möchte? Dabei achte ich nicht nur auf Ästhetik, sondern beobachte auch das Kaufverhalten der Menschen und gehe strategisch vor. Zum Beispiel schaue ich darauf, dass immer einige Schaufensterpuppen Bestseller-Artikel tragen, selbst wenn das vielleicht nicht mehr die neuesten Produkte sind.

bento: Du animierst also Menschen zum Konsum?

Larissa: Ja, schon. Aber mein Job hilft auch, Arbeitsplätze zu sichern. Immer mehr Menschen nutzen Online-Shopping. Meine Aufgabe ist, das Einkaufen im Geschäft zu einem Erlebnis zu machen, das die Kunden mögen und wieder erleben möchten – und so dazu beizutragen, dass der Einzelhandel nicht ausstirbt.

bento: Wie machst du das? Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Larissa: Montags und donnerstags sendet die Zentrale neue Waren und wir Mitarbeitenden erfahren, ob es eine neue Kampagne gibt und wenn ja, wie sie aussehen soll. Kampagnen sind zeitlich begrenzte Themen oder Aktionen im Laden, also zum Beispiel ein Farbmotto wie Pastell oder einfach "Frühling". Dazu bekommen wir Vorgaben, welche Produkte auf einer Fläche oder an einer Wand ausgestellt werden sollen, und manchmal auch Dekoration. Ich bespreche dann als erstes mit der Store-Managerin, welche Wände oder Flächen wir für die Kampagne nutzen. Anschließend entwerfe ich einen detaillierten Plan und meine Kollegen und ich bauen um: Wir kleiden Puppen ein, dekorieren den Hintergrund, legen Kleidungsstücke in Regale oder hängen sie auf Stangen – alles nach meinem Plan. An diesen Tagen fange ich schon um 6 Uhr morgens an, schließlich soll der Laden bis zur Öffnung um 10 Uhr fertig sein.

bento: Und an den anderen Tagen?

Larissa: Da fange ich um 8 Uhr an, sorge dafür, dass der Laden auch weiterhin ansprechend aussieht und reagiere auf Kaufverhalten. Ich beobachte also, was gut funktioniert und was nicht, Commercial Action heißt das. Jedes Geschäft hat eine Laufrichtung: Die Kleiderständer werden so aufgestellt, dass die Kunden entweder links oder rechts herum im Kreis durch den Laden geleitet werden. Dementsprechend platziere ich auch ausgewählte Ware. Besonders beliebte Produkte stelle ich zum Beispiel an auffälligen Plätzen aus.

bento: Du sagtest vorhin, dass es zu jeder Kampagne Vorgaben gibt. Hast du denn trotzdem noch Gestaltungsfreiheit? 

Larissa: Wir halten uns weitgehend an die Vorgaben, alle Stores einer Marke sollen schließlich einen Wiedererkennungswert haben. Trotzdem habe ich auch ein wenig Gestaltungsfreiheit, ja: Wenn meine Store-Managerin oder ich zum Beispiel in den Verkaufszahlen sehen, dass sich eine bestimmte Jeansjacke bei uns besonders gut verkauft, dann überlege ich, wie ich sie auch in eine neue Kampagne einbauen kann. Wenn wir alles auf Frühling ausrichten sollen, bei uns aber noch Minusgrade herrschen, dann stelle ich nicht nur T-Shirts, sondern auch dazu passende Jacken und Pullover aus.

bento: Was hast du gelernt, um Visual Merchandiserin zu werden?

Larissa: Ich habe Modedesign studiert und nach meinem Studium fast eineinhalb Jahre als Stylistin bei einem großen Onlineshop gearbeitet. Ich mag den Beruf der Stylistin, mache ihn auch immer noch nebenbei als Freelancerin. Aber ich war einfach neugierig, was es noch so gibt im Modebereich – vielleicht etwas Ausgefallenes, wovon man nicht so oft hört. Als ich mich online informierte, stieß ich auf den Beruf des Visual Merchandisers, das fand ich gleich spannend. Erst fing ich bei einer großen Sportmarke an, jetzt bin ich bei Freizeitmode gelandet. Man kann aber auch eine Ausbildung im Visual Merchandising machen und es sogar studieren.

bento: Welche besonderen Fähigkeiten braucht man in dem Job?

Larissa: Dass man kreativ sein und ein ästhetisches Empfinden haben sollte, erklärt sich von selbst. Außerdem sollte man Ahnung von Mode haben und davon, was zueinander passt – nicht nur farblich, sondern auch von den Materialien her. Und man muss in der Lage sein, den eigenen Geschmack zurückzustellen. Du kannst diese Jacke mit Blumenmuster noch so toll finden, wenn sie sich nicht verkauft, gehört sie nicht an die beste Stelle im Laden. Führungsfähigkeiten sind wichtig, denn Visual Merchandiserinnen sind meist nach dem Store-Manager die ersten Ansprechpartner für die Mitarbeitenden. Und man muss teamfähig sein, denn es gibt häufig mehrere Visual Merchandiser in einem Shop, oft nach Flächen oder Etagen eingeteilt.

bento: Sieht dein Job in allen Unternehmen gleich aus?

Larissa: Jeder Laden kann Visual Merchandiserinnen beschäftigen – Möbelhäuser zum Beispiel, Spielzeuggeschäfte oder auch Buchläden. Es gibt Geschäfte, die bekommen täglich Warenlieferungen, da plant man also jeden Tag ab früh morgens ein neues Konzept. Eine Freundin von mir arbeitet in einem Möbelhaus, die bekommen nur alle zwei bis drei Wochen neue Produkte. Die Art und Menge der Waren gestalten den Job also sehr unterschiedlich. Außerdem kommt es darauf an, was das Unternehmen will: Mein aktueller Arbeitgeber legt den Fokus darauf, welche Produkte sich am besten verkaufen – also den Kundinnen offensichtlich am besten gefallen. Darauf richten wir viel im Raum aus.

bento: Wie viel verdient man als Visual Merchandiser?

Larissa: Zwischen 22.000 und 45.000 Euro brutto im Jahr sind möglich.

bento: Und welcher Aspekt gefällt dir am besten?

Larissa: Ich mag den kreativen Teil meiner Arbeit besonders. Durch die Vorgaben der Zentrale darf ich mich oft nicht komplett ausleben – aber wenn ich mal die Erlaubnis habe, dann tobe ich mich aus.


Gerechtigkeit

Lieferando-Fahrer: "Wir gehen in den Park, wenn wir aufs Klo müssen"
Die Coronakrise könnte Deutschlands größten Lieferdienst noch länger beschäftigen.

Wenn Noel* bei seiner Arbeit geschützt sein möchte, geht er davor oft noch einkaufen. Seit Wochen wartet der 21-jährige Lieferando-Fahrer darauf, dass sein Arbeitgeber ihm Desinfektionsmittel zur Verfügung stellt. In den Medien kündigte das Unternehmen bereits im März an, den Mitarbeitern in der Coronakrise zu helfen. Doch interne Nachrichten zeigen, dass viele Fahrer bis heute vergeblich warten. Noel und einige Kollegen bunkern deshalb seit einiger Zeit Desinfektionsmittel. Sie schützen sich auf eigene Rechnung. 

Weil derzeit viele Deutsche viel Zeit zu Hause verbringen, könnten die Lieferdienste eine der wenigen Branchen sein, die von der Pandemie profitieren. Noel und seine Kollegen bringen das Essen vor die Haustür – aber sie fahren eben auch von einem Menschen zum nächsten.

Ihr Auftraggeber, Lieferando, ist der deutsche Marktführer für Essen, das nach Hause geliefert wird. In den vergangenen Jahren übernahm der Mutterkonzern TakeAway die Konkurrenz, das Unternehmen soll bald 10 Milliarden Euro wert sein (OMR).

Coronakrise belastet Lieferando offenbar stärker als bekannt

In Deutschland hat Lieferando seit der Coronakrise nach eigenen Angaben mehr als 2500 Restaurants neu hinzugewonnen. Doch gleichzeitig sollen auch Tausende Restaurants wegen Corona den Betrieb eingestellt haben. Fahrerinnen und Fahrern wurde von Lieferando angeboten, kurzfristig Urlaub einzureichen, weil man "die Sorge" der Fahrerinnen und Fahrer verstehe. In einer internen Mail, die bento vorliegt, ist allerdings auch von "gravierenden Einbrüchen bei den Orderzahlen" die Rede. 

Schutz für die Fahrer, die unterwegs sind, gibt es von Unternehmensseite her kaum.

Bereits Mitte März berichtete "Business Insider" über fehlende Desinfektionsmittel. Damals versprach das Unternehmen, seine Büros und Lager ausreichend zu versorgen: "Unsere Hubs in den betroffenen Gegenden wurden mit Hygieneausrüstung ausgestattet. Dazu gehört Seife und antibakterielles Desinfektionsmittel wie es beispielsweise in Krankenhäusern verwendet wird."