Erwartung vs. Realität

Krawattenträger, Geldabzockerinnen – Immobilienmaklerinnen und -makler haben häufig einen schlechten Ruf. Besonders in Großstädten wie Hamburg oder Berlin, in denen die Mieten steigen und Wohnraum rarer wird. 

Immobilienmakler ist zudem keine geschützte Berufsbezeichnung. Das heißt: Für den Job braucht es weder eine geregelte Ausbildung noch ein Studium. Es gibt deswegen viele Quereinsteiger.

Doch kann den Job wirklich jeder machen? Ist das schlechte Image berechtigt? Und was versprechen sich Menschen von diesem Beruf? Hier erzählen vier Immobilienmaklerinnen und -makler von ihren Erfahrungen.

Erwartung vs. Realität

Manchmal kommen die Dinge anders, als wir dachten – vor allem im Job. Was im Bewerbungsgespräch super klang, kann in der Praxis überhaupt keinen Spaß machen. Oder umgekehrt. Davon erfahren wir aber häufig erst, wenn wir schon mittendrin stecken. Was ist jetzt besser: Geduld haben? Gleich wieder kündigen? Wie fangen Karrieren an – und wie enden sie? In dieser Serie erzählen Menschen davon.

Max, 26

Was ich erwartete: Dass ich Leute durch Wohnungen führe, mich nett mit ihnen unterhalte, zwischendurch mal einen Witz reiße und ihnen dann die Immobilien verkaufe – tja.

Wie es wirklich ist: Nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe. Die Arbeit eines Maklers ist deutlich komplexer. Ich schließe Leuten nicht nur die Tür auf und halte einen netten Plausch, ich muss mich in die Unterlagen von Häusern einarbeiten: Wann wurde das Dach das letzte Mal saniert? Wie hoch sind die Rücklagen? Was wurde in den letzten Eigentumsprotokollen festgehalten? 

Und gibt es Ratten im Keller?

Alles Fragen, auf die ich im Zweifel eine Antwort haben muss. Dazu kommt die Akquise – nicht nur die von Kunden, sondern auch die der Objekte.

Das Problem: Ich arbeite in Hamburg – und anders als früher gibt es heute kaum noch verfügbaren Wohnraum. Für mich als Selbstständigen bedeutet das: Ich brauche ein gutes Netzwerk. Nicht nur zu Eigentümern, sondern auch zu Hausverwaltungen und anderen Maklern.

Manchmal laufe ich auch einfach durch die Stadt, schaue mir an, welche Wohnungen leer stehen oder gerade renoviert werden und rufe die zuständige Hausverwaltung direkt an. Das nennt man dann Kaltakquise. 

Bis ich eine Immobilie aufgetrieben, den Kontakt zum Eigentümer hergestellt und dann einen passenden Käufer gefunden habe, kann es ein halbes Jahr dauern.

Dass Makler allgemein als Geldhaie verschrien sind, finde ich ungerecht. Der Verkauf von Immobilien ist ein enormer Wirtschaftszweig. Dementsprechend hat auch das Maklertum seine Berechtigung.

Alles klar, nehme ich!

(Bild: Unsplash / Anna Sullivan )


Doch es gibt eine Menge schwarze Scharfe. Menschen, die vielleicht gut mit Worten umgehen können, am Ende aber gar nicht wissen, was sie da eigentlich verkaufen. Meiner Erfahrung nach bleiben solche Laien nicht lange im Geschäft. Entweder gehen ihnen die Kunden aus. 

Oder sie begreifen selbst, dass man als Immobilienmakler einiges mehr leisten muss und nicht mal so zwischendurch seine zwei Millionen verdient.

Geht es um den Verkauf vermieteter Wohnungen, denken viele: "Jetzt geht es den alten Mietern an den Kragen." Das ist nicht richtig. Tatsächlich setze ich mich immer mit den Altmietern zusammen und erkundige mich nach ihrer Situation. Mitunter bekommen sie vom Eigentümer sogar eine ziemliche Stange Geld, um eine neue Wohnung zu finden. Denn eine leer stehende Wohnung ist gut 20 Prozent mehr wert als eine vermietete. 

Will der Mieter dennoch nicht ausziehen, suche ich einen Käufer, der die Immobilie lediglich als Kapitalanlage möchte. Dass das funktioniert, kann ich natürlich nicht versprechen.

Was bei solchen Diskussionen oft vergessen wird, ist die Seite des Verkäufers. Schließlich gibt es immer Gründe, warum jemand seine Wohnung verkauft. Manche haben Schulden, stehen kurz vor der Privatinsolvenz oder müssen die Beerdigung der Oma zahlen. Dass diese Seite so wenig beachtet wird, finde ich schade.

Silvia, 33

Was ich erwartete: Einen Job, bei dem ich viele unterschiedliche Leute kennenlerne und nicht den ganzen Tag über am Schreibtisch sitzen und E-Mails schreiben muss.

Wie es wirklich ist: Ich vertreibe hauptsächlich Eigentumswohnungen. Angefangen damit habe ich vor gut zweieinhalb Jahren – und seit dem hat sich der Immobilienmarkt ganz schön entwickelt. 

Okay, nehme ich auch!

(Bild: Unsplash / Daniil Silantev )

Sprich, die Wohnungen sind um gut 30 Prozent teurer geworden. Normale Leute können sich die kaum noch leisten. Es sei denn, sie haben geerbt.

In der Konsequenz habe ich es eigentlich nur noch mit ausländischen Investoren zu tun. Die meisten von ihnen sind stinkreich und wollen die Wohnung oder Häuser, die sie erwerben, einfach nur luxusrenovieren und dann teuer weitervermieten. Statt selbst in ihnen zu wohnen, nehmen sie die Wohnungen als Wertanlage.

Manche Investoren lerne ich nicht mal persönlich kennen. Stattdessen schicken sie eine Art Zwischen-Makler, also jemanden, der sich die Wohnung für sie anschaut und dann die Formalien erledigt.

Schwierig ist es, wenn in der Wohnung, die ich verkaufen soll, noch jemand wohnt. Denn die Mieter finden mich von vornherein unsympathisch. Für sie bin ich der Feind. Ich kann das auch verstehen: Die Mieter haben zwar einen Kündigungsschutz von bis zu zehn Jahren. 

Dennoch bleibe ich für sie die Person, die ihnen sagt, dass sie doch bitte so schnell wie möglich ausziehen sollen.

Mit dem Vorkaufsrecht, das ich ihnen anbiete, können sie für gewöhnlich nichts anfangen – woher sollen sie auch das Geld nehmen.

Manche Mieter lassen mich auch gar nicht in die Wohnung. Dann muss ich warten, bis sie ausziehen. Es gibt jedoch auch Firmen, die sich damit nicht abfinden, Anwälte einschalten, den Mietern trotz Kündigungsschutz mit Rausschmiss drohen oder ihnen Geld bieten. 

Richtig gemeine Makler beauftragen sogar Dritte, die den Mieter mit nächtelangem Klingeln terrorisieren – und zwar wochenlang. Das ist natürlich eine Straftat!

Sexismus ist unter den Investoren weit verbreitet. Ich hatte mal einen Investor, der mir während der Besichtigung stolz erzählte, dass er sich in Deutschland nur deshalb ein Haus kauft, um hier ungestört in den Puff gehen zu können. Seiner Frau und seinen Kindern sagte er dann, er sei auf Geschäftsreise. Als ich das hörte, hätte ich ihn am liebsten nach der Nummer seiner Frau gefragt, sie angerufen und ihr erzählt, was für einen Mistkerl sie da zum Mann hat.

Alex, 34

Was ich erwartete: Makler waren für mich immer unsympathische Typen mit Anzug und Krawatte, die – ist die Massenbesichtigungen erst mal vorbei – den Zufall entscheiden lassen, wer die Wohnung am Ende bekommt. Es sei denn, jemand gibt ihnen ein paar Hunderter extra. Warum ich jetzt selbst Makler bin? Ich wollte es anders machen.

Wie es wirklich ist: In der Firma, die ich mit einem Freund gegründet habe, gibt es keine Massenbesichtigungen. Wir schauen uns jede Bewerbung an und haken nach, ob der Mensch, der sich bewirbt, auch wirklich alle Voraussetzungen erfüllt. Ist das der Fall, laden wir ihn zu einer Einzelbesichtigung ein. 

Die nehm ich auch!

(Bild: Unsplash / Timothy Buck )

Womit ich bei dem Job allerdings nicht gerechnet habe, sind die Hausverwaltungen. Unsere Auftraggeber. Mit denen zusammenzuarbeiten, ist echt herausfordernd.

Ich lebe und arbeite in Berlin. Die Hausverwaltungen, mit denen wir es zu tun haben, sitzen hingegen woanders und die Mitarbeiter sind oft superkonservativ. Das heißt, jemand der "anders" ist, kommt ihnen nicht ins Haus. Auch nicht, wenn ich sage, dass der echt cool ist, alle finanziellen Voraussetzungen erfüllt und die Wohnung, um die es geht, in Kreuzberg oder Neuköln ist. 

Das finde ich nicht fair!

Wer es bei der Hausverwaltung ebenfalls schwer hat, sind Anwälte und Lehrer. Bei Anwälten fürchtet man sich vor Klagen und Lehrer haben den Stempel weg, sich ständig zu beschweren.

Zwischendurch bekommen wir auch immer mal wieder Bewerbungen von alleinerziehenden Müttern. Die tun mir mitunter ziemlich leid. Denn die meisten von ihnen arbeiten Teilzeit, haben keine Rücklagen – geschweige denn jemanden, der für sie bürgt – und wir müssen sie ablehnen. 

Das Gleiche gilt für Menschen, die einen Schufa-Eintrag haben. Egal, wie niedrig der Betrag ist, der Eintrag bedeutet: Die Wohnung kriegst du nicht. 

Malte, 27

Was ich erwartete: Einen Job, bei dem ich viel unterwegs bin und unterschiedliche Leute kennenlerne. Letztendlich ist der Beruf des Immobilienmaklers Vertriebsarbeit. Statt Autos verkaufe ich halt Wohnungen und Häuser.

Wie es wirklich ist: Schwierig ist es manchmal, wenn ich als 27-Jähriger einem gestandenen Firmenchef gegenüberstehe. Der erwartet in der Regel jemanden, der ebenfalls ein paar graue Haare hat und über eine gewisse Berufserfahrung verfügt. 

Einer meiner Lieblingskunden ist deswegen ein DJ. Supernett, entspannt, setzt mich bis heute auf die Gästeliste. 

Dass Makler oft einen schlechten Ruf haben, liegt meiner Ansicht auch daran, dass den Job fast jeder machen kann.

Das Einzige, was man braucht, ist ein Gewerbeschein. Das Resultat: unheimlich viele schlechte Makler, die gar nicht wissen, was sie da eigentlich verkaufen.

Ich habe eine dreijährige Ausbildung zum Immobilienkaufmann absolviert, bin mittlerweile seit gut fünf Jahren im Geschäft und mache meinen Job nach wie vor gern. 


Art

Ein Künstler aus Frankfurt verwandelt Gullydeckel – und es sieht einfach nur schön aus

Manches, was in unserem Alltag passiert, nehmen wir gar nicht mehr wahr. Umso besonderer ist dann ein Moment, in dem man einen sonst unscheinbaren Gegenstand plötzlich in einem anderen Licht sieht. 

Toastbrote, die aus den Schlitzen eines Kanaldeckels schauen, als sei der ein Toaster? Ein Regenbogen, der sich, ausgehend vom Kanaldeckel, über die Straße spannt? Ein kleiner Swimmingpool, mitten auf der Straße?