Virtual Reality Spezialistin Johanna Schmitt
Bild: privat
Berufe für unsere Eltern erklärt: Johanna erzählt, wie ihr Alltag aussieht und wie viel man in ihrem Beruf verdienen kann.

Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Als wir klein waren, fragten unsere Eltern, was wir werden wollen. Feuerwehrmann vielleicht? Oder Lehrerin? Traditionsberufe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Nun haben wir Berufe mit Namen wie Data Scientist oder Junior SEO Analyst. Und unsere Eltern fragen ratlos: Was machst du eigentlich? In dieser Reihe erklären wir es ihnen.

Johanna Schmitt, 29, arbeitet als "Virtual-Reality-Spezialistin" in einem Unternehmen, das für Kunden virtuelle Umgebungen erschafft.

bento: Johanna, was haben deine Eltern gesagt, als du ihnen von deinem Job als Virtual-Reality-Spezialistin erzählt hast?

Johanna Schmitt: Sie wussten erst gar nicht, was sie damit anfangen sollen. Mein Vater fragte sogar: Hat es was mit Computern zu tun? Als ich dann erklärt habe, dass virtuelle Realität bedeutet, dass man in Computerwelten eintaucht, waren sie zwar erst verwirrt, inzwischen verstehen sie es aber inzwischen ganz gut.

bento: Und was machst du genau?

Johanna: Wir entwickeln Marketing-Konzepte, um Produkte virtuell erlebbarer zu machen. Einer unserer Kunden ist zum Beispiel ein Uhren-Hersteller. Für ihn haben wir eine Uhr am Computer in 3D nachgebaut, um das Produkt im virtuellen Raum mithilfe einer VR-Brille näher erleben zu können. Dabei taucht der Nutzer in das Innere einer Uhr ein und kann sich zwischen den vielen Zahnrädern und Zeigern umsehen. So lässt sich die Uhren besser verstehen. 

Mein Job ist es dabei, zwischen dem Kunden und unserer Technik zu vermitteln. Ich erkläre, was möglich ist und ich berate die Kunden darin, was sich für sie und ihre Produkte an virtuellen Welten lohnt. Denn es ist unglaublich viel möglich: Der Kreativität sind bei VR keine Grenzen gesetzt - der Technologie und dem menschlichen Körper schon.

bento: Wie meinst du das mit dem menschlichen Körper?

Johanna: Mit VR täuschst du dein Gehirn – und darauf reagiert jeder Mensch anders. "Motionsickness" ist ein großes Thema: Wenn jemand in der VR-Brille sieht, dass sie oder er in einer Achterbahn fährt, in Wirklichkeit aber auf einem festen Stuhl sitzt, dann wird vielen schlecht. 

Außerdem tauchst du in die Welten, die du in einer VR-Brille siehst, viel tiefer ein als in einen Film auf der Leinwand. Man vergisst die Realität um sich herum. Das nennt man dann Immersion. Deshalb raten wir Kunden, den Einsatz extremer Emotionen, wie Grusel oder Angst, in der VR vorsichtig einzusetzen.

Virtuelle Realitäten sind auch in der Politik ein Thema – hier beim Girls Day im Bundeskanzlerinnenamt.

(Bild: Michael Kappeler/dpa)

bento: Warum ist dein Job wichtig?

Johanna: Mein Job ist so wichtig, weil ich Menschen unterschiedliche Möglichkeiten und Grenzen der VR aufzeige, denn die Einsatzbereiche mittels VR sind enorm vielfältig – besonders im Bereich "virtuelles Training". In der Psychologie kann man beispielsweise Angst-Patienten mithilfe von VR behandeln. Oder man kann Medizinstudenten virtuell in ein riesiges menschliches Herz setzen, damit sie Anatomie lernen. Für einen Naturfilmer haben wir digital Buckelwale nachgebaut, um das 40 Millionen Jahre alte Ökosystem der Wale virtuell erlebbar zu machen. So haben Menschen die Möglichkeit, einiges über diese gefährdeten Arten zu lernen, ohne in den Lebensraum eindringen zu müssen. 

Das Gefühl, vollkommen in einen virtuellen dreidimensionalen Raum einzutauchen, ermöglicht es uns, an Orte zu gelangen, die wir in unserer Realität nicht oder nur schwer erreichen können. Dadurch können wir bestimmte Dinge mit anderen Augen sehen. Da die Technologie noch sehr neu ist, muss man auch aufklären, wo die ethischen Grenzen liegen. Für Themen wie Gewalt und Datenmissbrauch müssen erst noch feste Regeln geschaffen werden.

bento: Wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir aus? 

Johanna: Da ich neben der Beratung auch eine koordinierende Stelle habe, führe ich am Tag viele Gespräche und Meetings. Und je nachdem, was dabei herauskommt, gestaltet sich dann mein Nachmittag. Da sitze ich am Rechner und bearbeite besprochene Dinge weiter: schreibe E-Mails, bereite Präsentationen und die nächsten Besprechungen vor. Deshalb gibt es eigentlich nicht den typischen Alltag bei mir, denn ich habe sehr unterschiedliche Meetings und daraus resultierende Aufgaben. 

bento: Was hast du zum Beispiel gestern gemacht?

Johanna: Gestern habe ich zum Beispiel mit einem Kollegen aus dem Sales-Team besprochen, was wir einem Kunden von uns anbieten können, um neue Projekte zu gewinnen. Dafür rede ich mit der Produktion darüber, wie viel Kapazität wir aufbringen können, und erarbeite mit dem Kreativ-Team Ideen für neue virtuelle Umgebungen für den Kunden. Alle Informationen gebe ich dann wieder an den Sales-Kollegen weiter, der daraus ein konkretes Angebot erstellt, das er und ich gemeinsam dem Kunden vorstellen werden.

bento: Was hast du gelernt, um Virtual-Reality-Spezialistin zu werden?

Johanna: Ich bin gelernte Automobilkauffrau und habe nach der Ausbildung noch Medienwirtschaft studiert. Das Thema CGI, also am Computer geschaffene Welten, ist auch in der Automobilbranche sehr groß. Wenn du eine Autowerbung siehst, dann fahren die Autos für gewöhnlich durch animierte Umgebungen – auf die Erschaffung solcher Welten ist die Firma, in der ich jetzt arbeite, spezialisiert. Durch meine Ausbildung im Automobil- und das Studium im Medienbereich habe ich dann meine Stelle bekommen. Das Technische war für mich komplett neu, da habe ich mich das erste halbe Jahr erst einarbeiten müssen.

Anfangs habe ich nur Automobilkunden betreut. Für einige Autohersteller haben wir 3D-Fahrzeug-Konfiguratoren entwickelt. Irgendwann fragte ein Kunde, ob man den Innenraum seines Wagens nicht mit einer VR-Brille erlebbar machen könnte, so, als würde der Nutzer im Auto sitzen. Die Nachfrage danach stieg auch bei anderen Kunden. So wuchs ich in den VR-Bereich. Inzwischen arbeite ich in unserem "Kreativ-Standort" in Hamburg, wo wir virtuelle Welten für Kunden aus allen Bereichen entwerfen. 

bento: Braucht man besondere Fähigkeiten für den Job?

Johanna: Für einige Kunden sind interaktive 3D-Umgebungen noch völlig neu. Es muss deshalb gelingen, zwischen den ganzen technischen Begriffen dem Kunden das Thema verständlich zu vermitteln. Man sollte also kommunikativ sein, empathisch und technisches Verständnis besitzen. 

In Museen können mithilfe von VR-Brille Dinge gezeigt werden, die es in der Wirklichkeit so nicht mehr gibt. 

(Bild: Carsten Koall/dpa)

bento: Ist der Job überall gleich?

Johanna: Der ganze VR-Bereich ist neu und wächst so schnell – ich kann mir nicht vorstellen, dass der Job in anderen Unternehmen genauso aussieht wie bei mir. Er verändert sich ja sogar bei mir noch ständig.

bento: Wie viel verdient man als Virtual-Reality-Spezialistin?

Johanna: Auch das ist schwer zu sagen, weil der Job so neu ist. Ich denke, es kommt darauf an, in welchem Bereich man arbeitet. Im Gaming, in Werbeagenturen und beim Film denke ich, dass Jahresgehälter von 40.000 bis 80.000 Euro brutto gerecht sind.

bento: Macht dir dein Job Spaß?

Johanna: Ja, ich finde das ganze Thema Virtual Reality so spannend, dass ich mich auch in meiner Freizeit inzwischen damit beschäftige. Mich faszinieren die vielen Möglichkeiten. Vielleicht können Sanitäter oder Feuerwehrmänner eines Tages per VR geschult werden, damit sie in Notsituationen keine Panik bekommen. Oder im Bereich New Work: Vielleicht müssen wir bald weniger für die Arbeit reisen und können internationale Meetings virtuell abhalten. Ich bin sehr neugierig darauf, wohin sich das noch entwickelt.


Gerechtigkeit

Junge Protestbewegung in Italien: "Wir Sardinen sind das Gegengift"
Edoardo Caroli hat die Proteste gegen Matteo Salvini mitinitiiert. Im Interview spricht er über rechte Freunde, unterschiedliche Erfahrungen und große Pläne.

Es begann mit einem Flashmob. Junge Menschen wollten in Bologna gegen einen Wahlkampfauftritt von Matteo Salvini protestieren. Sich gegen den rechten Hardliner positionieren, gegen Rassismus und Hass, für Toleranz. Ziel war es, mehr Menschen zu versammeln als der frühere Innenminister Salvini und, eng gedrängt wie Sardinen, den größten Platz der Stadt zu füllen. Über Facebook starteten sie den Aufruf: "6000 Sardinen gegen Salvini". Es kamen mehr als doppelt so viele. (SPIEGEL)

Inzwischen fanden auch in anderen Regionen Demonstrationen statt. Hunderttausende protestierten friedlich gegen Salvinis Politik, oft sangen sie gemeinsam das bekannte Partisanenlied „Bella Ciao“, eine Hymne antifaschistischen Widerstands. 

Erklärtes Ziel der Bewegung ist jetzt, einen Sieg von Salvinis Partei Lega bei den Regionalwahlen in der Emilia-Romagna am 25. Januar zu verhindern. An diesem Sonntag finden in verschiedenen Städten wieder Demonstrationen statt, auch in München.

Edoardo Caroli hat die Sardinen-Proteste in seiner Heimatstadt Ravenna organisiert. Er ist zu einem der Gesichter der Bewegung geworden, spricht mit Journalisten und tritt im Fernsehen auf. Der 26-jährige hat Politikwissenschaften studiert, unter anderem in Brüssel. Zuletzt absolvierte er ein Trainee-Programm im italienischen Außenministerium.

Im Interview erzählt Edoardo, was die Sardinen erreichen wollen, auf welche Widerstände sie treffen und wie er damit umgeht, dass auch einige seiner Freunde die rechte Lega wählen.

bento: Eure Bewegung hat mittlerweile hunderttausende Menschen auf die Straße gebracht, doch die rechte Lega von Matteo Salvini ist in den Umfragen immer noch die mit Abstand stärkste Partei. Wie geht ihr damit um?

Edoardo Caroli: Unser Ziel ist es, die zu erreichen, die sonst nicht wählen gehen. Meiner Erfahrung nach kommen viele Menschen zu unseren Demonstrationen, die nicht wissen, wen sie wählen sollen. Viele wünschen sich jetzt von uns, aus der Bewegung eine Partei zu machen. Das werden wir aber nicht machen.

bento: Warum nicht? Umfragen zufolge hätte eine Sardinen-Partei ein hohes Wählerpotenzial. 

Edoardo: Wir wollen nicht selbst Politiker werden, wir wollen einen Weckruf senden. An die Menschen, die lieber auf dem Sofa bleiben, anstatt ihre Bürgerpflichten zu erfüllen. Wir sind alle gefragt, uns zu informieren, um eine bewusste Wahlentscheidung treffen zu können. 

Ja, Salvini ist immer noch stark. Aber wir hoffen, dass durch uns mehr Leute zur Wahl gehen, die dann nicht rechts wählen. Wir positionieren uns zwischen der Politik und den Wählerinnen und Wählern. Wir wollen, dass beide Seiten mehr Verantwortung zeigen. Die Politik gegenüber ihren Versprechungen und die Wähler, indem sie sich politisch engagieren.

bento: Die Sardinen wurden von jungen Menschen ins Leben gerufen. Seid ihr eine Jugendbewegung? 

Edoardo: Meiner Erfahrung nach kommen Menschen aller Generationen zu den Demonstrationen. Familien mit Kindern, junge Menschen, aber auch Ältere bis hin zu Senioren. Es macht mich besonders stolz, dass wir Jungen es geschafft haben, auch alte Menschen auf die Straße zu bringen.

bento: Es gibt das Vorurteil, das jüngere Menschen progressiver sind als ältere. Salvinis stramm rechte Lega hat aber auch sehr viele junge Unterstützer. Woran liegt das?

Edoardo: Eine Hauptbotschaft unserer Bewegung ist, dass wir eine andere politische Rhetorik brauchen. Wir haben genug von verkürzenden, populistischen Parolen. Die Rechte setzt auf vereinfachte Aussagen, die jeder versteht, die bei genauerer Betrachtung aber keinerlei Substanz haben. Das funktioniert auch bei jungen Leuten.

bento: Hast du in deinem persönlichen Umfeld Menschen, die Salvini unterstützen?

Edoardo: Ja. Einige meiner Freunde haben die Lega gewählt.

bento: Warum?

Edoardo: Ich glaube, dass Bildung eine wichtige Rolle spielt und Auswirkungen auf die Weltoffenheit von Menschen hat. Wer weltoffener ist, reist eher, lernt andere Sprachen, lernt andere Kulturen kennen, ist neugieriger. Diesen Unterschied sehe ich zwischen mir und meinen Freunden, die Lega gewählt haben.         

bento: Wie gehst du damit um?

Edoardo: Ich versuche, mit ihnen darüber zu sprechen. Zu argumentieren, dass Diversität eine Gesellschaft stärkt. Sie hören mir auch zu, aber an einem Punkt endet die Diskussion immer mit den Worten: Edoardo, du bist anders als wir. Du hast im Ausland gelebt, sprichst vier Sprachen, du hast eine andere Mentalität. Sie sind sehr stur.