Bild: Fabian Pfitzinger
Der vorerst letzte Teil unserer Serie über Selbstständigkeit

Dieser Text ist der Abschluss unserer Kolumne über Selbstständigkeit. Die Autorin hat ihn verfasst, bevor das Coronavirus Tausende Menschen ins Homeoffice gezwungen hat und gerade für Freiberuflerinnen und Freiberufler zur Existenzbedrohung geworden ist.

Es ist genau ein Jahr her, dass ich mich selbstständig gemacht habe. Die beste Nachricht zuerst: Ich bin es immer noch und stolz drauf! Laut des Gründungsmonitors der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beenden etwa 30 Prozent der Gründerinnen und Gründer ihr Business in den ersten drei Geschäftsjahren wieder. Ich habe immerhin schon mal die erste Etappe geschafft.

Zur Erinnerung: Ende 2018 habe ich meinen Job als festangestellte Redakteurin in Bremen aufgegeben, jetzt arbeite ich als freie Journalistin in Berlin.

Meine eigene Chefin – unsere Kolumne für Selbstständige

Kristin Hermann, 29, hat beim "Weser Kurier" in Bremen volontiert und dort bis Sommer 2018 in der Lokalredaktion gearbeitet. Seit März 2019 ist sie als freie Journalistin in Berlin tätig. Hermann wäre beinahe schon an dem Antrag für den Gründungszuschuss gescheitert, hat sich am Ende aber doch durchgekämpft – mit Erfolg. In dieser Serie schreibt sie über die Herausforderungen für Selbstständige und erklärt zukünftigen Gründerinnen, was es zu beachten gilt.

In den vergangenen Monaten habe ich unglaublich viel gelernt. Zum Beispiel wie ich Zuschüsse oder Kredite für eine Gründung bekomme, wie ich Aufträge erhalte und für ein faires Honorar einstehe, oder wie ich es schaffe, mich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Nach nur einem Jahr bin ich mit Sicherheit kein Profi in all diesen Dingen. Aber selbst wenn ich mich irgendwann wieder für eine Festanstellung entscheiden sollte, habe ich schon jetzt einen reiferen und realistischeren Blick auf die Arbeitswelt bekommen. Ich weiß, was möglich ist – im Guten wie im Schlechten. Und das hilft mir, mich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln.

1 Ich weiß jetzt besser, was mir Spaß macht – und ich bin flexibler.

Als Freelancerin arbeite ich für mehrere Firmen. Ich kann selbst bestimmen, welche Aufträge ich annehme oder ablehne und muss mich nicht an die Weisungen eines festen Arbeitgebers halten. Klar, ich muss mich immer wieder aufs Neue auf die Bedürfnisse und Vorlieben meiner Kunden einstellen – und das stellt mich regelmäßig vor Herausforderungen. Ich habe aber den Eindruck, dass ich dadurch flexibler, offener und kritikfähiger geworden bin, als ich es während meiner Zeit als Festangestellte war. Ich finde es spannend und inspirierend, so viele verschiedene Menschen und Methoden kennenzulernen. Und ich habe mehr Spielraum, meine Ideen umzusetzen.

Dass ich nicht an einen Arbeitgeber gebunden bin, hat noch einen Vorteil: Ich kann mir meine Zeit selbst einteilen. Dadurch kann ich deutlich flexibler reagieren, sollte es mal einen Notfall in meiner Familie geben. Und ich kann besser auf mich und meine Leistungsfähigkeit eingehen: Natürlich habe auch ich immer wieder Tage, an denen ich nicht zu 100 Prozent bei der Sache bin. Aber während ich früher trotzdem im Büro sitzen musste, kann ich jetzt zum Beispiel einen Mittwoch in einen Sonntag verwandeln – und dafür an einem Sonntag arbeiten.

2 Ich muss mir selbst Regeln geben, denn ich bin für mich und meine Arbeit verantwortlich.

Diese flexible Arbeitsweise verlangt mir gleichzeitig enorm viel Selbstdisziplin ab. Es gibt niemanden mehr, der kontrolliert, wie ich meinen Alltag gestalte. Was früher der Arbeitgeber vorgegeben hat, muss heute ich übernehmen, ich muss Arbeitszeiten und Abläufe selbst festlegen. Aus Gesprächen mit anderen Gründerinnen weiß ich, dass die freie Zeiteinteilung für viele Freiberufler eine der größten Herausforderungen ist.

Dazu gehört im Übrigen auch, nicht 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche erreichbar zu sein. Mir fällt das schwer, schließlich brauche ich nur mein Smartphone, um immer und von überall antworten zu können. Doch auf Dauer sind Auszeiten wichtig. Ich arbeite inzwischen in einem Coworking-Space, damit sich meine private und berufliche Welt nicht zu sehr vermischen.

3 Ich muss mich um Akquise, Buchhaltung und Versicherungen kümmern – in anderen Worten: um Geld.

Durch die Gründung hat Geld einen anderen Stellenwert für mich bekommen. Als Selbstständige bekomme ich am Monatsende nicht einfach einen Gehaltszettel. Ich muss mich zwangsläufig mit Akquise auseinander setzen, mit Buchhaltung und Versicherungen. Dadurch habe ich überhaupt erst begriffen, wie viel Zeit es kostet, einen Lebensunterhalt zu verdienen – und wie viel Geld, Gesundheit und Altersvorsorge abzusichern. Seit meiner Gründung habe ich mich bewusst mit Dingen beschäftigt, die während meiner Zeit als Festangestellte eher nebenherliefen.

Ich bin dankbar dafür, dass ich mich in meinem Alltag finanziell bisher nicht großartig einschränken musste. Ich kann meine Miete bezahlen, meine Versicherungen und meinen Büroplatz, ich gehe mit Freunden in Restaurants und fahre in den Urlaub. Aber um bei der Wahrheit zu bleiben: Ich verdiene (noch) nicht genug, um am Monatsende so viel beiseitelegen zu können, dass ich langfristig entspannt leben kann. Aber zumindest habe ich einen finanziellen Puffer auf dem Konto und breche nicht gleich in Panik aus, wenn Kunden in Zahlungsverzug sind oder ein Monat mal nicht so gut läuft. Zu einem solchen Puffer würde ich allen raten, die sich selbstständig machen wollen. Denn Geld kann schnell belastend werden.

Deshalb sollten wir auch viel mehr darüber reden. Ich bin mittlerweile überzeugt: Man profitiert, wenn man sich mit anderen über Honorare austauscht, anstatt ein großes Geheimnis daraus zu machen. Nur so bekommt man ein Gefühl dafür. Wenn ich langfristig erfolgreich sein will, muss ich in meinem kleinen Rahmen Unternehmerinnengeist besitzen und "Nein" sagen können, wenn mich ein Auftrag zwar inhaltlich reizt, aber nicht genug Geld bringt. Genauso andersherum: wenn etwas finanziell reizvoll ist, aber nicht zu meiner Marke passt.

4 Ich habe auch die Schattenseiten von Arbeit gesehen.

So schön und aufregend das alles ist: In den vergangenen zwölf Monaten habe ich auch erfahren, wie wenig Empathie und Respekt Freiberuflerinnen mitunter entgegengebracht wird. Es gab Momente, in denen habe ich an meinem Auftreten und Können gezweifelt, weil ich entweder gar keine Rückmeldung bekommen habe, mit einem unterkühlten Satz abgespeist wurde oder mir zwar abgesagt, meine Themenidee aber geklaut wurde. Ich musste erst lernen, damit umzugehen, aber letztendlich bin ich daran gewachsen und stärker geworden.

Es gibt immer noch Tage, da bin ich genervt, weil ich wieder wegen eines Honorars nachfragen muss, obwohl ich meinen Auftrag fristgerecht abgeliefert habe. Meist lohnt es, sich in den anderen hineinzuversetzen und das Problem anzusprechen. Meiner Erfahrung nach reagieren die meisten Auftraggeber mit Verständnis und handeln relativ schnell. Seit ich selbstständig bin, habe ich auch meine eigenen Verhaltensweisen während meiner Festanstellung kritisch hinterfragt – ich glaube, ich würde nun viel sensibler mit Freiberuflern umgehen.

Mein Fazit fällt also durchaus gemischt aus. 

Nach wie vor glaube ich, dass es der richtige Schritt war, mich selbstständig zu machen – auch wenn es Momente gibt, in denen ich mir die Struktur und Sicherheit einer Festanstellung zurückwünsche. Aber im Moment überwiegen für mich die positiven Erfahrungen und ich möchte es nicht missen, meine eigene Chefin zu sein!


Streaming

Fünf sehr lange Filme, für die du jetzt Zeit hast
Stoff für endlose Quarantäne-Tage

In Deutschland wird das öffentliche Leben immer weiter zurückgefahren. Viele Leute arbeiten im Homeoffice oder sind in Quarantäne – und haben schon nach ein paar Tagen das Gefühl, die Decke falle ihnen auf den Kopf. 

Ein Gutes allerdings haben die Social-Distancing-Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus: Man hat Zeit für Dinge, die im normalen Alltag zu lange dauern – zum Beispiel Filme, die länger als zwei Stunden sind und bei denen man sonst irgendwann auf der Couch wegnickt.

Hier sind fünf Film-Empfehlungen, für die ihr euch jetzt Zeit nehmen könnt:

The Hateful 8 (2015): 187 Minuten

Marc tauscht Wohnzimmer-Quarantäne gegen Western-Quarantäne.