Bild: Unsplash/Nicole Wolf
Am fünften Tag ruhen sie – oder doch nicht?

Im August dieses Jahres schickte Microsoft seine Angestellten in der japanischen Filiale schon am Donnerstag ins Wochenende. Freitag, Samstag, Sonntag frei, bei gleichbleibendem Gehalt – eine sogenannte Vier-Tage-Woche im Test. Die erbrachte Leistung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steigerte sich im Versuchszeitraum um knapp 40 Prozent, wie der Konzern bekanntgab. 92 Prozent der Beschäftigten gaben in einer Befragung an, dass ihnen das Konzept der Vier-Tage-Woche gefalle. Der Test verlief so gut, dass Microsoft einen weiteren Probelauf ankündigte. (SPIEGEL)

Auch in Deutschland befindet sich die Vier-Tage-Woche in der Testphase, einige Unternehmen haben das Modell schon eingeführt. Konkrete Erkenntnisse über die Auswirkungen gibt es noch nicht, doch viele Arbeitnehmer wären offen dafür: Laut der repräsentativen Studie "Arbeitsmotivation 2019", die das Marktforschungsinstitut Toluna im Auftrag des Personaldienstleisters ManpowerGroup mit 1004 Befragten durchgeführt hat, würden 55 Prozent der Deutschen sogar finanzielle Einbußen hinnehmen, wenn sie nur vier Tage pro Woche arbeiten müssten.

Was machen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eigentlich am fünften Tag ihrer Vier-Tage-Woche? Verbringen sie die Zeit entspannt auf dem Sofa – oder können sie gar nicht richtig abschalten?

Klar, wer ein Kind hat oder Angehörige pflegen muss, ist an dem freien Tag sehr wahrscheinlich damit beschäftigt. Wie sieht es allerdings aus, wenn man die Zeit einfach frei nutzen kann?

Wir haben bei drei Arbeitnehmerinnen nachgefragt. Sie sind bei Firmen angestellt, die die Vier-Tage-Woche schon für alle eingeführt haben oder konnten sich frei aussuchen, ob sie vier oder fünf Tage arbeiten wollen, gegebenenfalls auch für etwas weniger Gehalt.

Arbeiten alle in einer Vier-Tage-Woche (von links): Maximiliane, Janina und Jasmin

(Bild: privat)

Maximiliane Stratmann, 26, arbeitet in der Unternehmenskommunikation bei einer Bank. Sie versucht, auch an ihrem freien Tag früh aufzustehen, um nicht aus dem Wochenrhythmus zu kommen. Sie packt ihren Tag voll, geht zum Sport, trifft viele Freunde. "Ich habe mir für den freien Tag noch nie nichts vorgenommen. Ich möchte ihn aktiv gestalten", erzählt sie. Sie hat – anders als bei Microsoft in Japan – immer mittwochs frei. Ihr gefällt das, weil die Arbeit dadurch etwas entzerrt werde und man die Möglichkeit zum Durchatmen habe.

Seinen Rhythmus beibehalten oder einfach gar nichts machen – was ist sinnvoller als Arbeitnehmerin?

Das weiß der Zukunftswissenschaftler und Freizeitforscher Professor Dr. Ulrich Reinhardt. Er sagt: "Freizeit soll der Regeneration und Erholung dienen. Man soll fit werden für den nächsten Arbeitstag." Den freien Tag solle man sich daher grundsätzlich freihalten.

Professor Dr. Ulrich Reinhardt

Jahrgang 1970. Zukunftswissenschaftler und Wissenschaftlicher Leiter der "Stiftung für Zukunftsfragen – eine Initiative von British American Tobacco". Hält eine Professur für Empirische Zukunftsforschung am Fachbereich Wirtschaft der FH Westküste in Heide.

1999 schloss er sein Studium der Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Universität Hamburg ab und begann als Promotionsstudent im damaligen "BAT-Freizeit-Forschungsinstitut". Anschließend übernahm er verschiedene Aufgaben im Institut, ehe er 2007 geschäftsführendes Vorstandsmitglied der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen wurde.

„Mehr Spontanität ist der größte Freizeitwunsch deutscher Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie möchten weniger verplant sein, sich quasi mehr der klassischen Muße hingeben, fast wie in der Antike.“
Professor Dr. Ulrich Reinhardt

Doch auch bei Janina Schwan, 25, ist der freie Tag strikt durchgeplant. Sie ist Projektmanagerin bei einer Werbeagentur und studiert berufsbegleitend. Janina hat freitags frei und nutzt den Tag, um sich auf die Uni am Samstag vorzubereiten. "Ich stehe sehr früh auf und gehe um 8 Uhr gleich zum Sport, damit ich zumindest ein bisschen meinen Hobbys nachgehen kann", erzählt sie. Danach erledigt sie noch ein paar schnelle Einkäufe, bevor sie sich an den Schreibtisch setzt und lernt. "Ich wüsste nicht, wie ich das zeitlich anders schaffen sollte", sagt sie.

Den fünften Tag durchzuplanen widerspreche dem eigentlichen Gedanken der Vier-Tage-Woche, sagt Ulrich Reinhardt: "Wir versuchen gerade, unser ganzes Leben zu optimieren. Die Freizeit so effektiv wie möglich zu nutzen, um dadurch wieder neue freie Zeitfenster zu haben, ist eher kontraproduktiv." Am freien Tag solle man sich nur mit Dingen beschäftigen, die man freiwillig und aus eigener Motivation tun möchte. Nach einem besonders stressigen Donnerstag sei es nicht sinnvoll, sich am freien Freitagmorgen zum Sport zu zwingen – man müsse dann entscheiden, wonach einem der Kopf stehe. Manchmal täte es auch gut, einfach auszuschlafen oder auf dem Sofa zu liegen.

Zeit könne man in vier Phasen unterteilen, erklärt Ulrich Reinhardt.

Und zwar in Schlaf, Determinationszeit (klassische Arbeitszeit), Dispositionszeit (freie Zeit) und Obligationszeit (Dinge, die man außerhalb des Arbeitsverhältnisses tun muss, wie zum Beispiel Einkäufe, Post beantworten, etc.). Es sei sinnvoll, sich für die letztgenannte Kategorie ein Zeitfenster festzulegen. "Dann kann man vorher in Ruhe auf dem Balkon Kaffee trinken und danach fernsehen oder Spazieren gehen. Ohne, dass man ein schlechtes Gewissen hat", sagt der Freizeitforscher.

Auch Jasmin Weber, 27, Beraterin in einer PR-Agentur, hat freitags frei. "Der Vormittag ist mir inzwischen schon fast heilig", erzählt sie. "Da genieße ich die Zeit nur für mich." Sie schläft aus, frühstückt ausführlich und arbeitet dann in Ruhe ihre To-Do-Liste ab. Am frühen Nachmittag ist sie damit meist fertig. "Für mich kann das Wochenende dann wirklich Wochenende sein. Was andere da noch erledigen müssen, habe ich schon am Freitag gemacht", sagt sie.

Eignet sich also der Freitag am besten als freier Tag, um schon alles zu erledigen, wie Jasmin es macht?

Das sei individuell unterschiedlich, erklärt Ulrich Reinhardt. "Aus wissenschaftlicher Sicht würde ich allerdings für den Mittwoch plädieren", sagt er. "Dann ist die Woche weiter aufgesplittet und man hat mehr Zeit, um neue Kräfte zu sammeln." Der Mittwoch sei für alle gut geeignet – egal, ob sie körperliche oder geistige Arbeit verrichteten. 

Die Gefahr vom freien Freitag oder Montag sei, dass man völlig aus dem Rhythmus gerissen werde. Man habe das Gefühl eines verlängerten Wochenendes, einer Art Kurzurlaub. "Dadurch stresst man sich aber nochmal mehr, weil man Tanten und Onkel besuchen, in den Freizeitpark fahren und am besten noch einen Städtetrip machen will", erklärt Ulrich Reinhardt. Man müsse in der Freizeit frei von und nicht frei für etwas sein.

1967 wurde in Deutschland die Fünf-Tage-Woche eingeführt. Dies war bis dato die letzte Arbeitszeitverkürzung.

"Die Vier-Tage-Woche ist eigentlich überfällig und würde dem Zeitgeist entsprechen", sagt der Forscher. Er hinterfrage in dieser Hinsicht auch den Nutzen der Digitalisierung. Für vieles würden Menschen nicht mehr gebraucht – die Konsequenz daraus könne nicht sein, dass sie genauso viel arbeiten wie früher.

„Eigentlich müssten wir weniger Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen und dafür mehr Zeit für Ehrenämter, Selbstverwirklichung oder Familie haben.“
Professor Dr. Ulrich Reinhardt

Maximiliane und Jasmin sind zufrieden mit ihrer Vier-Tage-Woche. Sie können sich zwar vorstellen, irgendwann auch mal in einem Fünf-Tage-Modell zu arbeiten, haben dies aber kurzfristig nicht vor. Auch Janina wird nach ihrem berufsbegleitenden Studium erstmal die verkürzte Woche beibehalten – "um in den Genuss richtiger Freizeit zu kommen."


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Philipp: "Ich freue mich sehr über das Geld. Ich hätte ja echt nicht damit gerechnet, aber es hat funktioniert. Das Geld setze ich für einen Festivalbesuch ein."