Wenn das Telefon klingelt, dann muss es ganz schnell gehen. Egal, was war: Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter sind hauptberuflich in Eile, immer könnten Sekunden darüber entscheiden, ob ein Mensch weiterlebt oder stirbt.

Das klingt aufregend. Aber ist der Job ein Abenteuer? Wie gehen Rettungskräfte damit um, wenn sie jemandem nicht mehr helfen können? Was mögen sie an ihrem Beruf?

Hier erzählen drei Sanitäter von ihren Erfahrungen.

Erwartung vs. Realität

Manchmal kommen die Dinge anders, als wir dachten – vor allem im Job. Was im Bewerbungsgespräch super klang, kann in der Praxis überhaupt keinen Spaß machen, oder umgekehrt. Davon erfahren wir aber häufig erst dann, wenn wir schon mittendrin stecken. Haben sich die Erwartungen erfüllt, wurden sie übertroffen, oder würden wir am liebsten gleich wieder kündigen? In dieser Serie erzählen Menschen vom Vorher und vom Nachher.

Antonia, 28

Antonia, 28, bei einer Übung.(Bild: privat)

Was ich erwartete: Einen Job, bei dem mir nie langweilig wird und Abwechslung auf der Tagesordnung steht. Außerdem war schon mein Vater Rettungsschwimmer, mein Opa Feuerwehrmann. Das Blaulicht liegt bei unserer Familie also im Blut. Da dachte ich mir: Warum nicht die Tradition fortsetzten?

Wie es wirklich ist: Tatsächlich ist jeder Einsatz, jeder Patient und damit auch jeder Tag anders. Klar, weiß ich inzwischen, wie ich mit einem Schlaganfall oder einem Autounfall umgehe. 

Dennoch: Für Sanitäter gibt es keine Routine und auch nach neun Jahren Rettungsdienst finde ich meine Arbeit nach wie vor super spannend – und emotional. 

Das merke ich vor allem, wenn ich von den Kollegen beäugt werde.
Antonia

Niemand stört sich daran, dass ich eine Frau bin, aber so richtig akzeptiert war ich in der Runde erst, nachdem ich allen klargemacht hatte, dass ich nicht anfange zu heulen, wenn mir mal ein Nagel abbricht.

Geht der Alarm, sind wir alle gleich. Und es ist jedes Mal wie im Film. Wir lassen alles stehen und liegen und es geht los.

Freunde haben mich anfangs öfter gefragt, wie ich damit umgehe, wenn ich einem Patienten mal nicht mehr helfen kann. Es ist so: Es ist sehr schwer. Und es gibt kein Patentrezept. Es hilft nur, darüber zu sprechen, das machen wir oft mit dem ganzen Team. 

Meine erste Tote war eine ältere Frau.
Antonia

Sie hatte einen Herzinfarkt und lebte schon nicht mehr, als wir eintrafen. Ich wusste, dass ich dafür nichts kann, trotzdem fragte ich mich unaufhörlich: Hätten wir nicht ein bisschen schneller sein können? Warum waren wir nicht schneller?

Seitdem ich Mutter bin – meine Tochter ist mittlerweile drei Jahre – bin ich noch empathischer geworden und muss wirklich darauf achten, solche Fälle nicht an mich ranzulassen.

Wenn es zu ruhig ist bei uns, habe ich machmal ein schlechtes Gewissen. Dann denke ich an die ganzen Pflegerinnen und Pfleger, die jede Nacht Akkordarbeit leisten und mit der Versorgung ihrer Patienten kaum hinterher kommen. Besonders stark ist das schlechte Gewissen nach einer Dornröschenwache – so nennen wir die Nachtschichten, in denen absolut gar nichts passiert.

Peter, 24

Peter, 24(Bild: privat)

Was ich erwartete: Viel Action, viele Heldentaten, zwischendurch mal eine Wunde versorgen und Leben retten. Das ist das klassische Bild, das die meisten im Kopf haben, wenn sie an den Beruf des Notfallsanitäters denken – und auch ich habe mir die Arbeit so vorgestellt.

Wie es wirklich ist: Die Realität sieht anders aus. Natürlich gibt es die berüchtigten Motorradunfälle und Reanimationen, häufiger sind es jedoch kleine Wehwehchen, wegen derer wir gerufen werden. Heißt: Bauchschmerzen, Übelkeit, eingeklemmter Finger. Ich bin dann kein Actionheld, sondern Seelsorger.

Die Hemmschwelle, die 112 zu wählen, ist in den letzten Jahren gesunken.
Peter

Mich macht das oft wütend. Nicht nur, weil ich nicht verstehe, wie jemand darauf kommt, sich vom Rettungsdienst eine Schnittwunde verarzten zu lassen, sondern auch, weil im selben Moment drei Straßen weiter ein kleines Kind angefahren werden könnte und ich dann nicht helfen kann, weil ich jemanden ein Pflaster auf den Finger kleben muss.

Peter und seine Kollegen bei einer Übung.(Bild: privat)

Wenn ich die Menschen frage, warum sie angerufen haben, kommt auch oft die Google-Antwort: "Ich habe da ein Ziehen in der Brust und Google meinte, das könnte ein Herzinfarkt sein." 

Manche Menschen sind auch einfach einsam. Alleinstehende Rentner sind unsere Stammkunden. Sie wollen häufig einfach nur reden. Gerade zu Weihnachten häufen sich die Anrufe, dann ist der zu hohe Blutdruck nur ein Vorwand.

Und dann gab es diesen Anruf, neulich, er war wunderschön und anders als alles, was wir bisher hatten. Eine Frau war dran, hochschwanger, die Fruchtblase war geplatzt und sie musste ins Krankenhaus.

Als wir bei ihr zuhause eintrafen, war der Muttermund jedoch schon so weit geöffnet, dass klar war: Ins Krankenhaus schaffen wir es nicht mehr. Wir verständigten eine Hebamme, legten die Frau aufs Sofa – doch es ging so schnell, dass am Ende ich derjenige war, der ihr half, das Kind auf die  Welt zu bringen.

Maren, 22

Maren, 22(Bild: privat)

Was ich erwartete: Einen Job, der Sinn macht und bei dem ich Menschen helfen kann. Ich wollte deswegen auch eigentlich Medizin studieren. Wegen dem dauerhaft hohen NC entschied ich mich allerdings für eine Ausbildung zur Rettungsassistentin – auch, um die Wartezeit sinnvoll zu überbrücken.

Wie es wirklich ist: Von älteren Patienten und Patientinnen höre ich oft, wie toll sie es finden, dass eine Frau wie ich so einen "harten Job" macht. Und: "Früher wäre das nicht denkbar gewesen."

Tatsächlich ist das Berufsfeld Rettungsdienst nach wie vor eine Männerdomäne.
Maren

Selbst Frauen fragen mich mitunter, ob die Arbeit nicht zu anstrengend für mich ist. Ist sie nicht, ich schaffe alles. Reichen meine Kräfte mal nicht aus, bitte ich Kollegen um Hilfe – dafür sind wir schließlich ein Team.

Schwierig wird es in ganz anderen Situationen. Mit einer Kollegin kümmerte ich mich mal um einen älteren Herrn. Das Problem: Von Frauen wollte er sich partout nicht behandeln lassen. Offensichtlich hatte er einen Migrationshintergrund, kam aus einer anderen Kultur.

Wir erklärten ihm, dass in Deutschland keine geschlechterspezifische Behandlung möglich ist – und dass wir dafür gar nicht das Personal haben. Das sah er dann zum Glück auch ein. 

Eine Notfallsanitäterin erzählte neulich, dass sie und ihr Team, wenn sie einen Patienten in kritischem Zustand im Rettungswagen haben, eine Wette abschließen, ob er es lebend bis zum Krankenhaus schafft. Wer verliert, zahle den nächsten Burger. 

Mich hat diese Aussage extrem schockiert!
Maren

Klar kann so ein Zynismus dabei helfen, mit schwierigen Fällen umzugehen. 

Meine Art der Stressbewältigung ist das allerdings nicht. Ich mache meinen Beruf gern. Denn auch, wenn wir uns so manche "Notfälle" sparen könnten, so gibt es eben auch die Patienten, die unsere Hilfe wirklich brauchen. Durch den Kontakt mit all diesen verschiedenen Menschen bleibt die Arbeit abwechslungsreich – und jeder Tag spannend!


Art

Diese syrischen Künstler bringen die Hoffnung in ihre zerstörte Heimatstadt zurück
"Dieses Kind hat eines seiner Augen im Krieg verloren. Aber es will dennoch Hoffnung verbreiten."

Sie nennen ihre Künstler-Gruppe "Wild Grass". Der Name soll zeigen, wie tapfer die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Yarmouk im Süden Syriens sind. Seit hier 2012 der Krieg begann, wurde die Stadt immer weiter zerstört.